Man würde meinen, Kim Jong Un habe derzeit andere Probleme als sinkende Tourismus-Zahlen. Seine jüngsten Raketentests hatten neue Sanktionen vonseiten der USA zur Folge und sein nukleares Machogehabe zwängt das diktatorisch regierte Reich immer tiefer in die Isolation. Doch der junge Diktator (33) schaut scheinbar unbekümmert darüber hinweg und lanciert mitten in der Krise eine neue Tourismus-Offensive. Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat Nordkorea eine Homepage aufgeschaltet, auf der sich das Land ausländischen Touristen als Reiseziel schmackhaft machen will.

Unter www.tourismdprk.gov.kp kann man sich auf Englisch, Russisch, Japanisch, Koreanisch und Chinesisch über die Highlights des selbst ernannten «Landes der guten Manieren» erkundigen. Die nordkoreanischen Touristiker bewerben beispielsweise das «Victorious Fatherland Liberation War Museum» und die U-Bahn, wo man sehen könne, wie das sozialistische Land «wirklich» funktioniere. Die Skiresorts in Wonsan müsse man gesehen haben, die Strände von Songdowon, die Architektur in der Hauptstadt Pjöngjang und natürlich den heiligen Berg Mount Paektu, auf dem der einstige Staatsführer Kim Jong Il – so erzählt man sich im Lande in plagiatverdächtiger Anlehnung an biblische Überlieferungen – in einer Hütte zur Welt gekommen sein soll. Während des Aufenthalts geniesse man einen «hohen Level an Führungsservice» (sprich: pro Reisender kommt mindestens ein nordkoreanischer Geheimdienstaufseher mit) und für medizinische Notfälle gäbe es mit dem Pyongyang Friendship Hospital ein den Touristen vorbehaltenes Spital.

Kim will mehr Besucher begrüssen

Die Absicht hinter der Offensive ist klar: Nordkorea will mehr Touristen und damit mehr Devisen ins Land holen. Bis 2020 möchte Kim Jong Un jährlich zwei Millionen Besucher beherbergen, wie ein Regierungssprecher 2015 verkündete. Derzeit sind es nur rund 100'000, davon etwa 5000 Europäer und Nordamerikaner.

Das wirtschaftliche Potenzial, das im Fremdenverkehr steckt, hat das ostasiatische Land schon kurz nach dem Waffenstillstand mit dem südkoreanischen Brudervolk erkannt: Die Tourismusbehörde gibt es offiziell seit dem 24. August 1953. Mit der touristischen Entwicklung des Landes habe es aber eine Weile gedauert, erklärt die Behörde online. Schuld daran seien die USA. Die «feindlichen Absichten» der amerikanischen Imperialisten hätten das Aufblühen der Tourismusbranche lange verhindert. Unter der «weisen Anleitung vom höchsten Führer Kim Jong Un» gehe es nun aber aufwärts.

Dass Nordkorea überhaupt ein touristisches Angebot hat, das jetzt mit der neuen Homepage beworben werden soll, verdankt das kommunistische Regime dem Schweizer Stephan Römer. Seit 1992 führt Römer als Inhaber das auf Asienreisen spezialisierte Reiseunternehmen tourasia, das als einer der weltweit ersten Veranstalter Reisen nach Nordkorea angeboten hat. In die Planung der neuen Homepage sei er zwar nicht involviert gewesen, sagt Römer auf Anfrage. tourasia sei aber seit 17 Jahren beratend für die nordkoreanischen Touristiker tätig.

«Mein Fazit war, dass die Nordkoreaner absolut keine Ahnung haben, wie man touristische Angebote aufbaut», sagt Stephan Römer, Inhaber von tourasia.

«Mein Fazit war, dass die Nordkoreaner absolut keine Ahnung haben, wie man touristische Angebote aufbaut», sagt Stephan Römer, Inhaber von tourasia.

«Ich wurde 2000 von der Botschaft in Berlin angefragt, ob tourasia Interesse hätte, sich mal mit Nordkorea über touristische Aktivitäten zu unterhalten», erzählt Römer. Er habe sich in mehreren Meetings mit Vertretern aus der kommunistischen Diktatur unterhalten und schnell festgestellt, dass die Nordkoreaner auf dem Holzweg sind. «Mein Fazit war, dass die absolut keine Ahnung hatten, wie man touristische Angebote aufbaut.»

