Sonderflüge
Tod des nigerianischen Flüchtlings – der Fall ist noch lange nicht vom Tisch

Der Tod eines 29-jährigen Nigerianers während der Ausschaffung im März 2010 ist noch nicht geklärt. Der Fall ist komplex und verschiedene Gutachten haben bis jetzt keine glaubhafte Erklärung gefunden, wie der Flüchtling wirklich zu Tode kam.

Sven Zaugg
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Joseph Ndukaku

Joseph Ndukaku

Keystone

Joseph Ndukaku wurden am Nachmittag des 17. März 2010 im Flughafengefängnis II in Kloten aus seiner Zelle gerufen. Was dann geschah war polizeiliche Routinearbeit: Ein Polizeikommando überwältigte den Nigerianer und fesselte ihn. Etwas später wurde der 29-jährige mit 15 anderen Flüchtlingen in eine Halle beim Werkhof gebracht. Dort gemäss Vorschrift (siehe Video zu Level-4-Ausschaffung) abermals an Händen, Armen, Hüften, Oberschenkeln und Füssen gefesselt, um schliesslich mit einem Sonderflug nach Nigeria, genauer Lagos, ausgeschafft zu werden.

Doch Ndukaku setzte nie einen Fuss auf nigerianischen Boden - der Flüchtling, der sich seit über fünf Wochen im Hungerstreik befand, weil ihm die Behörden das Aufenthaltsrecht in der Schweiz verweigerten, starb noch auf den Flughafengelände.

Kleines Detail mit grosser Wirkung

Nach dem tragischen Tod, überschlugen sich die Schlagzeilen in den Schweizer Medien. Untersuchungen wurden aufgenommen. Was war passiert? Ein erstes Gutachten des Zürcher Instituts für Rechtsmedizin kam zum Schluss, dass der 29-jährige Nigerianer an einer Herzkrankheit litt. Das Gutachten schloss aus, dass die Abläufe bei der Ausschaffung - vor allem die Fesselung - alleine zum Tod des Flüchtlings geführt habe.

Dem schenkten der Opferanwalt Viktor Györffy, der Verein für Medizin und Ethik und die Menschenrechtsorganisatin «augenauf» jedoch wenig Glauben. Sie forderten ein zweites, unabhängiges Gutachten. Aber auch dieses Gutachten, verfasst vom Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Justus-Liebig-Universität in Giessen, kam zu einen ähnlichen Schluss: Der Flüchtling litt an einer Herzkrankheit, aber nicht an derselben wie das Zürcher Institut für Rechtsmedizin (IRM ZH) festgestellt hatte. Ein kleines Detail mit grosser Wirkung.

Zwei Diagnosen, zwei Herzkrankheiten

«Das unabhängige, deutsche Gutachten hat die Todesursache keineswegs bestätigt», sagt Opferanwalt Viktor Györffy. Das Erstgutachten des Instituts für Rechtsmedizin Zürich habe 2010 eine ganz andere Herzerkrankung als Todesursache postuliert. Das Institut diagnostizierte damals eine hypertrophen Kardiomyopathie (HCM). Das betrifft einfach gesagt die Pumpfunktion des Herzens. Das Zweitgutachten geht jedoch von einer fibromuskulären Dysplasie (FMD) aus. Demnach ist das Problem im Herzreizleitungssystem, also in der Steuerung des Herzens.

Zwar gebe es für die Diagnose des Erstgutachtens Indizien, das klassische Bild einer HCM habe aber nicht vorgelegen, und diese Diagnose müsse genetisch kontrolliert werden, was nicht gemacht worden sei, kritisiert Opferanwalt Györffy. Zwei Diagnosen also; zwei komplett unterschiedliche Krankheitsbilder.

