Gestörte Mutterliebe
Tumor, Allergie, Hormone - woran leidet die kleine Anna? Dann kommt den Ärzten ein Verdacht

Eine Mutter erscheint mit ihrer Tochter in der Notfallaufnahme. Immer wieder. Eine Erklärung für die angeblichen Leiden der kleinen Anna finden die Ärzte nicht. Bis sie einen Verdacht schöpfen.

Annika Bangerter
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Das Mädchen ist nicht krank. Dann merken die Ärzte: Mit der Mutter scheint etwas nicht zu stimmen.

Das Mädchen ist nicht krank. Dann merken die Ärzte: Mit der Mutter scheint etwas nicht zu stimmen.

Illustration Alexia Papadopoulos

Im Kindergarten darf sich Anna* nicht frei bewegen. Sie darf nicht an der Tauschbörse der Znünis mithandeln. Für das Mädchen gelten andere Regeln. So will es Claudia*, ihre Mutter: Anna dürfe nicht allein aufs WC, nicht allein Treppenlaufen, kein Essen probieren. «Rigid» sei dies, hält die Kindergärtnerin fest. Sie sieht Anna weniger als ihre anderen Schützlinge. Das Mädchen ist häufig krank, kommt zu spät in den Unterricht.

Nach Annas ersten vier Monaten im Kindergarten warnt die Lehrerin. Bei der Basler Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) fordert sie Hilfe an: Das Mädchen sei zwar kognitiv stark, zeige aber eine verzögerte Entwicklung.

"Dringend Hilfe"

Die Kesb kennt Anna bereits, wie aus einem Gerichtsurteil hervorgeht. Als sie vier Jahre alt war, hatte die Krippenleiterin Alarm geschlagen. Das Kind brauche «dringend Hilfe». Die Mutter berichte über allergische Schocks, die in der Krippe aber nie auftreten. Anna wirke nach diesen geschilderten Vorkommnissen verstört und sei «in einem sehr schlechten Zustand».

Das sagt der Psychiater

Die Krippenleiterin sagt gegenüber der Kesb, die Mutter würde Anna «krankreden» und ihre Entwicklung hemmen. Gleichzeitig beschreibt sie Claudia als fürsorglich. Ähnlich klingt es bei der Kindergärtnerin. Die Mutter sei kooperativ und freundlich. Ihr liege viel am Wohl der Tochter.

Sind die Eltern erziehungsfähig?

Die Behörden nehmen die Meldungen ernst. Nach dem ersten Hinweis aus der Kita beschliesst die Kesb, Anna medizinisch abklären zu lassen. Zudem fordert das Amt ein Gutachten über die Erziehungsfähigkeit der Eltern an.

Zwei Jahre später können weder Ärzte noch Psychologen eine Einschätzung abgeben. Claudia liess Termine platzen, sagte Untersuchungen ab. Ähnlich wie den Fachleuten erging es dem Vater. Er lebt getrennt von Claudia, die das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter hat. Obwohl er Anna regelmässig sehen möchte und sich auf begleitete Besuche einlässt, boykottiert die Mutter die Treffen wiederholt. Sie schottet die Tochter von ihm ab. Als Begründung gibt sie deren angeblichen Allergien, eine Additiva-Intoleranz und Wahrnehmungsprobleme der Tochter an.

Wegen dieser Symptome sucht Claudia wiederholt den Notfall des Universitären Kinderspitals beider Basel (UKBB) auf. Sie schildert allergische Reaktionen der Tochter. Die Ärzte können diese jedoch nicht mehr feststellen.

Lange auf der falschen Fährte

Bereits als Anna drei Jahre alt war, kommt ein Facharzt für Allergologie zum Schluss, dass Anna nicht an einer gefährlichen Allergie leide. Das Mädchen weise lediglich eine ungefährliche Pseudoallergie auf. Zwei Jahre später bestätigt ein weiterer Facharzt die Diagnose. Gleichzeitig hält er fest, dass die Mutter an einer definitiven Beurteilung gar nicht interessiert sei. Dennoch gehen Ärzte weiterhin verschiedenen Ängsten der Mutter nach. Ein Tumor? Ein MRI zeigt nichts. Die Allergien? Ein Screening ergibt nichts. Auch die Hormone des Mädchens nehmen die Fachleute unter die Lupe. Kein Befund.

Alles wegen der Mutter

Als das Mädchen sechs Jahre alt ist, kommen Ärzte zum Schluss: Das Mädchen ist zahlreichen unnötigen Untersuchungen ausgesetzt worden. Wegen der Mutter. Statt bei Anna vermuten sie nun bei Claudia eine Krankheit. Der Begriff Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom fällt. Die Mutter mache das Kind krank. Ohne ihren Einfluss wäre es gesund.

