An die Messe Baselworld reisen die wichtigsten Bijoutiers – und die besten Trickdiebe. Die Branche setzt auf Diskretion. Man spricht weder über das Geschäft noch über Diebstähle. Wenn die Polizei die Aufmerksamkeit der Bevölkerung nicht für eine Fahndung benötigt, hält sie ihre Einsätze an der Messe in der Regel geheim.

Erst jetzt wird bekannt, was an der Baselworld 2014 passiert ist: Ein chinesischer Trickdieb liess zwei Diamanten im Wert von 340'000 Franken mitgehen. Drei Jahre fahndete die Polizei nach ihm. Der 51-Jährige wähnte sich in Sicherheit und kehrte dieses Jahr an die Messe zurück. Als er die Halle betrat, wurde er verhaftet. Die Basler Staatsanwaltschaft klagt ihn wegen gewerbs- und bandenmässigen Diebstahls an. Im Januar steht er vor Gericht. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Gemäss der Anklageschrift, die der «Schweiz am Wochenende» vorliegt, gehört der Chinese einer kriminellen Organisation mit dem Namen Pink Panda an. Es handelt sich um ein Netzwerk von Trickdieben aus dem Süden Chinas, die professionell geschult und seit 2012 international aktiv sind.

Den grössten Schaden richtete bisher ein Duo an, das 2014 in Zürich festgenommen wurde. Einer der beiden liess auf einer Tour durch Europa in einem Jahr Ware im Wert von 1,8 Millionen Franken mitgehen. Als er mit seinem Komplizen die Bijouterien der Zürcher Bahnhofstrasse abklapperte, wurde er dank eines Fahndungsaufrufs von Interpol identifiziert.

Panther und Pandas

Inzwischen wird die Bande durch eine französische Spezialeinheit verfolgt, die mit der Polizeibehörde Europol zusammenarbeitet. Dass die Ermittler eine gewisse Bewunderung für die Professionalität der chinesischen Trickdiebe haben, verrät der Name Pink Panda. Vor ungefähr einem Jahr hat er sich unter Strafverfolgern etabliert. Angelehnt ist er an die Pink Panther, eine auf den Raub von Luxusuhren spezialisierte Bande aus dem ehemaligen Jugoslawien. Diesen Namen führten Scotland-Yard-Beamte 1993 ein, als sie einen Diamantenraub untersuchten. Die Beute war in einer Gesichtscreme-Dose versteckt, eine Taktik aus einem Pink-Panther-Film von 1963.

Die beiden Organisationen gehen unterschiedlich vor. Die Pink Panther überfallen Bijouterien mit Gewalt, vermeiden aber meistens grössere Verletzungen. Typisch für ihr Vorgehen ist der Überfall auf das Juwelier-Geschäft Bucherer diese Woche in Zürich. Martin Winckel vom Internationalen Juwelier-Warndienst vermutet, die Ware hätte über das Netzwerk der Pink Panther verkauft werden sollen. Dieses Jahr registrierte er in der Schweiz überdurchschnittlich viele Überfälle auf Juweliere. Er sagt: «Die international agierenden Täter sehen in der Schweiz offenbar Mängel in den Sicherungskonzepten.»

Die Pink Pandas hingegen sind auf Diamanten-Diebstähle spezialisiert, die von den Opfern im Idealfall nicht bemerkt werden. Das Vorgehen des Baselworld-Täters ist typisch: Er schlenderte wie ein normaler Geschäftsmann durch die Messe. An einem Stand erkundigte er sich nach Diamanten in der Grösse von 5,53 Karat. Ein Verkäufer führte ihn darauf in einen Verkaufsraum und öffnete eine Aussenvitrine von innen. Der Chinese zeigte mit dem Arm auf zwei Schatullen. Der abgelenkte Verkäufer bemerkte nicht, dass sein Kunde gleichzeitig mit der anderen Hand eine Schatulle mit einem Diamanten von 11,1 Karat im Wert von 240'000 Franken verschwinden liess. Darauf setzten sich die beiden an den Tisch und der Verkäufer legte mit einer Pinzette einen 5,53-karätigen Diamanten in die Hand des Chinesen. Als dieser nach dem Preis fragt, erkundigte sich der Verkäufer bei einem Kollegen und der Chinese wechselte blitzschnell den 100'000 Franken teuren Diamanten in seiner Hand mit einem äusserlich identischen, aber wertlosen Zirkonia-Stein.

Bis hierhin merkte der Verkäufer nichts. Doch dann beging der Dieb einen Fehler: Er wurde nervös und brach das Gespräch überstürzt ab. Der Verkäufer wurde misstrauisch und wog danach den Stein. Als er Alarm schlug, hatte der Dieb die Messe aber bereits verlassen und reiste kurz darauf über Paris aus Europa aus. Erst als die Polizei die Vitrinen durchsuchte, fiel das Fehlen des zweiten, viel teureren Diamanten auf.