Alzheimer-Drama von Rupperswil
«Tötungsfantasien sind nicht selten»

Dass Angehörige von Demenzkranken die Nerven verlieren, passiert laut Samuel Vögeli öfters. Damit sich das Drama von Rupperswil nicht wiederholt, fordert der Leiter der Alzheimerberatung Aargau die Politik auf, endlich zu handeln.

Jessica Pfister
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Keystone

Seine geliebte Frau litt an Alzheimer. Er pflegte sie jahrelang, bis zur Erschöpfung. Überfordert und alleingelassen schien der 64-jährige Fritz W. keinen anderen Ausweg zu sehen, als seine rund zehn Jahr ältere Frau zu erwürgen. Samuel Vögeli von der Alzheimerstiftung Aargau schlägt Alarm.

Herr Vögeli, Fritz W. war mit der Betreuung seiner Partnerin offensichtlich völlig überfordert. Warum hat er keine Hilfe gesucht?
Samuel Vögeli: Das Thema Alzheimer und vor allem der Umgang mit der Krankheit sind in der Schweiz noch immer ein Tabu. Dazu kommt, dass Menschen in unserer Kultur Mühe haben, Hilfe anzufordern und eine vermeintliche Schwäche zuzugeben.

Samuel Vögeli Samuel Vögeli ist Leiter der Geschäfts- und Beratungsstelle der Alzheimervereinigung Aargau. Er ist Pflegefachmann HF, mit langjähriger Erfahrung mit Menschen mit Demenz und in der Beratung von Angehörigen.

Samuel Vögeli Samuel Vögeli ist Leiter der Geschäfts- und Beratungsstelle der Alzheimervereinigung Aargau. Er ist Pflegefachmann HF, mit langjähriger Erfahrung mit Menschen mit Demenz und in der Beratung von Angehörigen.

Zur Verfügung gestellt

Handelt es sich hier um einen Einzelfall?
Vögeli: Die Betreuung von Demenzkranken ist sehr anstrengend und braucht enorme Geduld. Dass Angehörige gegenüber ihren, an Alzheimer erkrankten Partnern, Eltern oder Verwandten aggressive Gefühle entwickeln, kommt deshalb oft vor. Auch Tötungsfantasien sind nicht selten.

Und wie kann man verhindern, dass diese Fantasien in die Realität umgesetzt werden?
Vögeli: Angehörige müssen über ihre Ohnmacht und ihre Gefühle offen sprechen. So können sie ihre Wut in den Griff kriegen. Sei das in einer telefonischen Beratung oder direkt bei einer Beratungsstelle zusammen mit der ganzen Familie.

Gibt es denn genügend solcher Anlaufstellen?
Vögeli: Das ist von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Im Aargau haben wir die kostenlose Beratung am Telefon und vor Ort. Das Problem ist, dass es nur eine Beratungsstelle gibt und die Betroffenen aus den verschiedenen Regionen anreisen müssen. Hier ist der Kanton Bern beispielhaft. Dort gibt es für jede Region eine eigene Anlaufstelle. Da ist die Hemmschwelle natürlich kleiner.

Gibt es noch weitere Möglichkeiten um die Angehören zu entlasten?
Vögeli: Eine Studie aus Deutschland hat gezeigt, dass eine zugehende Beratung den Angehörigen enorm hilft. Dass heisst, dass den Partnern oder Eltern gleich nach der Diagnose im Spital oder der Klinik eine Beratung angeboten wird. Hier hat die Schweiz einen grossen Nachholbedarf. Auch temporäre Entlastungsangebote wie beispielsweise Tages- und Nachtstätten mit Kurzzeitbetreuung fehlen hierzulande vielerorts - mit der Konsequenz, dass manch Angehöriger selber zum Pflegefall wird.

Weshalb hat die Schweiz keine nationale Strategie?
Vögeli: Unser extremer Föderalismus verhindert ein zentrales Konzept. Deshalb sind Länder wie Holland und Schottland in der Behandlung von Alzheimer so weit fortgeschritten. Wir haben zwar auch in der Schweiz Vorzeigeprojekte wie beispielsweise die Sonnenweid in Wetzikon. Doch ein Alzheimer-Dorf, wie es in Holland gebaut wurde, ist aufgrund unseres politischen Systems leider undenkbar. Wenn wir Fortschritte machen wollen, müssen wir uns an die Kantonsregierungen wenden. (siehe unten)

Fast 100 000 Demenzkranke

Heute leben fast 100 000 Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz in der Schweiz. Und weil der Hauptrisikofaktor einer Demenz das Alter ist, nimmt die Anzahl Kranker in der Schweiz stark zu. Heute ist jede 22. Person 80 Jahre oder älter, im Jahr 2050 wird es etwa jede 9. Person sein. Menschen mit Demenz leben oft jahrelang mit ihren Angehörigen zu Hause. Um die nötigen Rahmenbedingungen für eine Betreuung zu schaffen, laufen in den Kantonen verschiedene Vorstösse. Im Kanton Aargau hat die Alzheimervereinigung Mitte September die Petition «Priorität Demenz» übergeben. Darin fordert sie den Kanton auf, die Pflege von Demenzkranken zu koordinieren. Auch schweizweit wird der Ruf nach einer Demenzstrategie lauter. Die Nationalräte Reto Wehrli und Jean-François Steiert verlangen dies in ihren Motionen - die der Bundesrat lehnt jedoch ablehnt. Grund: Die auf Bundesebene getroffenen Massnahmen und die in den Kantonen diskutierten Prioritäten würden ausreichen. Das letzte Wort hat allerdings das Parlament- und dort scheint der Tenor klar. Von 200 Mitgliedern haben 112 die Motion unterzeichnet. (jep)