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Die Krankheit ist äusserst selten. Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom wurde wie das Münchhausen-Syndrom nach Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen, dem «Lügenbaron», benannt. Das Stellvertreter-Syndrom beschreibt Eltern, die Krankheiten meist bei ihren Kindern erfinden, übersteigern oder selber verursachen. Der Elternteil – in der Regel die Mutter – verlangt daraufhin medizinische Behandlungen. Es handelt sich um eine Form der Kindsmisshandlung, die im schlimmsten Fall gefährliche Folgen haben kann. In einem Fall vor mehr als sechs Jahren vergiftete die Mutter ihre Tochter mit Valium.

Die Krankheit tritt äusserst selten auf. Die Fachgruppe Kinderschutz der schweizerischen Kinderkliniken hat unter den gemeldeten 1500 Kindsmisshandlungen im vergangenen Jahr nur zwei Fälle von Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom festgestellt. Bei beiden handle es sich um Verdachtsfälle, sagt Markus Wopmann, Chefarzt der Kinderklinik in Baden und Präsident der Fachgruppe. Er sagt, dass sich eine solche Annahme in den wenigsten Fällen beweisen lasse.

In den vergangenen neun Jahren habe er das lediglich einmal mitbekommen. Damals konnten Ärzte nachweisen, dass ein Kleinkind torkelte und wankte, weil ihm Schlafmittel verabreicht wurden. Die Mutter gestand in der Folge.

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom tritt vor allem bei Frauen auf. Die Perfidität liegt dabei im widersprüchlichen Verhalten: Die Mütter suchen immer wieder Ärzte auf, um ihnen nicht existente Krankheiten ihrer Kinder zu schildern. Sie berichten von Symptomen, die sich bei den Untersuchungen nicht mehr feststellen lassen. «Die Frauen sind häufig enorm fürsorglich und trumpfen durch die zahlreichen Arztbesuche mit Fachwissen auf. Neben ihnen verblassen die Väter», sagt Wopmann.

Krankheiten erfunden

Der Kinderarzt geht davon aus, dass neben den Verdachtsfällen eine weitaus höhere Dunkelziffer an betroffenen Kindern existiert. «Die Krankheit steht diametral unserer medizinischen Herangehensweise gegenüber.» Ärzte vertrauten den Schilderungen der Eltern. Dass sie Leiden erfinden oder das Kind gar krankpflegen, liege für viele Fachleute ausserhalb ihrer Vorstellungskraft, sagt Wopmann. Das zeigt sich auch daran, dass die Krankheit erst in den 1970er-Jahren erstmals beschrieben wurde.

Anna soll ins Spital

Bei Anna sind die Ärzte hellhörig geworden, wie Gerichtsurteile zeigen. Die Kinderschutzgruppe des Basler Kinderspitals empfiehlt der Kesb, das Mädchen zu hospitalisieren. Dadurch lasse sich klären, ob die von der Mutter beschriebenen Symptome tatsächlich nur dann auftreten, wenn sie alleine mit dem Mädchen ist.

Doch Claudia wehrt sich. Sie reicht gegen die Kinderschutzgruppe eine Klage wegen Ehrverletzung ein, flüchtet mit Anna ein halbes Jahr lang ins Ausland. Gegen die angeordneten Massnahmen der Kesb, unter anderem der Obhutsentzug, beginnt sie juristisch anzukämpfen. Kurz vor den Gerichtsterminen erscheint in der «Basler Zeitung» ein Artikel, der Claudias Sichtweise beschreibt. Der Kindsvater würde sie denunzieren. Er habe den Begriff Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom eingebracht, den die Ärzte unhinterfragt übernehmen würden.

Gemäss Claudia unterschlage die Kinderschutzgruppe einen wesentlichen Teil der Vorgeschichte; insbesondere, dass bei Anna «tatsächlich eine Allergie diagnostiziert» und ihr «starke Medikamente verschrieben» wurden.

Das Urteil des Bundesgerichts

Erst kürzlich hat das Bundesgericht die vorsorglichen Massnahmen der Kesb für rechtens erklärt. Gleichzeitig hat das höchste Gericht die Fremdplatzierung von Anna in einem Kinderheim bestätigt. Das Basler Kinderspital will den Fall nicht kommentieren. Der Leiter der Kesb Basel-Stadt, Patrick Fassbind, äussert sich ebenfalls nicht zum laufenden Verfahren. Generell sagt Fassbind: «Vorsorgliche Massnahmen erlassen wir nur, wenn ein Kind unmittelbar schwerstgefährdet ist. Das ist lediglich in unter fünf Prozent aller Kindesschutzverfahren nötig.»

Wo Anna in den nächsten Jahren aufwächst, unter welchen Umständen sie ihre Mutter sehen kann, muss nun die Kesb entscheiden. Ob der Fall damit abgeschlossen ist, bleibt fraglich. Gegen jeden Entscheid der Behörden lassen sich erneut juristische Schritte einleiten. Durch die Mutter.

Name geändert

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