Ostschweiz

Tödlicher Unfall auf Pannenstreifen: Gericht folgt der Anklage – 18 Monate bedingt für den Lenker

Es ist unstrittig: Der Fahrer des Unfallwagens hatte auf dem Handy Musiktitel gewechselt und ist deshalb von der Normalspur abgekommen und auf den Pannenstreifen gefahren.

Es ist unstrittig: Der Fahrer des Unfallwagens hatte auf dem Handy Musiktitel gewechselt und ist deshalb von der Normalspur abgekommen und auf den Pannenstreifen gefahren.

Eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten hat ein 24-jährige Lenker vor dem Wiler Kreisgericht gefasst. Der Mann hatte vor knapp einem Jahr auf dem Pannenstreifen der A1 zwei Menschen angefahren und tödlich verletzt.

Der tödliche Unfall auf der Autobahn bei Oberbüren hatte im April 2019 schweizweit Betroffenheit ausgelöst. Entsprechend gross war das Interesse am heutigen Prozess in Flawil, dem nebst Medienvertretern und Gästen auch Angehörige des 50-jährigen Fahrers des Pannenfahrzeugs beiwohnten. Dessen Auto war zum Unfallzeitpunkt auf dem Pannenstreifen abgestellt.

Als der Angeklagte aus Oberbüren in Richtung St.Gallen fahrend den Bürerstich erreichte, war der 23-jährige Pannenhelfer aus Wil kauernd und mit dem Rücken zur Fahrbahn mit dem Wechseln des defekten Reifens beschäftigt. Er wurde später vom Fahrzeug des Beschuldigten erfasst und weggeschleudert. Dabei prallte er gegen den Besitzer des Pannenfahrzeugs. Der junge Automechaniker erlag seinen schweren Verletzungen noch auf der Unfallstelle, der Lenker des Pannenfahrzeugs starb wenige Wochen später im Spital.

100 Meter im Blindflug gefahren

Die Anklage liess keinen Zweifel daran, dass der Unfall vermeidbar gewesen wäre. Denn der Angeklagte bediente während der Fahrt das Handy. Vom Wechseln von Musiktiteln war die Rede. Die Ablenkung habe dazu geführt, dass das Auto von der Fahrbahn weg auf den Pannenstreifen geraten sei, hielt die Staatsanwaltschaft fest. Während der wenigen Sekunden der Unaufmerksamkeit habe der Beschuldigte, mit Tempo 110/120 km/h um die 100 Meter quasi im Blindflug zurückgelegt. Der Antrag der Anklage lautete auf 18 Monate bedingt.

Fehlverhalten, Zufall und Pechfaktoren

Die Verteidigung bestätigte im wesentlichen den von der Staatsanwaltschaft geschilderten Sachverhalt. Das Risiko der Manipulation am Handy jedoch stellte er in Relation zu anderen alltäglichen und teilweise permanenten Ablenkungsfaktoren wie die Autoheizung, die Landschaft, der Nebenverkehr, Kinder oder Tiere im Fahrzeug oder die emotionale Befindlichkeit des Lenkers. Wobei er betonte, dass er nicht beschönigen, sondern bloss relativieren wolle.

Tatsache sei aber, dass im Strassenverkehr in Bezug auf die Aufmerksamkeit täglich Fehler begangen würden, diese aber meist folgenlos blieben oder eine Busse nach sich zögen. Nebst dem Fehlverhalten mit dem Handy hätten im konkreten Zufall Pechfaktoren zur Katastrophe geführt. Ausserdem stellte die Anklage in Frage, ob nicht auch die zu nahe Platzierung des Pannendreiecks sowie die fahrbahnnahe Position des Automechanikers zum Unglück beigetragen hätten. Der Antrag der Verteidigung: maximal sechs Monate bedingt und eine Geldbusse von 180 Tagessätzen.

Nie mehr Auto gefahren

Der Angeschuldigte, von Anbeginn weg vollumfänglich geständig und im Untersuchungsverfahren stets kooperativ, gab sich an Schranken sachlich und zurückhaltend. Der Unfall hat sein Leben nachhaltig geprägt. Seit dem 3. April sass er nie wieder am Steuer eines Autos. Und nach wie vor ist er in psychologischer Behandlung. Im Schlusswort suchte er nach passenden Worten. Er hoffe sagte er schliesslich, dass sich das Leben der beiden Familien wieder zum Positiven wende.

Das Gericht verurteilte den Mann schliesslich wie von der Anklage beantragt zu 18 Monaten bedingt. Die Genugtuungsforderungen der Angehörigen wurden teils gutgeheissen.

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