Olympische Winterspiele

Trotz Ski-WM: Graubünden plant schon den nächsten Mega-Event

Der Finne Veli Saarinen schaffte es beim olympischen Langlaufrennen über 18 Kilometer in St. Moritz 1928 auf den vierten Rang.

Der Finne Veli Saarinen schaffte es beim olympischen Langlaufrennen über 18 Kilometer in St. Moritz 1928 auf den vierten Rang.

Manche Bündner sehen die Ski-WM als Hauptprobe für ein viel gigantischeres Projekt: die Olympischen Winterspiele 2026.Kommenden Sonntag wird das Stimmvolk darüber befinden.

Auf dem Baum vor Ariane Ehrats Bürofenster landet eine kleine Vogelschar. Die Engadiner Tourismusdirektorin ist begeistert, ruft ihr halbes Team herbei und beauftragt ihre Assistenten, sie sollten herausfinden, was das für Vögel seien. «Die hatten wir hier noch nie», ruft Ehrat. Die Vögel flattern davon und die Tourismusdirektorin setzt sich wieder hinter die Papierberge, die sich fein säuberlich auf ihrem Pult stapeln. Zurück zum Business: Die Ski-WM läuft gerade an, doch Ariane Ehrat will mehr. Sie will, dass St. Moritz und das Bündnerland wieder olympisch werden. Sie will, dass die Winterspiele 2026 hier stattfinden. «Die Ski-WM ist ein roter Teppich für die Olympischen Winterspiele», sagt sie.

Schon 2013 wollte sich der Kanton Graubünden für die Winterspiele bewerben. Die Stimmbevölkerung erteilte dem Plan aber eine Absage. Am nächsten Sonntag stimmen die Bündner erneut über einen 25-Millionen-Kredit ab, mit dem eine Bündner Kandidatur ausgearbeitet und den olympischen Funktionären schmackhaft gemacht werden soll. Neun Millionen müssten die Bündner zahlen, der Bund und Swiss Olympic würden je acht Millionen beisteuern.

Olympia im Bündnerland: Wieso brauchts das, Frau Ehrat? «Weil das eine unglaubliche Chance ist.» Die Schweiz sei der Geburtsort des Wintersports, sie brauche Visionen und Impulse für den Wintertourismus. «Mit den Winterspielen wollen wir der Welt signalisieren: Wir sind gastfreundlich, offen, international.»

Olympia: Retterin in der Not?

Zweimal schon – 1928 und 1948 – fanden die Winterspiele in St. Moritz statt. Damals hätten die Bündner Mut gezeigt und an den Wintertourismus geglaubt, während sich Europa von den Kriegsstrapazen erholte. «Die Aufbruchstimmung von damals, die ist heute wieder enorm wichtig.» Tatsächlich könnte der kriselnde Bündner Tourismus einen Schub vertragen. Nur – bieten die Olympischen Winterspiele das richtige Rezept, um die Besucherströme langfristig in die Schweizer Berge zu locken? «Ja», findet BDP-Regierungsrat Jon Domenic Parolini. Er sitzt am Glastisch in seinem Churer Regierungsratsbüro und sagt: «Wir haben in den vergangenen Jahren Millionen an Logiernächten eingebüsst.» Eine Olympia-Kandidatur gäbe dringend nötige Impulse für den Tourismus, den Sport und für Investoren.

Sein Kanton habe die Kompetenzen, um die Winterspiele stemmen zu können, glaubt Parolini. Trotzdem: War das Bündner «Nein» zur olympischen Kandidatur 2013 nicht deutlich genug? «Der Wirtschaft geht es schlechter als 2013», betont der Bündner Volkswirtschaftsminister. Zudem habe man jetzt die «Agenda 2020». Das Papier, welches das Internationale Olympische Komitee (IOC) vor zwei Jahren vorlegte, enthält 40 Empfehlungen, die die Winterspiele der Zukunft nachhaltiger machen sollen. Dass man nach 2013 jetzt schon wieder über einen Kredit für eine Olympia-Kandidatur abstimme, sei also keine Missachtung des Volkswillens. «Die Ausgangslage ist nicht mehr dieselbe wie damals.» Zudem habe man im Bündnerland über diverse Vorlagen mehrfach abgestimmt. «Bis das Autofahren im Kanton endlich erlaubt wurde, brauchte es auch mehrere Abstimmungen.»

