Hans Küng ist Professor an der Universität Tübingen. Nach dem Brief an die irischen Katholiken kritisiert er den Papst heftig. Küng sagte in einem Interview mit der «Tagesschau», dass der frühere Kardinal Joseph Ratzinger seit Jahrzehnten von den Missbräuchen in seiner Kirche gewusst habe. Küng: «Ich glaube dass ich nicht übertreibe, wenn ich sage: Es gab keinen einzigen Mann in der ganzen katholischen Kirche, der so viel wusste über die Missbrauchsfälle, und zwar ex officio, von seinem Amt her.»

Der heutige Papst habe bereits als Professor in Regensburg, als Erzbischof von München und in seiner 24-jährigen Zeit in der Glaubenskongregation direkt mit den Missbrauchsfällen zu tun gehabt. In dieser Zentralbehörde würden «seit langem alle Missbrauchsfälle zentralisiert, damit sie unter höchster Geheimhaltungsstufe unter der Decke gehalten werden können», sagt Küng.

Papst forderte Bischöfe zur Geheimhaltung auf

Küng erwähnte im Interview einen Brief von 2001, den der damalige Kardinal Joseph Ratzinger an sämtliche Bischöfe der Welt schickte. In diesem Brief habe der heutige Papst die Bischöfe aufgefordert, alle Sexualdelikte mit höchster Geheimhaltung nach Rom zu melden. Dort seien die Fälle registriert worden. «Aber es ist eben nichts geschehen», so Küng.

Küng fordert, der Papst müsse nun die Debatte um das Zölibat und die Sexualmoral freigeben. Wenn das Zölibatsgesetz endlich abgeschafft würde, wäre vieles schon viel besser. «Das Eheverbot für Priester hängt klar mit den Missbrauchsfällen zusammen», so Küng.

Die katholische Kirche habe seit dem Mittelalter eine verklemmtes Verhältnis zur Sexualität. Dies zeige sich bei Themen wie Empfängnisverhütung und Abtreibung. Der verklemmte Umgang sei neben der Vorstellung der Unfehlbarkeit der Grund, warum der Papst bislang keine Mitverantwortung übernehme.