Würdigung
Der Meister des Deals: Alt Bundesrat Flavio Cotti ist mit 81 an Corona verstorben

Flavio Cotti ist tot. Laut verschiedener Tessiner Medienberichten starb der CVP-Politiker an Komplikationen in Zusammenhang mit einer Coronavirus-Erkrankung. Er war ein Wegbereiter des Bilateralismus. Nach dem Rücktritt tat er nur noch eines: Schweigen.

Patrik Müller
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18. Oktober 1993: Die Bundesräte Kaspar Villiger (links) Flavio Cotti, und Adolf Ogi (rechts) empfangen in Bern den deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl.
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15. November 1997: Palästinenser-Präsident Yasser Arafat (links) und Bundesrat Flavio Cotti unterhalten sich in Bern am Rand des Treffens zwischen Arafat und der US-Aussenministerin.
11. Dezember 1998: Bundespräsident Flavio Cotti, (rechts) und Österreichs Aussenminister Wolfgang Schüssel umarmen sich am Rande des EU-Gipfels in der Hofburg in Wien, an der sie den Durchbruch der bilateralen Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU kommentierten. Links lacht Bundesrat Pascal Couchepin und ganz rechts steht EU-Kommissar Hans Van Den Broeck.
5. Dezember 1994: Aussenminister Flavio Cotti steht im Mittelpunkt der KSZE-Versammlung in Budapest. Die Schweiz hat 1996 das Präsidium der KSZE übernommen. Anlässlich des Gruppenfotos aller Staatsoberhäupter wurde Cotti von Namen wie Clinton, Havel Mitterrand und Jelzin umrahmt.
23. Juni 1995: Bundesrat Flavio Cotti (rechts) empfängt den Dalai Lama.
3. Mai 1999: Alt Bundesrat Flavio Cotti mit Alfred N. Schindler und Alt Bundesrat Kaspar Villiger beim Lift- und Rolltreppenhersteller Schindler in Ebikon.
15. April 1999: Tritt die Schweiz der EU bei? Österreichs Aussenminister Wolfgang Schüssel und Flavio Cotti am Europa-Forum im KKL Luzern.
18. September 2009: Gruppenbild im Hotel Schweizerhof in Luzern: René Felber, Ruth Dreifuss, Stadtpräsident Urs W. Studer, Elisabeth Kopp, Flavio Cotti und Pierre Aubert am Lucerne-Festival-Empfang.
25. September 2010: Feier der Studentenverbindung Subsilvania im alten Gymnasium Sarnen mit alt Bundesrat Flavio Cotti.
9. September 2015: Zusammenkommen von unter anderem ehemaligen Bundesräten im Rahmen des Lucerne Festival auf der Terrasse des KKL. Auf dem Bild zu sehen ist von links: Alt Bundesrat Flavio Cotti, Stadtrat Stefan Roth und Alt Bundesrat Christoph Blocher.
13. Juni 2016: Treffen ehemaliger Bundesräte, mit René Felber, Flavio Cotti, Arnold Koller (von links).
13. Juni 2016: Diskussion unter Alt Bundesräten Adolf Ogi, Ruth Dreifuss, Eveline Widmer-Schlumpf und Flavio Cotti (von links).
Alt Bundesrat Flavio Cotti starb an Corona.

18. Oktober 1993: Die Bundesräte Kaspar Villiger (links) Flavio Cotti, und Adolf Ogi (rechts) empfangen in Bern den deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl.

Bild: Str / Keystone

Interviews mit Alt-Bundesräten sind zu einer eigenen Textgattung im Journalismus geworden. Wenn ein verdienter Alt-Magistrat aus der Deckung tritt, werden seine Worte oft mehr beachtet als die eines amtierenden Bundesrats. Dabei gilt die Regel: Je rarer sich ein Alt-Bundesrat macht, umso gewichtiger sind seine Aussagen. Nach dieser Regel wiegen die Aussagen von Christoph Blocher (SVP), Pascal Couchepin (FDP) oder Moritz Leuenberger (SP) nicht viel; zu inflationär sind ihre Auftritte.

