P-26: Dienen und schweigen

Todesanzeige: Kameraden des Schweizer Geheimarmee-Kaders rechnen mit Kaspar Villiger ab

Sie war einer der grossen Skandale der Schweizer Geschichte: Die Geheimarmee P-26. Kameraden des verstorbenen Kadermanns Strasser kritisieren alt Bundesrat Kaspar Villiger. Dieser sieht sich nun zu einer Stellungnahme genötigt.

Es ist eine Todesanzeige, wie man sie noch nie gesehen hat: Unter der Oberzeile «Dienen und schweigen» wird in der gestrigen «NZZ» Hans-Rudolf Walter Strasser gedacht. Er ist am 23. Juni gestorben. Dass mit «vulgo Franz» sein Decknamen erwähnt wird, lässt aufhorchen, richtig gepfeffert ist aber vor allem der unüblich salopp gehaltene Begleittext.

Die Verfasser der Anzeige – die Ehemaligenvereinigung der Kader-Organisation für den Widerstand im feindbesetzten Gebiet und das Musée Résistance Suisse 1940–1990 – erinnern an die verschiedenen beruflichen Stationen von Strasser und schiessen dabei derart mit Giftpfeilen um sich, dass sich sogar alt Bundesrat Kaspar Villiger zu einem Statement veranlasst sieht.

Die Todesanzeige von Hans-Rudolf Walter Strasser v/o Franz

Die Todesanzeige von Hans-Rudolf Walter Strasser v/o Franz

Rückblende: Offizier Strasser hatte Ende der 1980er-Jahre drei verschiedene Hüte auf, wie Publizist Martin Matter in seinem Buch zum Thema schreibt. Neben dem Zivilberuf als Informationschef des damaligen Militärdepartements (EMD), amtete er in der Armee als Kommunikationsverantwortlicher des Generalstabschefs. Seine brisanteste Rolle war aber zweifellos jene in der Geheimorganisation «P-26». Dort war er unter dem Pseudonym «Franz» als Mitglied des Führungsstabs für die «Propaganda sowie die psychologische Kriegsführung» (Matter) verantwortlich.

Nachdem die «Weltwoche» im Herbst 1990 P-26-Chef Efrem Cattelan enttarnt hatte, musste Strasser in seiner Funktion als EMD-Sprecher öffentlich dessen Identität bestätigen. Dass er selbst jahrelang einer der treusten Mitarbeiter Cattelans war, wusste damals noch niemand – bis auch Strasser wenig später in einer Sendung des damaligen Radio DRS «verraten» wurde, wie es die Verfasser der Todesanzeige nennen.

«Nervös herumgetigert»

Peter Bertschi, Autor des entsprechenden Beitrags und später stellvertretender Chefredaktor von Radio SRF, erinnert sich noch gut an die turbulenten Tage. Strasser habe P-26-Chef Cattelan zur Aufzeichnung eines Interviews begleitet und sei dabei «die ganze Zeit hypernervös im Studio herumgetigert». Aufgrund eines parlamentarischen Untersuchungsberichts wusste man zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ein gewisser «Franz» Cattelans rechte Hand war. Wer sich hinter dem Decknamen versteckte, war jedoch noch nicht bekannt. Für Bertschi war klar: Es musste Strasser sein – also konfrontierte er ihn kurz darauf mit seinem Verdacht. Dieser wich zuerst aus, beschuldigte den Journalisten, ihn «fertigmachen» zu wollen, knickte aber letztlich ein.

Am Mittag des 11. Dezember 1990 ging der Beitrag über den Sender und verursachte sofort einen Riesenwirbel. EMD-Chef Villiger – mit der Information überrumpelt und aufgrund der stetigen Enthüllungen politisch ohnehin unter Druck – entmachtete noch gleichentags seinen Informationschef Strasser, der ja auch noch «Franz» aus der P-26 war. Das wusste Villiger aber eben nicht.

Warum wurde er freigestellt?

Strassers ehemalige Freunde haben diese Freistellung nie richtig verdaut. In der gestrigen Todesanzeige schreiben sie vom «durch die Fichenpsychose im Parlament restlos entnervten Bundesrat Kaspar Villiger», der ihn «aus dem Amt gejagt» habe und wohl nur «dank politisch schlechtem Gewissen» darauf verzichtet habe, ihn zu entlassen (Strasser blieb noch bis 1993 im Verteidigungsdepartement und wurde dann frühpensioniert).

Alt Bundesrat Kaspar Villiger reagiert

Villiger weist die Vorwürfe auf Anfrage der «Nordwestschweiz» zurück: Die Todesanzeige zeuge vom «überzeugten Engagement und der nachvollziehbaren, offenbar bis heute dauernden Verletztheit der ehemaligen Kameraden». Dass Strasser ihm gegenüber seine Mitgliedschaft bei der P-26 verheimlicht habe, sei aber «keineswegs der zentrale Grund für seine Ersetzung als Kommunikationschef gewesen». Vielmehr habe der damalige sicherheitspolitische Umbruch nach dem Fall der Mauer eine «grundlegende Armeereform» und damit «auch in der Kommunikation einen Generationenwechsel» erfordert.

Einer, der die ganzen P-26-Enthüllungen aus nächster Nähe miterlebt hat, ist der langjährige SP-Präsident Helmut Hubacher. Von jeher ist er der Ansicht, dass die Geheimorganisation «illegal und eines Rechtsstaates unwürdig» gewesen sei. Gleichzeitig habe man deren Bedeutung aber «furchtbar überschätzt», es habe sich um «Indianerlis für grosse Buben» gehandelt.

Hubacher und Strasser kannten sich seit den 1960er-Jahren von der «Basler Arbeiterzeitung» und begegneten sich auch später immer wieder. Die Todesanzeige passe zu seinem Charakter: «Er war ein todernster, langweiliger Typ, der sich nach Heldenstatus sehnte. Deshalb wollten ihm die Verfasser nun wohl dieses Denkmal setzen und die
P-26 rehabilitieren.»

Übrigens: Nur eine gute Woche nach Hans-Rudolf Strasser starb auch seine Gattin Yvonne. Auch sie war, wie wir dank der Todesanzeige wissen, eine Geheimdienstlerin.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1