Halal-Ferien
Trotz Burka- und Minarettverbot: Muslimische Touristen erobern Schweiz

Immer mehr muslimische Touristen reisen in die Schweiz. Auch dank neuen «Halal»-Angeboten.

Samuel Schumacher
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Eine von geschätzten 117 Millionen Musliminnen und Muslimen, die 2015 eine Auslandreise machten, beim Kartenstudium am Genfersee.Salvatore Di Nolfi/Keystone

Eine von geschätzten 117 Millionen Musliminnen und Muslimen, die 2015 eine Auslandreise machten, beim Kartenstudium am Genfersee.Salvatore Di Nolfi/Keystone

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Mekka hat als muslimische Traumdestination Konkurrenz erhalten. Auf den Wunschlisten muslimischer Reisender erscheint immer häufiger die Schweiz. Das zeigt: Das Reiseverhalten von Muslimen wandelt sich. Auf ihren Trips suchen sie nicht mehr nur religiöse Erleuchtung, sondern zunehmend auch materielle Erfüllung. «Wir wollen Spass haben», sagte die Reiseunternehmerin Huda Khalid kürzlich an der Halal Tourism Conference in der Türkei, einer Konferenz für muslimische Touristiker.

Unvergesslich soll der Reisespass laut Khalid sein, aber eben auch «halal», also den muslimischen Glaubensregeln entsprechend. Denn Reisende aus muslimischen Ländern legen Wert darauf, auch im Ausland ihren religiösen Pflichten nachkommen zu können. Erstaunlich dabei: Die Schweiz steht bei muslimischen Reisenden hoch im Kurs, trotz Minarettverbot und Burka-Debatten. Das zeigt nicht nur die #muslimbucketlist (eine Liste von Dingen, die jeder Muslim unbedingt tun sollte) von Huda Khalid, auf der neben der Reise nach Mekka auch «eine Kuh melken» und «durch die Schweizer Berge wandern» steht. Das zeigen auch die neusten Übernachtungszahlen arabischer Gäste in der Schweiz.

Gestresste Mütter am Genfersee

Von 2000 bis 2015 sind die Übernachtungen arabischer Gäste von 189 000 auf gut 929 000 um mehr als 390 Prozent gestiegen. Und der massive Wachstumstrend geht weiter, wie die aktuelle Daten von Hotelleriesuisse zeigen. Im vergangenen Mai übernachteten noch einmal 22,4 Prozent mehr arabische Gäste in der Schweiz als im Wonnemonat 2015.

Unangetasteter Spitzenreiter bei den Gästen aus dem arabischen Raum ist die Region Genf, wo rund jeder Dritte nächtigt. Zu den saudischen Königssprösslingen und den arabischen Scheichs, die mit ihren privaten Jumbojets seit Jahren inklusive Belegschaft und Luxusautos an den Lac Léman fliegen, gesellen sich immer mehr wohlhabende Mittelstandsfamilien. Mit Werbeaktionen wie dem kürzlich lancierten «Mum Relax»-Wettbewerb, der unter gestressten arabischen Müttern gratis Schweiz-Ferien verloste und an dem über 25 000 Personen aus dem arabischen Raum teilnahmen, will Genève Tourisme diese Zielgruppe gezielt ansprechen.

Zusammen mit den glücklichen Gestressten flogen die Genfer Touristiker im vergangenen Juli auch gleich ein paar berühmte arabische Reisebloggerinnen ein. Die junge Taim al-Falasi aus Dubai, zum Beispiel, die ihre 2,1 Millionen Follower auf Instagram digital daran teilhaben liess, wie sie Schweizer Kühe streichelt, über den Genfersee paddelt und mit der Kutsche durch die Gegend fährt. Über 73 000 Likes von über 73 000 potenziellen Schweiz-Touristen erhielt das Abschlussvideo ihres Genf-Trips auf Instagram. Eine hocheffiziente Werbestrategie, die sich für die Tourismusregion Genf auszahlen dürfte.

Denn der muslimische Reisemarkt boomt. Die Agentur Crescent, die jährlich einen Bericht über den muslimischen Tourismus (den «Halal Tourismus») herausgibt, schätzt, dass die Zahl der reisenden Muslime bis 2020 von heute 117 Millionen auf 168 Millionen ansteigen wird. Rund 30 Prozent des Reisevolumens dürfte laut Crescent auf Europa entfallen. Das wären jährlich rund 50 Millionen muslimische Traveller, welche die «alte Welt» bereisen würden. Die meisten von ihnen mit dickem Portemonnaie und viel Freude an teurem Schmuck und Design.

Crescent hält fest: Muslime reisen selten, um fremde Kulturen kennenzulernen. Ihnen geht es um Sightseeing und Shopping. Auf ihre religiösen Gepflogenheiten verzichten wollen sie aber nicht. Crescent hat 130 Länder danach beurteilt, wie gut sie die muslimischen Reisebedürfnisse erfüllen. Die Schweiz landet auf dem 47. Rang.

Interlaken und Instagram

Bestens positioniert in Sachen «Halal Tourismus» ist Interlaken, wo Hotels Gebetsteppiche mit eingebautem Kompass abgeben und wo Bergbahnen Frischverheirateten halale Honeymoon-Dinnerfahrten anbieten. Das Engagement zahlt sich aus. Im Jahr 2000 noch verzeichnete die Region rund um Interlaken gerade mal gut 5000 Übernachtungen arabischer Gäste. 2015 waren es knapp 225 000: eine Zunahme von 4250 Prozent.

Die Debatten über einen landesweiten Burka-Bann und das Minarettverbot können dem muslimischen Tourismus in der Schweiz offensichtlich wenig anhaben. Die Bloggerin Taim al-Falasi jedenfalls zeigt sich auf Instagram begeistert und lässt sich in entspannter Pose vor dem Schloss Chillon ablichten, mit Kopftuch und Designerbrille, #inlovewithswitzerland, fünfundzwanzigtausend Likes. Schweizer Touristiker dürfen sich freuen.

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