Der Mann hatte offensichtlich Ärger am Berg. Am Karfreitag begab sich SVP-Wirtschaftspolitiker und Nationalrat Thomas Aeschi (40) mit Kumpeln ins Skigebiet Engelberg-Titlis.

Dort traf er auf viele Touristen, was ihn zu einem Frust-Tweet veranlasste. «Overtourism auf Engelberg-Titlis. Als Skifahrer kommt man kaum noch auf den Gipfel», schrieb der Chef der SVP-Bundeshausfraktion. Wir haben darüber berichtet.

Auf Twitter und in den Leserkommentaren der Online-Medien erntete Aeschi dafür jede Menge Spott und Hohn. Zum Beispiel:

Wicki: «Tödlich für den Tourismus»

Jetzt ergreift auch der Verwaltungsratspräsident der Titlis-Bahnen, der Nidwaldner Ständerat Hans Wicki (FDP), das Wort. «Der Tweet von Herrn Nationalrat Aeschi zeigt mir sehr deutlich auf, dass er nichts vom Tourismus versteht und Ausländer – wie von einigen SVP-Exponenten immer wieder gemacht - mit den Hauptthemen der SVP in Verbindung bringt», hält Wicki per Mail fest. Er weiss: «Was aus marketingtechnischer Sicht für die Belange der SVP allenfalls noch hinreichend ist, ist aber für den Tourismus tödlich.»

Wicki spricht damit dem Umstand an, dass Aeschi mit seinem Tweet auch Stimmung gegen das Waffenrecht und für die Begrenzungsinitiative der SVP machte.

FDP-Ständerat Hans Wicki

FDP-Ständerat Hans Wicki

Wirtschaftswissenschafter Hans Wicki (55) ist der Ehemann der ehemaligen Skirennfahrerin Monika Hess. Im letzten Herbst kandidierte er für die Nachfolge von FDP-Bundesrat und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Er erzielte mit 56 Stimmen ein beachtliches Resultat und beeindruckte in den Hearings, vermochte aber gegen die haushohe Favoritin Karin Keller-Sutter nichts auszurichten.

Bahnen nehmen Overtourism «ernst»

Wicki nimmt auch zum Phänomen «Overtourism» Stellung, das Aeschi als Ärgernis darstellte. Der Präsident der Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis hält dazu fest: «Der ‹Overtourism› ist ein Wohlstandsproblem der Schweizer, das wir sehr ernst nehmen müssen, wenn wir auch in 20 Jahren eine erfolgreiche Tourismusbranche haben wollen.» Er betont: «Hier muss einiges unternommen werden, damit wir uns den Ast, auf dem wir sitzen, nicht wegschneiden. Dazu braucht man aber etwas länger, als dieses Mail zu schreiben – oder den Tweet von Herrn Nationalrat Aeschi.»

Overtourism wird in Wikipedia so erklärt: «Als Overtourism (‹Übertourismus›) wird eine Entwicklung im Tourismus bezeichnet, die das Entstehen von offen zutage tretenden Konflikten zwischen Einheimischen und Besuchern an stark besuchten Zielen zum Gegenstand hat.»

Auch der Hotelverband Hotelleriesuisse hat das Thema «Overtourism» auf dem Radar. «In der Schweiz ist das Phänomen deutlich weniger stark ausgeprägt als anderswo. Der Schweizer Tourismus setzt traditionell auf Qualität und bewegt sich in einem preislich höheren Segment. Gleichzeitig sorgt die Dichte und Vielfalt von Attraktionen für eine gute Verteilung der Touristenströme», hält Karin Sieber, Marketing- und Kommunikationschefin von Hotelleriesuisse, fest.

Hotelleriesuisse: «Einvernehmliche Lösungen»

Aber:« sollte nicht kleingeredet werden, da er die Akzeptanz des Tourismus bei der einheimischen Bevölkerung schwächt. Wo dennoch Probleme entstehen sollten, ist das Gespräch mit den betroffenen Akteuren zu suchen und sollten einvernehmliche Lösungen gefunden werden», sagt die Vertreterin der Hotelbranche.« Subsidiäre Lösungen» seien «einer nationalen Einheitsregelung dabei klar vorzuziehen».

Aeschis Tweet dürfte von den Tourismusverantwortlichen nicht der Gattung «Suche nach einvernehmlichen Lösungen» zugerechnet werden.

Die Redaktion von CH Media hat Thomas Aeschi gestern um eine Stellungnahme gebeten – er wollte die Angelegenheit nicht näher kommentieren. In einem zweiten Tweet vom Mittwochabend hatte er dafür die Bergbahnen Engelberg-Titlis und Hotelleriesuisse angegriffen:

Ganz zu kurz kann Aeschi am Titlis übrigens nicht gekommen sein, zum Trübsal gesellte sich ein guter Tropfen. Oben im Bergrestaurant am Trübsee gönnte er sich mit seinen Begleitern eine Flasche Weisswein.