Kardiologe rügt die Medien

Eine Ansicht, die Michel Romanens teilt. Gegenüber az online erklärt der renommierte Kardiologe, dass es sich medizinisch betrachtet, um zwei völlig unterschiedliche Diagnosen handelt. «Damit ist bewiesen, dass sich die Gutachter weder betreffend Todesursache noch betreffend Schweregrad der Herzkrankheit einig sind», sagt Romanens und fügt an, dass der Fall keineswegs vom Tisch sei. Die Darstellung des zweiten Gutachtens durch die Staatsanwaltschaft sei deshalb irreführend.

In einer Medienmitteilung der Behörden vom 13. Juli (also kurz nach der Publikation des zweiten Gutachtens) wurde verlautet, dass die Todesursache laut Zweitgutachten bestätigt worden sei. Nun könne ausgeschlossen werden, dass der Ausschaffungsversuch zum Tod geführt habe, kam die Staatsanwaltschaft zum Schluss. «Die Presse hat die staatsanwaltschaftlichen Verlautbarungen ohne weitere Prüfung in den Medien verbreitet», bemängelt Romanens.

Hungerstreik als Auslöser

Romanens ist sich sicher, dass der Hungerstreik, die gewaltsame Fesselung und der daraus resultierende Stress zum Tod des 29-jährigen Nigerianers geführt haben. Und er bemängelt, dass man beim Auftauchen der gesundheitlichen Probleme nicht sofort Helm und Fesseln abgenommen und die Reanimation eingeleitet habe. Opferanwalt Györffy weist überdies darauf hin, dass der Zweitgutachter mangels entsprechender fachlicher Qualifikation keine Beurteilung der durchgeführten Reanimationsbemühungen abgegeben habe, obwohl er danach gefragt worden sei.

Für ihn sind damit wesentliche Fragen weiterhin offen: Was war wirklich die Todesursache? Wie ist der Hungerstreik in Kombination mit dem Stress der Ausschaffung einzuschätzen? Sind angemessene Vorkehrungen getroffen worden, um das Leben des Flüchtlings zu retten?

«Selbst wenn man dem Zweitgutachten in Bezug auf die Todesursache folgen wollte», mahnt Györffy, «sind der Hungerstreik und der Ausschaffungsversuch strafrechtlich gesehen eindeutig als relevante Mitursachen zu qualifizieren.»

Unabhängigkeit des Autors «nicht gewährleistet»

Pikant ist auch folgendes Detail: Das erste Gutachten wurde vom Ehemann der Präsidentin der Polizeidirektion verfasst. In seinen Eingaben hat Opferanwalt Viktor Györffy die Staatsanwaltschaft mehrmals darauf hingewiesen, dass die Unabhängigkeit des Autors nicht gewährleistet war. Eine weitere Ungereimtheit, die kein gutes Licht auf die Staatsanwaltschaft wirft.

Nach dem Tod von Joseph Ndukaku ordneten die Behörden die Aussetzung der Sonderflüge für Zwangsausschaffungen an. Doch bereits im Juli 2010 wurden die Sonderflüge - ausser für Nigeria - wieder aufgenommen. Vor zwei Wochen wurde erstmals wieder Ausschaffungshäftlinge nach Nigeria zurückgeführt. Die Nachrichtensendung «10 vor 10» des Schweizer Fernsehens veröffentlichte Videobilder, auf denen zu sehen war, wie Polizisten auf einen gefesselten Asylbewerber mit dem Schlagstock einschlugen.

Opferanwalt Viktor Györffy hat gegenüber der Staatsanwaltschaft die Fortführung des Strafverfahrens beantragt. «Niemand der auf so eine Weise einen Angehörigen verloren hat, könnte unter diesen Umständen eine Einstellung des Verfahrens akzeptieren.» Er fordert ein neues Gutachten und die lückenlose Klärung des Todes von Joseph Ndukaku. Die Staatsanwaltschaft will nun diese Hinweise prüfen, wie der zuständige Staatsanwalt Christian Philipp auf Anfrage sagte.

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