Krisendiplomatie
Tue Gutes und rede nicht darüber: Aus diesen Gründen macht es die Schweiz so

Die Schweiz half, Dutzende als Geiseln gehaltene nigerianische Mädchen zu befreien. Trotz Erfolg hält sie sich bedeckt – aus guten Gründen.

Dennis Bühler
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Einige der von Boko Haram freigelassenen 82 Mädchen am Sonntag in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Keystone

Einige der von Boko Haram freigelassenen 82 Mädchen am Sonntag in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Keystone

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Die bewaffneten Männer kamen mitten in der Nacht. Ab dem 15. April 2014 befanden sich 287 Schülerinnen zwischen 12 und 17 Jahren, die bis dahin eine Schule in Chibok im Nordosten Nigerias besucht hatten, in der Gewalt der Terrormiliz Boko Haram. Wie Sklaven behandelt, wurden sie Opfer sexueller Übergriffe und zwangsverheiratet.

Nach zähen Verhandlungen übergab Boko Haram im vergangenen Oktober 21 Geiseln ans Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Am Sonntag wurden weitere 82 Mädchen freigelassen. Explizit dankte ein Sprecher des nigerianischen Präsidenten dem IKRK und dem Schweizer Bundesrat. Noch werden über hundert Mädchen als Geiseln gehalten.

Welchen Beitrag aber hatten Aussenminister Didier Burkhalter und seine Diplomaten konkret geleistet? Statt sich im Erfolg zu sonnen, hält man sich in Bern bedeckt. Zwar bestätigt das Aussendepartement, zwischen der nigerianischen Regierung und Boko Haram vermittelt zu haben. Das Engagement sei humanitär begründet und respektiere die Grundsätze der Neutralität und der Nichteinmischung, so EDA-Sprecherin Noémie Charton.

«Höchste Diskretion»

Weitere Details aber wollte Charton gestern auf Anfrage nicht preisgeben. So liess sie unter anderem Fragen nach der Dauer und den Kosten der Vermittlungsdienste unbeantwortet. «Die Friedensdiplomatie in Konfliktregionen ist auf höchste Diskretion angewiesen, um Kommunikationskanäle zwischen verfeindeten Parteien aufzubauen und aufrechtzuerhalten», begründete Charton die Verschwiegenheit. «Als Fazilitatorin sind wir zudem verpflichtet, Vertraulichkeit zu wahren. Dies auch nach einem geglückten Vermittlungsprozess.»

Tatsächlich gilt in der Krisendiplomatie der Grundsatz, Gutes zu tun, dies aber nicht an die grosse Glocke zu hängen. Vorlaute Kommunikation nämlich kann mühsam aufgebaute Brücken rasch zum Einstürzen bringen. Alles andere als gern gesehen wurde es deshalb im Sommer 2015 sowohl in Bern wie auch in Lagos, als der damalige Staatssekretär Yves Rossier das Schweizer Engagement in Nigeria vor der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats erwähnte – und die Information durch eine Indiskretion umgehend an die Medien gelangte.

Floss Lösegeld an Boko Haram?

Eine zurückhaltende Kommunikation liegt aber auch im Interesse des Bundesrates: Sein Engagement in Nigeria ist nämlich nicht unheikel. Zum einen, weil die entführten Mädchen nur im Austausch mit mehreren inhaftierten Boko-Haram-Kämpfern freikamen; zum anderen, weil der Verdacht im Raum steht, dass auch substanzielle Lösegeldzahlungen in ausländischen Währungen getätigt wurden. Dies jedenfalls berichtete am Wochenende das westafrikanische Onlineportal «Sahara Reporters» mit Verweis auf nicht näher bezeichnete militärische Quellen.

Nach offiziellen Angaben bezahlen westliche Regierungen nie Lösegeld, um Geiseln freizubekommen – auch dann nicht, wenn es sich um eigene Bürger handelt. Die «New York Times» aber zeigte bereits 2014 auf, dass mehrere europäische Länder wiederholt auf Lösegeldforderungen eingegangen waren. So habe die Schweiz für zwei im Januar 2009 von der Terrorgruppe al Kaida im Maghreb entführte Touristen 12,4 Millionen Dollar bezahlt, schrieb die US-amerikanische Zeitung. Das EDA freilich dementierte vehement.

Seit Jahren schon gehen Experten davon aus, dass Terrororganisationen einen Grossteil ihres Geldbedarfs für Waffen, Benzin und Verpflegung mit Lösegeld finanzieren. Grausamkeit ist und bleibt nun mal ein lukratives Geschäft.