Daniel Kestenholz, Bangkok

Nach dreitägigen Strassenschlachten mit 25 Toten und über 200 Verletzten begann der Sonntag in Bangkok ruhig. Für einmal grollten Monsun-Donner und nicht Gewehrfeuer. Das änderte sich am Vormittag schlagartig. Der rote Mob plünderte Geschäfte und errichtete Strassenbarrikaden. Scharfschützen feuerten hinter brennende Reifen.

Thailands Regierung lehnte gestern ein Verhandlungsangebot der Protestbewegung ab. Sie erklärte Montag und Dienstag zu Feiertagen, damit die Streitkräfte leichter operieren können. Die Regierung fror zudem die Konten von 106 Firmen und Privatpersonen ein, über die der Protest finanziert werde. Darunter auch Konten der Familie von Thaksin Shinawatra, dem exilierten Defacto-Führer der Roten.

Die Regierung forderte Ältere, Frauen und Kinder ultimativ auf, die seit sechs Wochen besetzte rote Enklave bei Ratchaprasong zu evakuieren, diese in eine Geisterwelt verwandelte einstige Vorzeigemeile Bangkoks. 800 Frauen und Kinder haben die «Kriegszone» bis gestern verlassen und wurden in Regierungsbussen nach Hause gefahren.

Radikalisierung der Rothemden

Ein harter Kern an Rothemden bleibt jedoch in der besetzten Zone verbarrikadiert. Weng Tojirakarn, ihr ideologischer Führer, schwor seine Leute auf Widerstand ein. Die Militarisierung des mit Gewehren und Granatwerfern ausgerüsteten radikalen Flügels der Roten schritt weiter voran. Selbst an Taxifahrer wurden Feuerwaffen verteilt. Derweil wächst die Ungeduld im Volk. Laut einer Umfrage stehen 51 Prozent hinter Premier Abhisits harter Linie.

Im Ausland mag Bangkok derzeit wie eine postmoderne Apokalypse anmuten. Dabei gehen die Bewohner unbeeindruckt ihren täglichen Geschäften nach. Man meidet die Innenstadt. Die Gestelle in Supermärkten bleiben prallvoll, Sportclubs halten ihre Turniere ab.

Wie gross ist Bhumibols Einfluss?

Auf ein Machtwort des Königs wartet die Nation weiter vergeblich. Es ist fraglich, ob der alte Monarch Bhumibol noch den Einfluss von früher besitzt, als auf sein Flüstern die Waffen verstummten. Die Roten geben sich als feurige Monarchisten. Doch sie streben nicht nur der Sturz der Aristokratie an. Thailand hat die wohl schärfsten Gesetze der Welt zu Majestätsbeleidigung. Unter diesem Schutz hat sich über die Jahrzehnte eine Elite an Königstreuen, Bürokraten und Militärs an der Landesspitze eingenistet. Der 2006 gestürzte Premier Thaksin stellte diese alte Hierarchie auf den Kopf, indem er Schlüsselinstitutionen mit eigenen Leuten besetzte und Entscheidungsgewalt monopolisierte.

Den König fordern die Roten nicht heraus. Doch die fortschreitende Politisierung der Monarchie hat erreicht, dass die Krone keine vermittelnde Rolle mehr wahrnehmen kann. Bhumbiol weiss um das Risiko, dass nicht mehr auf ihn gehört wird. Vielleicht schweigt er deshalb.