Fall Robert S.
Tote Prostituierte im Dolder Grand: Ex-Anlagechef der Aargauischen Pensionskasse steht vor Gericht

Ab Mittwoch steht der ehemalige Anlagechef der Aargauischen Pensionskasse in Zürich wegen Mordanklage vor Gericht. Ihm wird der grausame Tod einer Prostituierten zur Last gelegt.

Max Dohner
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Hier, im Dolder Grand Hotel in Zürich, stirbt «Kathleen» in Zimmer 3307 auf grausamste Weise.

Hier, im Dolder Grand Hotel in Zürich, stirbt «Kathleen» in Zimmer 3307 auf grausamste Weise.

Steffen Schmidt/Keystone

Ein Mann baut sein Leben auf Geld, nach hierzulande bewährter Manier: Robert S., geboren 1967 in Uzwil SG, knapp 30 Jahre lang, von Jugend auf. Der Vater war schon kaufmännischer Angestellter gewesen. Bei Robert S. dreht sich alle Zeit um Geld. Freunde gibt’s wenige. Trifft er mal Freunde, sprechen sie über Geld. Oder Ferien, was in seiner Lohnklasse (eine Viertelmillion) Werte für das Gleiche sind.

Ja, aber was ist das wirklich wert?

Etwa in der Liebe ... Das bleibt ja so ein Traum. Auch wenn Robert S. in Küsnacht ZH mit einer Freundin zusammenwohnt. Er sucht das ganze Glück anderswo, die ewig verluderte Liebe offenbar. Da ist die Hoffnung besonders drängend – und besonders teuer.

Robert, neben seinem ganzen Tagespensum fürs Geld, suchte Liebe nachts ausgerechnet dort, wo es alles gibt für Geld. Ohne Kohle nur Gleichgültigkeit, nicht mal einen Stinkefinger oder Klaps. Vom Grundbaukasten Sex bis zur atemraubenden Zirkussensation wird hier alles inszeniert. Scheinbar so, dass es die gewohnte Hausmannskost völlig zunderobsi wirft. Im Grunde aber ist der Zauber bloss verquirlt mit dem gewöhnlichen Heftli- und Flimmerkisten-Traum.

Kann Robert S., scharfsichtig beim Geld, schummrig im Gefühl, die zwei Sphären noch auseinanderhalten? Liebe und Eigenliebe, Narzissmus und Empathie? Sein und Schein? Wobei hier ganz gegenständlich der Bankschein gemeint ist. Geld macht schön: Liebe läuft ab mit Taxameter und Tariftabelle. So was muss der Mann kennen. Damit hat er beruflich doch ein halbes Leben verbracht. Er müsste es wissen: Das Medium und Fluidum auf jedem Markt heisst Geld, auch auf dem Liebesmarkt.

Die Freundin ahnt nichts

Nein, der Finanzjongleur, als wäre er mit 45 noch immer nicht trocken hinter den Ohren, fühlt sich betrogen, fürchtet Kränkung und Verrat. So jedenfalls beschreibt die Staatsanwaltschaft den Auslöser der Tat, Roberts Motiv. Zumal er bereits kurz zuvor von «Alexa», einer anderen Prostituierten, vorgeführt und versetzt worden sei.

Wie so viele, die in tausend Mikrosünden ihre Unschuld hundertfach ausreizen und ritzen, es hat sich schliesslich immer «gut gerechnet», sieht sich offenbar auch Robert S. plötzlich in seiner ganzen Unschuld und Sentimentalität verletzt.

Und dann geht er hin, lockt die polnische Prostituierte «Kathleen» eines Nachmittags ins Luxushotel Dolder, schlägt, würgt, traktiert die 25-Jährige, im Zimmer 3307, bis sie stirbt, packt sie in einen Koffer und stellt den zu Hause in den Keller, zu den dort gelagerten edlen Tropfen. Um den Verwesungsgeruch zu verzögern, stellt er die Kühlung aufs Maximum und bringt Duftstecker an. Die Freundin oben ahnt nichts. Nichts vom Koffer, nichts von der kalten Nackten darin, nichts vom Doppelleben ihres stets so unauffälligen Freundes.

Geld regiert die Welt. Aber das Leben besteht nicht nur aus einer Welt. 30 Jahre lang hatte der Mann neben dem Geld nichts bedacht und nichts bemerkt, Tag für Tag nichts daraus gelernt. Kein Dummkopf – das zeige die Planmässigkeit des Vorgehens beim Mord, hält die Staatsanwaltschaft fest. Robert S. wusste, dass «Kathleen» lange niemand vermisste (sie hatte angegeben, sie fliege in die Ferien). Er führte die Polin direkt von der Tiefgarage des «Dolder» hinauf aufs Zimmer. Er nahm am fraglichen Tag einen Koffer mit, worin nicht nur ihre Leiche passte, sondern der auch im Weinkeller akkurat in eine Nische passte, zu der es keine einsehbare Tür gab.

Er «verursachte dem Opfer übermässig viele Qualen», schreibt die Staatsanwaltschaft, «welche zur blossen Tötung nicht notwendig gewesen wären.» Er ging nach der Tat zehn Tage lang seinen gewohnten Beschäftigungen nach, mit der Leiche im Keller, unter dem gleichen Dach mit seiner Partnerin.

Schon kurz nach der Tat gestand Robert S. die Tat. Er befindet sich in der Strafanstalt Pöschwies im sogenannten vorzeitigen Massnahmenvollzug. Sein Prozess beginnt heute Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich. Robert S. war langjähriger Banker gewesen bei der Credit Suisse und wechselte Anfang der 2000er-Jahre zur Aargauischen Pensionskasse (APK).

Nach der Kündigung gings bergab

Wir wollten mit Roberts Chefin in Aarau sprechen, mit Susanne Jäger. Sie verwies auf frühere Verlautbarungen und auf den Jahresbericht der APK 2011. Darin steht, Robert S. habe die APK «umsichtig durch die letzten elf sehr anspruchsvollen Anlagejahre geführt». Susanne Jäger sagte zum Finanz-Newsportal «In$ide Paradeplatz», der Anlagechef habe sich nichts zuschulden kommen lassen; seine Kündigung per Ende 2011 habe sie bedauert.

Nachher aber verlief Roberts Suche nach einem neuen Job offenbar harzig. Er hatte laut Bekannten jener Zeit Kontakte zu nordamerikanischen Hedgefunds und plante, zu einem Hedgefund zu wechseln. Das hat sich augenscheinlich zerschlagen. Vor der Tat häuften sich Signale einer zunehmenden Verschuldung; Robert S. verkaufte Uhren, Möbel und Weine, um seine Zahlungsunfähigkeit irgendwie noch abzuwenden.

Der tödliche Tiefensog

Ein Mann verarmt an Gefühl im Umgang mit viel Geld – an sich ein banaler Fall. Wofür allerdings ein weiteres, argloses oder törichtes Ding den höchsten Preis bezahlte. Eine junge Frau, die vom besseren, vom wirklichen Leben geträumt hatte, wenn das Anschaffen der Mittel dafür erst mal ausgestanden wäre. Und die sich – fatalerweise – für einmal bei einem Stelldichein nicht an die Regeln gehalten hatte, welche ihr Haus, der Bordell-Club Life in Dübendorf, einforderte.

Mysteriös am Fall bleibt höchstens, weshalb niemand – weder die Freundin an der Goldküste noch die Kollegen im Lauf der Jahre – von der fatalen Leere, die sich neben ihnen stetig ausweitete, etwas bemerkten. Den spürt man vor lauter Banalität eben nicht – den tödlichen Tiefensog.

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