Politkarriere
Toni Brunner: vom Realschüler zum Bundesrats-Kandidaten

Toni Brunner will nicht Bundesrat werden. Noch nie hat er seinem Ziehvater Christoph Blocher so unmissverständlich eine Abfuhr erteilt. Überraschend ist dies freilich nicht.

Stefan Schmid
Merken
Drucken
Teilen
1995 wird Toni Brunner in den Nationalrat gewählt
14 Bilder
Mit 21 Jahren ist er der jüngste Nationalrat
1996 mit Ziehvater Christoph Blocher
1997 zum ersten Mal am Rednerpult
2003 - Brunner gratuliert Blocher zur Wahl in den Bundesrat
2003 auf dem heimischen Hof
2006 als Fussballer im Einsatz gegen Stéphane Chapuisat
Die Karriere des Toni Brunner
2008 übernimmt Toni Brunner die SVP-Präsidentschaft von Ueli Maurer
2009 -Als Parteipräsident ein gefragter Mann bei den Medien
2011 übergibt Brunner der Bundeskanzlei die Unterschriftensammlung für eine Volkswahl des Bundesrates
2013 am Swiss Economic Forum mit den Präsidenten von BDP, SP, CVP und FDP
Toni Brunner am 31. Oktober 2015 an der SVP-Delegiertenversammlung
9. Januar 2016: Toni Brunner verkündet an der SVP-Kadertagung in Bad Horn seinen Rücktritt als Präsident.

1995 wird Toni Brunner in den Nationalrat gewählt

Keystone

Wir besuchen den Landgasthof Sonne, das von Toni Brunner zum «Haus der Freiheit» stilisierte Bergbeizli im Toggenburg. Ein abgelegener Chrachen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu erreichen. Die Aussicht auf die Churfirsten ist an diesem Abend im Herbst 2010 phänomenal, das Rindsfilet auf dem heissen Stein schmeckt vorzüglich. Zum Schluss gibt’s einen Enzian-Schnaps, vom Hausherrn persönlich serviert und – natürlich – offeriert. Die Gespräche sind kontrovers, meine zwei Begleiterinnen haben das Heu politisch nicht auf derselben Bühne wie Toni Brunner. Der Abend aber ist gesellig.

Gesättigte Bäuche, wohliges Heimatgefühl, und dann die abenteuerliche Rückfahrt auf der ehemaligen Bergstrecke zurück in die Stadt. «Erstaunlich, wie er Menschen einnehmen und für sich gewinnen kann», sagt die Kollegin, die seit jeher links wählt. Angst eingeflösst habe ihr das Gästebuch, das Brunner herumgereicht hatte. Seitenweise Huldigungen von Hausfrauen aus der ganzen Schweiz, die mit dem Car ins Toggenburg pilgern, um «unseren lieben Toni» zu herzen. Personenkult. Das «Haus der Freiheit» als quasireligiöse Pilgerstätte für SVP-Fans. Toni Brunner – aufmerksamer Gastgeber, witziger Gesprächspartner, Held der Hausfrauen, Musterschwiegersohn. Es ist seine ganz grosse Stärke: In seiner Nähe fühlt sich niemand schlecht.

Brunner, der Bundesrat

Manch einer hält ihn deshalb für den idealen, ja gar «natürlichen» Bundesrat und prädestinierten Nachfolger von Eveline Widmer-Schlumpf, der per Ende Jahr abtretenden BDP-Magistratin. Dabei will Brunner gar nicht Bundesrat werden. Er wollte schon in seinem Heimatkanton St. Gallen nicht, wo sie ihn jahrelang beknieten, doch bitteschön für den Regierungsrat zu kandidieren, um die akuten Personalsorgen der SVP zu lösen. Die Toggenburger Scholle ist ihm um Welten näher als das Berner Machtbiotop - auch wenn die zahlreichen Bilder am Melkstuhl in erster Linie einer cleveren PR-Strategie und weniger der brunnerschen Bauernrealität geschuldet sind.

Szenenwechsel: eine kleine Wohnung im Berner Matte-Quartier in der Weihnachtszeit 2003. Toni Brunners Partnerin Esther Friedli, eine Bernerin mit CVP-Vergangenheit, hat für den Quartierverein Guetzli gebacken, wie es der Brauch im ehemaligen Industrie- und Arbeiterviertel will, das längst zu den besseren Wohnadressen in der Bundesstadt gehört. Brunners Telefon klingelt ständig. Am Apparat: Christoph Blocher, frisch gewählter Bundesrat, politischer Ziehvater des Ostschweizers, vor allem aber auch: ein persönlicher Freund. Nach einer halben Stunde kehrt Brunner zurück, leicht verärgert. «Sie wollen ihm das Justizdepartement unterjubeln. Typisch.» Doch Christoph werde auch dort einen hervorragenden Job machen. «Ich habe ihm Mut zugesprochen», sagt Brunner, damals 29-jähriger Nationalrat und Vizepräsident der SVP Schweiz. Schallendes Toni-Gelächter.

