Wie er die 24 Stimmen für seine Gegenkandidatin Rita Famos (52) werte, wollte der Journalist des Schweizer Radios SRF vom soeben wiedergewählten Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK), Gottfried Locher (51), wissen.

Locher fand die Frage fehl am Platz. Schroff brach er das Interview ab, noch bevor es richtig begonnen hatte. Die Chemie stimme nicht, liess er den verdutzten Kirchenspezialisten des Radios wissen. Auf das Angebot, es später am Tag nochmals mit einem Interview zu versuchen, reagierte Locher nicht, wie SRF berichtete.

24 Gegenstimmen

Der umstrittene oberste Reformierte wurde am Sonntag in Schaffhausen von den SEK-Abgeordneten mit 43 zu 24 Stimmen für vier Jahre wiedergewählt («Nordwestschweiz» von gestern). Dass er sich nach gewonnener Kampfwahl nicht versöhnlich zeigte, irritiert auch seine Gegenkandidatin, die Zürcher Pfarrerin Rita Famos: «Es ist schade, dass Gottfried Locher auch seinen Sieg nicht nutzt, um auf seine Kritiker zuzugehen.

Er müsste sich jetzt fragen, warum ein Drittel der Abgeordneten gegen ihn stimmte. Er sollte das Gespräch suchen. Wenn er das nichttut, schadet er der Kirche.» Locher antwortete gestern bis Redaktionsschluss nicht auf eine Mail-Anfrage, warum er das Interview abbrach und wie er künftig mit jenen umgehen wolle, die ihn nicht wählten.

Für Staunen sorgte auch Lochers Finanzgebaren. An der dreitägigen Abgeordnetenversammlung, die heute zu Ende geht, gab Johannes Roth (Zug) im Namen der SEK-Geschäftsprüfungskommission bekannt: Für die Krisenkommunikation hatte der SEK-Rat 26 000 Franken bewilligt. Gottfried Locher liess sich von der Kommunikationsagentur Furrer Hugi beraten, als er wegen Amtsführung, Aussagen über Frauen und den Umgang mit Spesen unter Beschuss geriet.

Enorme Beratungskosten

Roth gab bekannt, dass sich kein Vorwurf an Locher erhärtet habe. Bereits früher hatte der Kirchenrat der «Nordwestschweiz» mitgeteilt, dass sich sein Präsident Locher im Rahmen der Reglemente bewegt hatte bei seinen Spesen, die mitunter Business- Flüge und Erstklasshotels umfassten.

Trotzdem wird nun eine Sicherung eingebaut. Wegen der «Gerüchte» über Unregelmässigkeiten werde das «Prinzip mit doppelter Unterschrift» eingeführt, so Geschäftsprüfer Roth. Künftig kann man sich beim SEK Ausgaben also nicht mehr selbst bewilligen.

Unter Locher wurde jedenfalls mit grosser Kelle angerichtet, wie der Bericht der GPK zur Rechnung 2017 zeigt. «Die Abweichung von der Rechnung zum Budget erfordert von den Interpreten Grossmut», steht in Bezug auf das Projekt «500 Jahre Reformation». Und: «Fast 5 Millionen CHF ist ein stolzer Betrag und weit entfernt von den budgetierten 2,2 Millionen. Ins Auge sticht, wie sehr der Beratungsaufwand und Kommunikationskosten zu Buche schlugen.» Aber Folgen hat das nicht, denn man wolle sich «die Freude am Jubiläum nicht madig machen lassen», so die gnädigen Prüfer.

Rita Famos hofft derweil, dass ihre Supporterinnen und Supporter, welche die Kirche demokratischer, weiblicher und lebensnaher machen wollen, nun nicht aufgeben. «Anstelle der Abgeordneten wird mit der neuen Kirchenverfassung eine Synode treten. Ich hoffe, dass die Kreise, die mich unterstützen, dafür kämpfen, dass sie Teil dieser Synode werden und ihren Anliegen so eine Stimme geben», sagt sie. «Ich erwarte auch, dass die Synode zur Hälfte aus Frauen bestehen wird. Es darf nicht sein, dass die Frauen weiterhin derart untervertreten sind.»