Solidarität

Trotz oder wegen Corona: Schweizer Hilfswerke rechnen mit der grössten Spendensumme aller Zeiten

Hilfsbedürftige warten in Lausanne vor der Ausgabe in der Schlange.

Hilfsbedürftige warten in Lausanne vor der Ausgabe in der Schlange.

Dank Corona dürfte die Schweiz erstmals die 2-Milliarden-Spendengrenze knacken. Warum spenden Menschen sogar in der Krise?

Mitte Jahr noch fürchteten viele Schweizer Hilfswerke einen massiven Einbruch der Spendeneinnahmen - vor allem wegen Corona. Die Krise scheint die Schweizerinnen und Schweizer jedoch spendabler zu machen: Eine Umfrage von CH Media bei verschiedenen Schweizer Organisationen zeigt sogar vorsichtig in Richtung eines neuen Rekords.

«Es könnte gut sein, dass das gesamte Spendenvolumen im Jahr 2020 erstmals die 2 Milliarden-Grenze übersteigen wird», sagt Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der Stiftung Zewo, der rund 500 Schweizer Hilfswerke angehören - unter anderem das Schweizerische Rote Kreuz, Caritas und die Heilsarmee. Das würde bedeuten: Noch nie hätten Schweizerinnen so viel gespendet wie dieses Jahr. Die definitiven Zahlen werden für Mitte Januar erwartet.

Schweiz spendet im Vergleich grosszügig

Dabei hielten noch Mitte Jahr laut einer Zewo-Umfrage 45 Prozent der Hilfswerke es für wahrscheinlich, dass Spenden aus privaten Haushalten wegen Corona zurückgehen würden. In Anbetracht der Tatsache, dass ein mittlerer Haushalt rund 300 Franken pro Jahr spendet und rund 80 Prozent der Schweizer Haushalte spenden, hätte das auf die Hilfswerke einen enormen Einfluss.

Umso mehr, da sie nun infolge eines teils massiven Rückgangs bei Firmenspenden und Legaten mehr auf Privatspenden angewiesen sind denn je. Schaut man sich die Statistiken an, haben sie jedoch guten Grund zur Hoffnung: Die Schweizerinnen und Schweizer spenden grosszügig. Gemäss der britischen Wohltätigkeitsorganisation «Charity Aid Foundation» ist die Schweiz auf Platz 13 der wohltätigsten Länder. Die aktuelle Krise aber hat die finanzielle Lage vieler Menschen in der Schweiz drastisch verändert.

Bereits vor der Pandemie waren rund 660.000 Menschen hierzulande von Armut betroffen - der Lohn reicht nicht für die Alltagsbewältigung. Aktuelle Zahlen zur Armut in der Schweiz gibt es nicht, die letzten offiziellen des Bundesamtes für Statistik stammen von 2018. Hugo Fasel, Direktor der Caritas, schätzt die Lage als sehr ernst ein. 10’000 Menschen haben dieses Jahr die Caritas für eine Sozialberatung aufgesucht; doppelt so viele wie in normalen Jahren. Die Armut in der Schweiz nehme massiv zu.

Rezessionen haben keinen negativen Einfluss

Warum also fielen die Spenden-Zahlen trotz massiver Einbussen durch Corona nicht in den Keller? Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften wagt zwei Erklärungen: Erstens hätten Rezessionen bereits in der Vergangenheit keinen signifikanten negativen Einfluss auf das Spendenverhalten gehabt, was auch damit zu tun haben dürfte, dass die meisten Spenderinnen und Spender über 60 Jahre alt sind und somit von Sorgen, den Arbeitsplatz zu verlieren, weniger betroffen sind. Zum Anderen erreiche die gegenwärtige Corona-Krise eine hohe mediale Aufmerksamkeit und erreiche dadurch auch Menschen, die ansonsten nicht spenden.

Auch der Faktor Betroffenheit spielt eine Rolle: Je näher uns etwas ist und je eher wir selbst davon betroffen sein könnten, desto eher berührt uns ein Schicksal auch. Corona ist auch in der Schweiz allgegenwärtig. Die Spenden flossen dieses Jahr aufgrund von Corona deshalb viel stärker ins Inland. Die Glückskette allein sammelte 42 Millionen Franken fürs Inland und vergleichsweise «nur» 8 Millionen für die internationale Corona-Hilfe.

Spenden für das eigene gute Gefühl

Viele Menschen realisieren in einer Krise auch, wie privilegiert sie sind - und geben etwas ab. Die Psychologie sieht den Akt des Spendens in verschiedenen Motiven begründet: Die einen spenden, weil sie altruistisch sind, also ohne Gegenleistung geben wollen, viele aber spenden, weil ihnen das Spenden selbst ein gutes Gefühl gibt. Spenden per se sind ökonomisch irrational und oft willkürlich.

Wie viel Menschen spenden, hängt auch von der Berichterstattung und der empfundenen Dramatik ab - und davon, ob Einzelschicksale damit verbunden sind. Auch schüren Krisen Nächstenliebe. Die Corona-Krise ist da in vielen Punkten also ein idealer Spenden-Trigger. Deshalb waren Organisationen im Bereich Gesundheit und Soziales mit Inlandfokus die Gewinner, Umweltorganisationen hingegen hatten das Nachsehen - denn Umweltfragen rückten im Zuge der Pandemie in den Hintergrund.

In Bezug aufs Ausland zeichnen sich verschiedene Richtungen ab: Bei Helvetas beispielsweise konnte man per Mitte Jahr ein Plus an 23 Prozent ausmachen - die Mehreinnahmen kamen aber in erster Linie von bestehenden Spenderinnen und Spendern, heisst es. SOS Kinderdorf hingegen ist die Lage kritisch - vor allem, weil dort die Unternehmenspartner in der Hotellerie- der Gastro- und Reisebranche selber unter starken Einbussen litten und in der Folge weniger spendeten.

Internationale Hilfsarbeit steht vor enormen Herausforderungen

Die internationale Hilfsarbeit gestalte sich im Moment pandemiebedingt sehr schwierig, sagt Nathalie Rutz von SOS Kinderdorf Schweiz. Man habe die SOS Kinderdörfer während des Lockdowns weltweit isolieren müssen, entsprechenden Familien, die den Schritt aus der Armut geschafft hatten, drohe nun wieder ein Rückfall.

Eine aktuelle Studie von acht nationalen und internationalen Hilfswerken kommt zum Schluss, dass Corona weltweit als Brandbeschleuniger von Hunger und Armut wirkt; die Weltbank schätzt, dass die Pandemie weltweit bis zu 115 Millionen Menschen in extreme Armut stürzen wird.

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