Trockenheit
«Das habe ich noch nie erlebt» – eine Fahrt durch die ausgetrocknete Deutschschweiz

Die Schweizer Gewässer führen aktuell historisch wenig Wasser. watson hat 13 Orte in der Deutschschweiz besucht und die Trockenheit fotografisch festgehalten.

Corsin Manser/watson
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Das Schweizer Mittelland gleicht immer mehr der Toskana. Zu diesem Schluss kommt die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. Grund dafür sei die «Klimaerhitzung», teilte sie am Montag mit.

Tatsächlich gestaltet sich der laufende Sommer vielerorts als sehr warm und trocken. Meldungen über Waldbrandgefahr, wasserarme Flüsse und sterbende Fische machen die Runde. Doch sind die Auswirkungen des heissen Sommers wirklich von Auge zu sehen? Führen die Gewässer merklich weniger Wasser als sonst? Eine Fahrt durch die Deutschschweiz zeigt: Ja, das tun sie.

Die folgenden 13 Bilder sollen dir einen Eindruck geben, wie trocken es in der Schweiz gerade ist:

1. Mollis, Linth

Der erste Stopp ist in Mollis. Für jemanden, der nicht ortskundig ist, wirkt der Blick über die Linth nicht besonders beunruhigend. Es fliesst einiges an Wasser von den mächtigen Glarner Alpen in Richtung Walensee. Eine Gruppe Jugendlicher vergnügt sich auf dem Schlauchboot und lässt sich vom Strom treiben.

Die Linth bei Mollis.

Die Linth bei Mollis.

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Doch der Eindruck täuscht. Hier herrscht Ausnahmezustand. Auf der Webseite trockenheit.ch kann der aktuelle Abfluss der Linth bei Mollis mit den Daten vergangener Jahre verglichen werden. Seit Messbeginn im Jahr 1965 floss im August noch nie weniger Wasser hinunter als aktuell.

2. Gäsi, Walensee

Wenige Autominuten entfernt zeigen sich die Auswirkungen des niedrigen Abflusses deutlich. Beim malerischen Gäsi-Strand müssen die Badenden erst meterweit über Kies und Schotter laufen, ehe sie zum Wasser gelangen. Anfang August war der Pegel des Walensees seit Messbeginn im Jahr 1930 noch nie so niedrig wie jetzt.

Gäsi-Strand am Walensee.

Gäsi-Strand am Walensee.

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Ein älterer Mann, der seit 50 Jahren auf den Campingplatz Gäsi kommt, erzählt: «Das habe ich noch nie erlebt. Sonst hat es vielleicht im Januar oder Februar so wenig Wasser. Aber sicher nicht im August.» Es sei verrückt, vor einem Jahr habe es hier Hochwasser gegeben, mit den Gummistiefeln habe er zu seinem Wohnwagen waten müssen. Nun sei das komplette Gegenteil der Fall. «Das ist bedenklich», meint er und verabschiedet sich.

3. Buchs, Rhein

Es geht weiter in Richtung Osten nach Buchs SG. Hinter einem hohen Damm bildet der Rhein die Grenze zu Liechtenstein. Auf den ersten Blick wird klar: Auch der längste Fluss der Schweiz führt aktuell sehr wenig Wasser. Zwischen den beiden Ländern liegen momentan vor allem Steine.

Der Rhein bei Buchs SG.

Der Rhein bei Buchs SG.

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4. Appenzell, Sitter

In Appenzell ist touristische Hochsaison. Der Parkplatz an der Sitter ist übervoll, die Leute sprechen Hochdeutsch und Englisch. Weniger gut gefüllt ist der Fluss selbst. Überall ragen Kiesbänke aus dem Wasser, die Trockenheit ist augenscheinlich.

Die Sitter in Appenzell.

Die Sitter in Appenzell.

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Doch weshalb führen die Flüsse momentan so wenig Wasser? «Wir haben seit einigen Wochen einen Regenmangel und im Winter hat es wenig geschneit», sagt Hydrologe Massimiliano Zappa von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). «Hinzu kommen Hitzephasen, bei denen die Verdunstung sehr hoch ist.»

