Frau Knill, noch vor einer Woche haben die Kantone vor einem Eingreifen des Bundesrats im Sprachenstreit gewarnt. Vergeblich. Was halten Sie davon?

Monika Knill: Ich bin sehr enttäuscht und überrascht. In unserem Antwortschreiben an Innenminister Alain Berset haben wir klar zum Ausdruck gebracht, dass die Verhältnismässigkeit für einen Eingriff des Bundes nicht gegeben ist und welche Risiken damit verbunden sind. Ohne Erfolg. Der Entscheid zum zentralistischen Eingriff stand da wohl schon fest. Nimmt der Bund uns Kantone überhaupt noch ernst?

Der Kanton Thurgau stellt sich im Sprachenstreit quer. Hat er den Bogen überspannt?

Nein. Wir fühlen uns unverändert verpflichtet, die qualitativen Ziele im Französisch zu erreichen, die das Gesetz vorgibt. Wir wählen einfach einen anderen Weg. Wir werden nun zum Sündenbock gemacht, obwohl andere Kantone wie Uri und Appenzell-Ausserrhoden auch kein Französisch auf der Primarstufe kennen und in zahlreichen Kantonen ähnliche Initiativen vorliegen.

Sie stecken nun quasi im Sandwich zwischen Ihrem Parlament und dem Bundesrat. Zu wem geben Sie sich loyal?

Wir haben einen parlamentarischen Auftrag, der steht nicht zur Diskussion. Die Entwicklungen auf Bundesebene werden wir aber aufmerksam verfolgen. Derzeit läuft im Kanton Thurgau die Vernehmlassung zum Lehrplan Volksschule Thurgau, wovon der Französischunterricht ein Bestandteil ist. Die Stellungnahmen werden wir ebenfalls analysieren.

Der Bundesrat befürchtet, dass mit einem Verzicht auf das Frühfranzösisch der nationale Zusammenhalt gefährdet ist. Sehen Sie das auch so?

Persönlich habe ich Mühe mit derartigen Zuspitzungen. Ein gewisses Verständnis habe ich dafür, dass die Regionen für ihre Sprache kämpfen. Der Zusammenhalt dieses Landes basiert aber auf ganz anderen Säulen als nur auf dem Frühfranzösisch. Denken Sie etwa an den Sport, die Kultur- und Arbeitswelt und den Tourismus. Diese Emotionalität und dieses Schwarz-weiss-Denken über den Röstigraben hinweg führt zu einer Abwehrreaktion. Die Gefahr ist gross, dass dieser Streit Spuren hinterlässt, die dem Zusammenleben abträglich sind.

Bedeutet der bundesrätliche Entscheid nun den Todesstoss für das Frühenglisch?

Das wäre unglaublich fatal. Eine Sprache verschieben oder neu einführen ist wie ein schwerer Tanker. Das erfordert eine sehr langfristige Planung. Nur schon bis die richtige Anzahl Lehrkräfte so ausgebildet ist, dass sie auf jeder Bildungsstufe unterrichten kann, braucht viel Zeit. Eine solche Umstellung ist nicht per Knopfdruck zu lösen.

Et vous? Parlez-vous francais? Sprechen Sie Französisch?

No, seulement pour le niveau de vacances – nur auf Ferienniveau (lacht). Ich hatte erst auf der Sekundarstufe Französisch. Zuletzt verbrachte ich aber zwei Sprachaufenthalte in Montreux. Entscheidend ist, wie intensiv eine Sprache vermittelt wird. Und wie gut eine Lehrperson ausgebildet ist. Man überschätzt die Wirkung von zwei Lektionen in der Primarschule. Man sollte sich auch besser mal fragen, warum der Funke beim Französisch im Vergleich zum Englisch nicht so springt.