Oberflächenanlage
Tiefenlager: Das Schreckgespenst bekommt ein Gesicht

So unsichtbar ein Tiefenlager für Atommüll auch ist, es braucht eine Pforte, eine so genannte Oberflächenanlage. Die Infrastruktur an der Erdoberfläche ist aufwändig - und sie prägt die Region.

Michael Nittnaus
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Ein Planungsbild eines Atommüll-Tiefenlager (fotorealistische Gestaltung maaars)

Ein Planungsbild eines Atommüll-Tiefenlager (fotorealistische Gestaltung maaars)

Keystone

«Wir lehnen eine Oberflächenanlage auf unserem Gemeindegebiet strikt ab und werden uns dagegen zur Wehr setzen.» Kaum war die Pressekonferenz der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) gestern Mittag beendet, verkündete der Gemeinderat im aargauischen Rekingen dies auf seiner Internetseite. Und er steht nicht alleine da.

20 mögliche Standorte, die 21 Gemeinden betreffen, hat die Nagra gestern für eine Oberflächenanlage ausgewiesen und es würde nicht erstaunen, wenn 21 Einsprachen auf ihrem Tisch landen. Nagra-Geschäftsführer Thomas Ernst weiss selbst: «Die Oberflächenanlage ist das am besten sichtbare Element des geologischen Tiefenlagers.» Der Zürcher SVP-Regierungsrat Markus Kägi, der als Vorsitzender des Ausschusses der Kantone an der Pressekonferenz teilnahm, drückte es am schönsten aus: «Nun hat das Tiefenlager eine Doppelgestalt, ein Oben und ein Unten. Es besteht die Gefahr, dass auch die Diskussion oberflächlicher wird.»

Verpackung ist heikelste Phase

Doch geben wir dem Schreckgespenst «Oberflächenanlage» ein Gesicht: Es ist ein Gebäudekomplex auf einer Fläche von acht Hektaren bei einer Anlage für hoch radioaktive Abfälle (HAA) oder fünf Hektaren für schwach- und mittelradioaktive Abfälle (SMA). Das mit 25 Metern höchste Gebäude ist die Verpackungsanlage, in der verbrauchte Brennelemente und verglaste hochaktive Abfälle nach der Anlieferung umverpackt werden. Dies ist nur bei der HAA-Anlage nötig, da SMA schon endlagerfähig verpackt angeliefert werden.

Ergänzt wird die Anlage durch weitere Betriebsgebäude und eventuell Produktionsanlagen für das benötigte Füllmaterial. Ein Besucherzentrum soll einen Einblick in die Abläufe ermöglichen. Die Sicherheit steht dabei im Zentrum. So sorgt ein Schleusenprinzip dafür, dass der Raum, in dem die HAA in andere Behälter umgeladen werden, zu jeder Zeit geschlossen ist. «Diese Arbeitsschritte werden bereits seit Jahren im Zwischenlager in Würenlingen erfolgreich angewendet», betont Ernst.

Die eigentliche Pforte ins Erdinnere kann mehrere Kilometer entfernt oder direkt über dem Tiefenlager liegen – je nachdem, ob das Lager mittels Rampe oder einem Schacht erschlossen wird. «Beide Systeme sind umsetzbar, doch momentan müssen wir laut Vorschrift des Bundes mit einer Rampe planen», sagt Ernst dazu. Stelle sich der Schacht als sicherer heraus, könne man aber umplanen.

Die 20 Vorschläge der Nagra zeigen zudem, dass eine Oberflächenanlage sehr flexibel in die Umgebung eingebettet werden kann. Bevorzugt werden Kiesgruben, doch auch in Industriezonen, am Waldrand, teilweise eingedeckt in einem Hang oder auf offenem Feld ist der Bau möglich.

Viele Transportfahrten nötig

Ein wichtiges Kriterium ist die Erschliessung der Anlage. Ideal wäre eine direkte Schienenanbindung, ansonsten bräuchte es eine Umladeanlage vom Zug auf den Lastwagen. Der Unterschied wäre markant: So rechnet die Nagra bei einer HAA-Anlage pro Jahr mit bis zu 130 Transportfahrten per Schiene, wobei allerdings nur 5- bis 9-mal Brennelemente oder hochaktive Abfälle und 30-mal langlebige mittelaktive Abfälle (LMA) transportiert werden. Können nur Lastwagen eingesetzt werden, steigt diese Schätzung auf bis zu 800 Fahrten an, 15 bis 25 mit Brennelementen und HAA und 180 mit LMA. Nicht nur der Standort des Stolleneingangs gibt deshalb zu reden, sondern auch, durch welche Gemeinden die Transporte führen werden.