5. Amlikon-Bissegg, Thur

Wenig geregnet hat es auch im Einzugsgebiet der Thur. Mit ein paar gezielten Sprüngen und einer guten Balance könnte man bei Amlikon-Bisegg den Fluss wahrscheinlich überqueren, ohne nasse Füsse zu bekommen.

Die Thur bei Amlikon-Bissegg.

Die Thur bei Amlikon-Bissegg.

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6. Salenstein, Bodensee (Untersee)

Weiterfahrt nach Salenstein. Etwa die Hälfte des Schiffsstegs Mannenbach steht nicht im Wasser, sondern auf steinigem Untergrund. Ein trauriges Rinnsal führt etwas Frischwasser in den See. Doch das nützt wenig. Seit Messbeginn im Jahr 1886 war der Pegel des Untersees Anfang August noch nie so niedrig wie jetzt.

Ein Vater erzählt, dass er regelmässig hierherkomme. Das Wasser würde im Sommer sonst bis zu den Gräsern reichen. «Eigentlich schon verrückt, wenn man bedenkt, wie viele Kubikmeter Wasser hier fehlen», sagt er.

Seine Kinder berichten lebendig vom letzten Sommer, als sie mit ihren Luftmatratzen noch bis unter die Bäume beim Parkplatz paddeln konnten. Auch hier schwankte der Wasserstand innerhalb eines Jahres von einem Extrem ins andere.

Salenstein am Bodensee.

Salenstein am Bodensee.

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An der Anlegestelle werden die Schiffspassagiere darauf hingewiesen, dass auf Niedrigwasserbetrieb umgestellt wurde. Zwischen Diessenhofen und Stein am Rhein können bis auf Weiteres keine Schiffe verkehren.

Selbst wenn es im weiteren Verlauf des Augusts wieder etwas regnen sollte, werden die Wasserstände nicht sofort auf normale Werte steigen. «Für eine nachhaltige Erholung der Pegelstände bräuchte es fünf bis sechs Monate überdurchschnittlich viel Regen», sagt Zappa. Zwar könne es durchaus sein, dass durch Starkregen die Pegel schneller ansteigen würden, dann gebe es aber andere Probleme wie Überschwemmungen und Erdrutsche.

7. Ermatingen, Bodensee (Untersee)

Das gleiche Bild bietet sich wenige Kilometer seeaufwärts. Auch in Ermatingen ist deutlich ersichtlich, dass der Pegel des Untersees über einen Meter tiefer ist als sonst.

Ermatingen am Bodensee.

Ermatingen am Bodensee.

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8. Neuhausen, Rheinfall

Der Rheinfall ist auch in diesen Tagen imposant. Aber auch hier ist der Abfluss auf einem historischen Tiefstand. Blickt man über den oberen Teil des Wasserfalls, ist das gut erkennbar.

Der Rheinfall ist auch mit wenig Wasser noch imposant.

Der Rheinfall ist auch mit wenig Wasser noch imposant.

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Es drängt sich die Frage auf, inwiefern die Gletscherschmelze einen Einfluss auf die aktuellen Wasserstände hat. Denn bei den hohen Temperaturen müsste die Schmelze ja besonders intensiv sein.

Im Hitzesommer 2003 habe die Gletscherschmelze sicherlich noch für mehr Wasserzufuhr gesorgt, sagt Zappa. Aber die Gletscher gingen wegen des Klimawandels zurück, weswegen auch der ausgleichende Effekt immer kleiner werde. «In Zukunft werden die Gletscher uns nicht mehr so helfen können wie heute», so der Wissenschaftler. Solch niedrige Wasserstände dürften immer häufiger werden.

9. Neftenbach, Töss

«Auch uns ist es zu heiss!», steht auf einer Informationstafel der Zürcher Fischerei- und Jagdverwaltung, die bei der Töss angebracht ist. Man solle keine tiefen Wasserstellen betreten und die Hunde nicht darin baden lassen, so die Aufforderung. Jede Störung könne für Fische momentan den Tod bedeuten, da diese kühle Stellen suchen und ihren Kreislauf herunterfahren würden.