Notizblöcke und Nierenstein

Kurz nach den ersten Treffen half Römer einer nordkoreanischen Delegation, 90-Tage-Visa für die Schweiz zu erhalten. Die Nordkoreaner reisten auf touristischer Mission durch die ganze Schweiz und schauten sich neben den klassischen Highlights auch weniger berühmte Orte wie die Göscheneralp an. Dazwischen tauchten sie in regelmässigen Abständen mit Fragekatalogen bei Römer auf und schrieben eifrig mit, wenn er ihnen den hiesigen Tourismus erklärte. Ihr Ziel: die Konzepte des Reiselands Schweiz verstehen und zuhause kopieren.

Ganz ohne Zwischenfälle verlief die helvetische Mission der Kim-Untergebenen aber nicht. «Einer der Nordkoreaner ist während des Aufenthaltes an einem Nierenstein erkrankt und musste sich einer Spitalbehandlung unterziehen. Da sie selbst nicht viel Geld zur Verfügung hatten, habe ich diesen Spitalaufenthalt bezahlt», erzählt Stephan Römer.
Das Regime dankt ihm den Einsatz und seine Beraterfunktion bis heute mit erstaunlicher Offenheit. Zwar kann Nordkorea nach wie vor ausschliesslich auf vom Regime entworfenen und von staatlichen Mitarbeitern begleiteten All-inclusive-Touren erkundet werden. Was das Programm dieser Touren anbelange, seien die Verantwortlichen aber sehr offen. «Es gibt zwar einige wenige Restriktionen. Innerhalb gewisser Regeln, die wir kennen und auch beachten, ist aber erstaunlich vieles möglich», erzählt Römer. Für eine Gruppe, die sich für die Schauplätze des Koreakrieges interessierte, konnte er beispielsweise ein Treffen mit Offizieren organisieren.

Alltagsbilder aus Nordkorea, die eine Fotografin der Nachrichtenagentur AP im Juni 2017 gemacht hat:

Römers Engagement dürfte dazu beigetragen haben, dass Nordkoreas Touristiker bis heute eine enge Beziehung zur Schweiz unterhalten. Der Stand, den Nordkorea an der Ferienmesse Bern 2015 betrieb, war der erste Auftritt des Regimes überhaupt an einer Publikumsmesse im Ausland. Und obwohl ein von Nordkorea bestellter Schweizer Skilift wegen eines Exportverbots des Bundes nie ausgeliefert werden konnte, sind die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach wie vor einigermassen intakt. Eine Reisewarnung vom Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) gibt es nicht. Während die USA ihren Bürgern Trips nach Nordkorea ab Anfang September ganz offiziell verbieten, heisst es auf der entsprechenden EDA-Homepage einzig, man solle sich strikte an die Anweisungen der Behörden halten, keine Uniformierten fotografieren und keine Drogen konsumieren.

Bomben schlagen aufs Geschäft

Trotzdem: Was die Buchungszahlen der Nordkorea-Reisen anbelangt, ist noch Luft nach oben. Alt-Bundesrat Christoph Blocher hat 2009 mit einer Wandertour durch Kims Reich zwar vorgemacht, dass Nordkorea-Reisen gut machbar sind. Trotzdem buchen bei tourasia nur rund 30 Gäste jährlich einen Nordkorea-Trip. Ähnlich sind die Zahlen bei Globetrotter, dem zweiten grossen Nordkorea-Anbieter in der Schweiz. Römer rechnet damit, dass die Zahlen 2017 wegen der anhaltenden politischen Anspannung um rund die Hälfte der Buchungen zurückgehen wird. Er betont aber: «Eine Reise nach Nordkorea ist sicher.» Ob die neue Homepage der nordkoreanischen Touristiker gleich einen Buchungs-Boom auslösen wird, da hat Stephan Römer aber doch eher Zweifel.

Anders tönt es in Pjöngjang selbst. Die touristische Nachfrage steige rasant, lässt das Regime verlauten. Doch das ist – wie so manches, das aus Kims Kommunikationskatakomben nach draussen dringt – mit Vorsicht zu geniessen.