Rhätische Bahn
Traumatisierte Lokführer erhalten Hilfe von Profis

Unfälle wie letzten Mittwoch bei Tiefencastel können Lokführer stark traumatisieren. Die Rhätische Bahn (RhB) stellt ihnen deshalb professionelle Hilfe zur Seite.

Ueli Handschin
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Der entgleiste Zug bei Tiefencastel (Archivbild)

Der entgleiste Zug bei Tiefencastel (Archivbild)

Keystone

Wie Lokführer nach einem Unfall unterstützt werden müssen, hat die Rhätische Bahn (RhB) genau festgelegt. Der Vorgesetzte, ein erfahrener Kollege, tritt mit dem Betroffenen so rasch wie möglich telefonisch in Verbindung, um sich ein erstes Bild zu verschaffen. Ist der Vorfall gravierend, macht er sich sofort auf den Weg zum Unfallort, wie Patrizia Demarmels, seit Anfang Jahr Leiterin des Lokpersonals und seit 24 Jahren bei der Bündner Bahn tätig, auf Anfrage erläutert.

Beistand am Unglücksort

Hat es Opfer, Verletzte oder auch nur grossen Sachschaden gegeben, wird der Lokführer meist noch auf der Unfallstelle von der Polizei als Zeuge einvernommen. Bei dieser Befragung ist der Vorgesetzte dabei, sofern dies der Mitarbeiter wünscht. In aller Regel seien die Betroffenen laut Demarmels froh um diesen Beistand.

In Graubünden wird nach allen grossen Unglücken ein Care Team aufgeboten. Diese Fachleute bieten erste psychologische Hilfe gleich am Unfallort an. Und auch schon am Unfallort wird den Betroffenen in Erinnerung gerufen, dass sie weitere professionelle Hilfe in Anspruch nehmen können und dies auch sollen, wenn sie der Hilfe bedürfen. Zudem steht es ihnen frei, wie lange sie pausieren wollen. Beides teilt der Personaldienst der RhB den Mitarbeitern umgehend auch noch einmal schriftlich mit.

Rettungsleute und die Polizei koordinieren die Einsätze im Bahnhof in Tiefencastel
20 Bilder
Reisende des Unglückzugs warten nach ihrer Bergung auf den Weitertransport im Bahnhof in Tiefencastel
Reisende des Unglückzugs besteigen nach ihrer Bergung ein Postauto für den Weitertransport im Bahnhof in Tiefencastel
Die verunfallten Bahnwagen der Rhätischen Bahn bei Tiefencastel
Zug der Rhätischen Bahn entgleist bei Tiefencastel
Die verunfallten Bahnwagen der Rhätischen Bahn bei Tiefencastel Der Zug war um 12.30 Uhr auf einen Erdrutsch aufgefahren, worauf drei Waggons entgleisten.
Einer der Wagen stürzte etwa 20 Meter vom Trassee und blieb im Steilhang der Schinschlucht an Bäumen hängen.
 Die Rüfe, die am Mittwochvormittag talwärts gerutscht war, hatte die Schienen zwischen zwei Tunnels auf einer Länge von 15 Metern verschüttet
Blick von weitem auf die Unglücksstelle
Das Unglück ereignete sich zwischen zwei Tunnels. Die Strecke verläuft entlang eines Sees.
Im Zug befanden sich 140 Passagiere. Sie wurden durch den hinteren der beiden Tunnels in Sicherheit gebracht.
Elf Personen wurden laut Polizei verletzt.
Rega und TCS mit mehreren Helikoptern vor Ort
Rettungsteam im Einsatz
Rega und TCS mit mehreren Helikoptern vor Ort
Eine der verletzten Personen wird transportiert
Die Verletzten wurde ins Spital gebracht

Rettungsleute und die Polizei koordinieren die Einsätze im Bahnhof in Tiefencastel

Keystone

Das Bedürfnis, sich zurückzuziehen, ist von Fall zu Fall unterschiedlich gross, so die Erfahrung Demarmels. Die einen brauchen mehrere Tage, um zu verdauen, was ihnen widerfahren ist. Andere wollen möglichst rasch wieder in den Führerstand.

Die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse ist schon in der 15 Monate dauernden Ausbildung ein Thema. Mit den angehenden Lokführern spricht darüber Marcel Bäni aus Igis. Er ist als Berater, Trainer und Coach für Firmen, Behörden und Institutionen tätig.

Im ersten Teil seines Unterrichtsmoduls erläutert Bäni den Lokführern, dass es nach traumatisierenden Erfahrungen, sogenannten Trauma-Expositionen, zwei Trauma-Typen gibt. Vom ersten sprechen die Fachleute, wenn jemand völlig unerwartet und erstmalig mit einem Unfall oder einem Unglück konfrontiert wird, aus heiterem Himmel sozusagen. Der zweite Typ entsteht, wenn sich solch schockierende Erlebnisse, im beruflichen Alltag – etwa bei Lokführern oder Rettungshelfern – wiederholen.

Das erfolgversprechendste Mittel, psychische Störungen wie Schlaflosigkeit, Angstzustände oder nicht zu vertreibendes Wieder-Erinnern des Vorgefallenen vorzubeugen, liegt in präventiven Übungen, mit der eine sogenannte Konditionierung erreicht wird. Dazu spielt Bäni mögliche traumatische Situationen mit den Kursteilnehmern mehrfach durch. Etwa, wie man sich im Führerstand verhält angesichts eines Autos, das auf einem Bahnübergang plötzlich die Geleise versperrt.

Bekanntes weniger bedrohlich

Laut Bäni ist die Folge solcher Übungen, dass das Gehirn diese Erlebnisse, wenn sie denn geschehen, nicht mehr als erstmalig und entsprechend überfordernd wahrnimmt, sondern als etwas schon einmal Erlebtes und adäquat reagiert. Damit stehen nicht nur die Chancen viel besser, im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben. Auch die Gefahr posttraumatischer Belastungsstörungen werde nachweislich geringer, so Bäni.