Tiefe Stellen hätte es in der Affenschlucht bei Neftenbach im Normalfall genug. Natürliche Pools locken hier im Sommer die Badegäste an. Doch auch hier bewegt sich der Wasserpegel seit Wochen auf sehr niedrigem Niveau.

Die Töss bei Neftenbach.

Die Töss bei Neftenbach.

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10. Brugg, Aare

Weiter geht es in Richtung Wasserschloss der Schweiz. Dort, wo Aare, Limmat und Reuss zusammenfliessen. Gelbe Blätter fallen von den Laubbäumen und sammeln sich auf den Strassen. Es sieht bereits nach Herbst aus – und das Anfang August.

Im Autoradio laufen die Nachrichten. Die Airline Edelweiss hat im Juli so viele Passagiere transportiert wie noch nie in einem Monat. Besonders beliebte Destinationen sind die Dominikanische Republik, die USA und Kanada.

Halt in Brugg hinter dem Freibad an der Aare. Hier ragen die Kiesbänke weit aus dem Wasser. Seit 1916 war der Abfluss Anfang August hier noch nie auf so einem tiefen Stand wie jetzt.

Das Wasserschloss der Schweiz in Brugg.

Das Wasserschloss der Schweiz in Brugg.

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11. Gipf-Oberfrick, Bruggbach

Nach dem Bözberg-Tunnel kommt tatsächlich Toskana-Feeling auf. Rebberge ziehen sich über die braun-gelb schimmernde Hügellandschaft. Im ausgetrockneten Bruggbach liegt ein kaputter Regenschirm. Erst der wässrige Tankstellen-Espresso aus dem Vollautomaten erinnert daran, dass wir uns nördlich der Alpen und nicht irgendwo zwischen Montepulciano und Grosseto befinden.

Der Bruggbach ist ausgetrocknet.

Der Bruggbach ist ausgetrocknet.

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12. Frick, Staffeleggbach

«By the rivers of Babylon, there we sat down, yeah, we wept, when we rememberd Zion», trällert es aus den Lautsprechern des Coop-Parkhauses. Wir hingegen setzen uns an den Staffeleggbach in Frick. Weinen könnten aber auch wir. Nicht wegen Zion, sondern wegen des beklagenswerten Zustandes des Fliessgewässers.

Auch der Staffeleggbach in Frick führt kaum mehr Wasser.

Auch der Staffeleggbach in Frick führt kaum mehr Wasser.

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13. Eiken, Sissle

Der letzte Stopp liegt in Eiken, wo eigentlich die Sissle entlang des Fussballplatzes fliessen sollte. Doch heute ist der Bach komplett ausgetrocknet. Nur eine kleine Pfütze erinnert daran, dass hier mal Wasser war.

Gespräch mit zwei Anwohnern, die mit ihrem Hund unterwegs sind. Dasselbe Bild habe sich schon letzten Sommer und in den Jahren zuvor präsentiert, sagen sie. Aber als sie vor zwölf Jahren hierhergezogen seien, habe der Bach auch den Sommer hindurch Wasser gehabt. Die Trockenheit bereitet ihnen grosse Sorgen. «Es ist eine Katastrophe. Uns geht das Wasser aus.»

Auch die Sissle bei Eiken ist ausgetrocknet.

Auch die Sissle bei Eiken ist ausgetrocknet.

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Laut Bafu sind auch an den folgenden Orten die Pegelstände sehr niedrig: Hallwilersee, Lac des Brenets, Broye und Orbe.

Man könnte noch stundenlang weiterfahren und Fotos von ausgetrockneten Gewässern machen. Wir haben jedoch fürs Erste genug gesehen und fahren zurück in die Redaktion. Im Autoradio kommen die Wetterprognosen. Regen ist bis Sonntag nicht in Sicht.