Maximal rar gemacht hat sich Flavio Cotti, CVP-Bundesrat von 1987 bis 1999, der am Mittwoch in Locarno im Alter von 81 Jahren an Corona gestorben ist. Cotti war der letzte Tessiner Bundesrat, bis 2017 Ignazio Cassis (FDP) gewählt wurde.

Cotti gab nach seinem Rücktritt nämlich gar keine Interviews. Zwar traf man ihn da und dort an, so tauchte er an der Wahlfeier für Cassis auf. Aber politische Interventionen sind keine dokumentiert. Eine Generation von Journalisten versuchte seit 1999 vergeblich, ihn aus der Reserve zu locken.

So auch der Schreibende. Die Gelegenheit schien günstig auf einer Reise mit amtierenden und ehemaligen Aussenpolitikern in Moskau im Jahr 2010. Während einer langen Autofahrt zur Schweizer Botschaft analysierte Cotti mit einer Mischung aus Aggression und Witz die Schweizer Aussenpolitik, vor allem das Verhältnis zur EU. Das hätte gereicht für drei, vier knallige Schlagzeilen. Aber Cotti sagte nach jedem süffisanten Satz mit schalkhaftem Blick: «Alles off the record!», also nicht zitierbar. Nach dem Essen auf der Botschaft flüsterte er dann: «Also wenn ich dann doch einmal noch ein Interview geben sollte, dann nur Ihnen!» Ein Satz, den allerdings auch viele andere Journalisten zu hören bekamen. Cotti war als Mitglied des Beirats der Credit Suisse nach Moskau eingeladen. Er hatte weitere Mandate in der Privatwirtschaft, die er mit höchster Diskretion ausübte, etwa bei Georg Fischer.

Es mag klischiert klingen bei einem Tessiner, aber Cotti war ein Charmeur. Er gehörte zu den beliebtesten Bundesräten. Dass Adolf Ogi (SVP), dessen Amtszeit sich mit seiner überschnitt, noch ein Stück weit beliebter war, soll ihn gewurmt haben. Wie viele Charmeure war Cotti auch empfindlich und schnell gekränkt. Sein Bild in der Öffentlichkeit war ihm wichtig, er war ein Liebling der «Schweizer Illustrierten», die ihn auch auf Wanderungen begleiten durfte.

Seine Offenheit und sein Witz erleichterten ihm den Zugang zu Menschen, was ihm als Bundesrat half, Deals zu machen.

Er übernahm nach dem Volks-Nein zum EWR

In Erinnerung bleibt weniger seine Zeit als Innenminister (1987 bis 1993) als sein Wirken im Aussendepartement (EDA) von 1993 bis 1999. Da hatte er grossen Einfluss. Die «NZZ am Sonntag» kürte erst vor einem Monat den «perfekten Bundesrat» und besetzte ihn unter anderem mit Cotti. Er sei ein «Regent» gewesen.

Cotti trat den Aussenminister-Posten ein halbes Jahr nach dem Nein zum EWR-Beitritt an. Dieses Volksverdikt hatte Cotti, noch Innenminister, selbst mitverschuldet, indem er im Bundesrat zur 4:3-Mehrheit gehörte, die vor der EWR-Abstimmung für die Einreichung eines EU-Beitrittgesuches stimmte und so den Europagegnern um Christoph Blocher einen Steilpass gab: Der EWR als Vorstufe zum EU-Beitritt.

Doch während Wirtschaftsminister Jean-Pascal Delamuraz (FDP) schmollte und das Volk beschimpfte («ein schwarzer Sonntag»), packte Frohnatur Cotti die Chance und begann, den bilateralen Weg zu bereiten. Im Jahr seines Rücktritts, 1999, war das bilaterale Vertragspaket I unter Dach und Fach.

Der Meister des Deals zelebrierte seine Kunst ein letztes Mal bei seinem Rücktritt, den er mit CVP-Kollege Arnold Koller abstimmte. So sicherte er seiner Partei die beiden Bundesratssitze – und brachte sie für die Parlamentswahlen einige Monate später ins Gespräch. Dann trat Cotti ab. Und schwieg.