Therapieplätze
Therapieplätze für gefährliche Straftäter sind Mangelware

Psychisch kranke Straftäter kommen nicht in den normalen Strafvollzug, sondern erhalten eine sogenannte Massnahme. Doch die Plätze sind rar. Fachleute sprechen von einer «unhaltbaren Situation».

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Gefängnis

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Patrick Rudin

Ohne einen besonderen Grund ging der 28-jährige Mann in Frenkendorf mit einem Fleischmesser auf einen Standinhaber los: Das Strafgericht erklärte ihn wegen einer schweren paranoiden Schizophrenie für schuldunfähig und beschloss vor wenigen Wochen eine stationäre Massnahme. Eigentlich hatte ihn zuvor sein Verteidiger bereits überzeugt, die Therapie in einer geschlossenen Institution vor einem Urteil anzutreten, doch daraus wurde nichts: Therapieplätze sind rar, die Warteliste ist lang - der 28-Jährige hofft bereits seit dem vergangenen Oktober auf seine Aufnahme in einen Platz im Massnahmenvollzug.

Der Mann sitzt daher auch heute noch im Untersuchungsgefängnis und erhält dort seine Medikamente wie auch regelmässigen Besuch von den externen psychiatrischen Diensten. Strafverteidiger Christian von Wartburg bezeichnet die Situation als unhaltbar. «Das Gefängnispersonal kommt zu uns und betont, man müsse in diesem Fall unbedingt etwas unternehmen. Das ist einfach keine adäquate Betreuung für einen psychisch kranken Menschen.»

Kaum Spielraum vorhanden

Beim Strafgericht ist man sich der schwierigen Situation beim Massnahmenvollzug bewusst, sieht aber auch keine schnellen Lösungen. Auf die Frage, ob die knappen Plätze auch Auswirkungen auf die Urteile haben, antwortet Strafgerichtspräsident Adrian Jent ausweichend. «Da bleibt uns eigentlich nicht furchtbar viel Spielraum. Eine notwendige Massnahme deshalb nicht anzuordnen wäre verantwortungslos, vor allem wenn die Gefahr von weiteren Straftaten besteht», so Jent.

Während aber die Psychiater und Gutachter lediglich Therapieempfehlungen aufgrund der Diagnose abgeben würden, müssten die Gerichte immer auch überprüfen, ob eine Massnahme auch verhältnismässig ist. «Es ist daher durchaus denkbar, dass künftig das Bundesgericht anordnen könnte, jemanden aus der Haft zu entlassen und die Massnahme ambulant durchzuführen», erklärt Adrian Jent.

Nachdem das Gericht die Massnahme beschlossen hat, ist die Sicherheitsdirektion für die Umsetzung zuständig. Laut Gabi Mächler von der Abteilung Massnahmenvollzug des Kantons warten derzeit zehn Täter auf einen Platz im Massnahmenvollzug: Zwei in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik, die anderen acht in einem Untersuchungsgefängnis. Nicht eingerechnet sind weitere Täter, deren Verfahren noch bei einem der Statthalterämter läuft.

Doch auch diese relativ niedrig wirkenden Zahlen seien problematisch, warnt der Verteidiger: «Massnahmen dauern oft um die zwei bis drei Jahre, daher ist die Fluktuation in diesen Institutionen nicht sonderlich hoch. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass eine zunehmende Anzahl der Straftäter starke psychische Probleme haben», argumentiert Christian von Wartburg.

Abwarten und Medikamente schlucken

Gerhard Mann von der Sicherheitsdirektion betont, man habe ganz unterschiedliche Straftäter, die man unterbringen müsse, und die Kliniken und Vollzugszentren wiederum hätten alle ihre bestimmten Spezialitäten. «Am schwierigsten sind aber tatsächlich gefährliche Straftäter mit schweren und verschiedenen psychischen Störungen unterzubringen.» Hier könne es tatsächlich bis zu 15 Monaten dauern, bis ein Therapieplatz gefunden sei, so Mann.

Doch auch derjenige, der sich schon vor einem Urteil freiwillig in die Behandlung begeben will, rutscht auf der Liste nicht nach vorne: «Es wäre nicht richtig, diese Leute anders zu behandeln», meint Gerhard Mann dazu. Andererseits betont er, wenn ein Institut beim Bewerbungsgespräch mit dem Klienten den Eindruck habe, dieser wolle lediglich möglichst unkompliziert seine Zeit absitzen, dann erhalte möglicherweise durchaus ein anderer, kooperativer Klient den Platz. Zwischen den verschiedenen Akteuren finden zwar Gespräche statt, doch mittelfristig werden sich die Wartelisten wohl nicht verkürzen. Daher heisst es für psychisch kranke Straftäter weiterhin: Abwarten und Medikamente schlucken.

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