Fünf Jahre später ist es Blocher, der Brunner Mut macht und ihn auffordert, Verantwortung zu übernehmen. Er zwingt ihn geradezu, das Parteipräsidium zu übernehmen. Kein Wunder, gilt Brunner als «Präsident von Blochers Gnaden», klar, frotzeln viele von «Blochers Bueb». Brunner ist populär in den eigenen Reihen, doch belächelt vom Rest der Schweiz – vorerst. Denn Brunner macht vieles richtig: Auch wenn er knallhart auf SVP-Linie politisiert, können ihm nicht mal seine ärgsten Widersacher je wirklich böse sein. Brunner ist ein Glücksfall für die polternde SVP, der perfekte Präsident. Gmögig, berechenbar, clever. Kein Zyniker wie Christoph Mörgeli, kein intellektueller Missionar wie Roger Köppel, kein blasser Hinterbänkler wie so viele in dieser grossen Partei.

Souveräne Gelassenheit

Dritte Szene, im «Arena»-Studio in Zürich letzten Freitag: Toni Brunner diskutiert mit CVP-Nationalrat Martin Candinas, BDP-Mann Hans Grunder und SP-Nationalrätin Jacqueline Badran über die künftige Zusammensetzung des Bundesrats. Seit Tagen ist er im Gespräch als möglicher Kandidat. Christoph Blocher persönlich hat ihn portiert – und damit die seit Monaten arbeitende SVP-interne Findungskommission desavouiert. Badran greift rasch zum Zweihänder: «Du bist unwählbar, weil Du doch jedes Mal nach Herrliberg fahren musst, um den Stöfeli zu fragen, wie es weitergeht.» Brunner lächelt gequält, bleibt aber ruhig und verzichtet auf einen Konterangriff. Jeder andere Parteichef hätte in dieser Situation die Kontrolle verloren. Nicht so Toni Brunner. Nehmerqualitäten. Der Mann kann austeilen, wenn es ihn danach dürstet. Doch in erster Linie kann er einstecken.

Brunner sei ein «höflicher, lustiger Mensch, der gut reden kann», sagt BDP-Nationalrat Bernhard Guhl. Der Grünliberale Beat Flach lobt ihn für seine Kollegialität, «seine grösste Stärke». Auf Absprachen mit ihm könne man sich stets verlassen. Und CVP-Nationalrätin Ruth Humbel sagt: «Toni Brunner ist ein Naturtalent, kommunikativ, schlagfertig und schlau. » Am besten aber hat es Christoph Blocher zusammengefasst, der Brunner besser kennt als jeder andere: «Toni kann man überall hinschicken, der erzählt nie einen Seich.»

Hemberg vor Bern

Seit 20 Jahren gehört Brunner dem Nationalrat an. Die Wahl in den Ständerat hat er zweimal verpasst. Das St. Galler Volk gab zuletzt Gewerkschafts-Boss Paul Rechsteiner den Vorzug. Das Resultat zeigte, wo seine Grenzen liegen. Brunners Nähe zu Blocher macht viele misstrauisch, gerade im liberalen Bürgertum. Brunners Verzicht auf eine Bundesratskandidatur ist daher nur konsequent. Er wäre chancenlos. In der Westschweiz und im Tessin wird er kaum wahrgenommen. Vor allem aber: Er spricht kaum Französisch. Ein schwerer Makel. Es ist ihm egal.

So oder so hängt sein Glück nicht von der Berner Karriere ab: Als Esther Friedli, seine langjährige Freundin, von Bern in die Ostschweiz zog, wollte sie in die Stadt. Brunner überredete sie, auf dem Hemberg mit Blick auf die Churfirsten Wohnsitz zu nehmen.

Vom Kleinbauer zum Popstar. Wer hätte das damals gedacht, als er in den 1980er-Jahren von der Sek- in die Realschule wechseln musste? Wer hätte das an jenem Olma-Sonntag im Oktober 1995 gedacht, als der Listenfüller unverhofft in den Nationalrat gewählt wurde – und nach einem Gerangel an der Olma mit Schrammen im Gesicht den Journalisten Red und Antwort stehen musste?