Kritiker melden sich zu Wort

Ganz anderer Meinung ist Silva Semadeni. Die Bündner SP-Nationalrätin sitzt im Café Maron beim Bahnhof Chur und löffelt eine Gerstensuppe. «Ein Projekt wie die Olympischen Winterspiele braucht Begeisterung in der Bevölkerung. In Graubünden spüre ich null Begeisterung, null. Die Propagandawalzen sprühen vor Euphorie, die Leute nicht.»

Dass die Spiele dem Tourismus einen Impuls gäben, glaubt Semadeni nicht. «Die Winterspiele wären ein Strohfeuer ohne nachhaltige Wirkung. Sie lösen die Probleme der kriselnden Tourismus-Branche nicht.» Zudem kämen mit den Spielen unermessbare Kosten auf das Bündnerland zu. «Nur schon wegen des Terrordrucks müsste der Staat riesige Summen bezahlen, um die Spiele sicher zu machen.» Das zeige das Beispiel Vancouver, wo die Spiele 2010 stattfanden. Statt der budgetierten 250 Millionen hätte die Sicherheit mehr als 900 Millionen gekostet.

Auch von der Agenda 2020 hält die SP-Politikerin wenig. «Das ist eine gummige Agenda, die den Gigantismus nicht stoppt. Spiele mit bis zu 100 Disziplinen wären möglich – das sind mehr als in Sotschi. Das verträgt das Bündnerland nicht.»

Auf der anderen Seite des Bahnhofs, im Restaurant Frohsinn, bestellt Umweltschützer Stefan Grass ein Bier. «Die Olympia-Befürworter kommen mir vor wie irrationale Träumer, die sich weigern, hinzuschauen und sich deutlich zu machen, wie fremdbestimmt die Winterspiele durch das IOC sind», sagt Grass. Es gehe um Geld, um nichts anderes. Und als Tourismus-Förderung taugten die Spiele sowieso nicht. «Man sollte das Geld besser in wiederkehrende Sportveranstaltungen und in die Bildung investieren.»

Auch er glaube nicht einmal eine Sekunde an die Nachhaltigkeitsversprechen der Agenda 2020. «Das ist nur eine Imageübung. Die Winterspiele sind und bleiben ein reines Zudienen an die Geldmaschine IOC.» Dass die Bündner da nicht mitmachen, da ist sich Grass sicher. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Stadt Zürich, die von den Bündner Olympia-Planern als Partner-Stadt vorgesehen war, der Idee weitgehend verweigert. «Damit ist das Projekt so gut wie tot», sagt Grass, und nimmt den letzten Schluck.

Christian Constantin plant schon

Wenn Grass recht behält und die Bündner ihre Kandidatur am Sonntag vorzeitig beerdigen, dann wird sich einer besonders darüber freuen: Christian Constantin. Der Walliser Bauunternehmer und Präsident des FC Sion ist der geistige Vater der zweiten Schweizer Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2026. Das Wallis und die Kantone Bern, Freiburg und Waadt haben ihr gemeinsames Konzept «Sion 2026» schon im Januar in Bern vorgestellt.

Die Budgets für die Kandidaturen sind schon von den kantonalen Regierungen bereits abgesegnet. Gemeinsam sei man stark: «Wir sind zu viert. Wir können die Risiken und Chancen verteilen. Das ist unsere Stärke», sagte Constantin der «Nordwestschweiz» bei einem Treffen auf dem Bundesplatz in Bern. Der Kanton Graubünden hingegen stehe ganz alleine da. «Dafür muss man schon sehr selbstbewusst sein», meinte der Unternehmer, der bereits an einem energieeffizienten olympischen Dorf in Collombey plant, das nach den Spielen 2026 Lebensraum für 20 000 Menschen bieten soll. So siegessicher, Herr Constantin? «Hör zu, das ist wie beim Schweizer Fussball-Cup-Final. Da weisst du auch nie, wer gewinnen wird», sagte Constantin – mit nicht übersehbarem Zwinkern.

Am Sonntag wird er wissen, ob er sich weiter mit der Bündner Konkurrenz herumschlagen muss, oder ob seinem Bauprojekt – und den Olympischen Spielen – nur noch die internationale Konkurrenz im Wege steht.

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