Partei-Hochburgen

Teufen – das gelobte Land des Freisinns

Teufen ist die zweitgrösste Gemeinde von Appenzell Ausserrhoden. Von 6127 Einwohnern sind knapp 400 Millionäre – und sogar knapp 60 Prozent wählt FDP. Hier ist die FDP noch eine Volkspartei: Mitmachen darf, «wer 50 Franken zahlt und normal denkt».

Wer die Hochburg des Freisinns erklimmen will, setzt sich am Bahnhof St. Gallen am Perron 13 in einen Waggon der Appenzeller Bahnen. Nach 15 Minuten und gut 150 Höhenmetern findet man sich in einer anderen Welt wieder: in Teufen, der zweitgrössten Gemeinde von Appenzell Ausserrhoden. 6127 Menschen leben hier, knapp 400 davon Millionäre.

Der Steuerfuss ist tief, die Bodenpreise hoch. «Am Südhang gelegen, bietet sich ein unvergleichlicher Ausblick auf den Säntis und die lieblichen Hügel des Appenzellerlandes», schwärmt ein Immobilienmakler in einem Wohnungsinserat. Ein Villenquartier sucht man vergebens. Die zahlreichen Anwesen und Luxus-Apartments verteilen sich über die ganze Gemeinde. Zu den Besitzern gehören bekannte Namen wie Ex-Wegelin-Bankier Konrad Hummler oder Raffeisen-Chef Pierin Vincenz. Doch die Bautätigkeit freut nicht alle.

«Rendite frisst Identität»

Der Ostschweizer Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung» schrieb letzten Herbst unverblümt von einer «baulichen Verhunzung des Appenzeller Dorfs». Das Motto der Gemeinde laute: «Rendite frisst Identität». Trotzdem oder gerade deswegen: Für die FDP ist Teufen so etwas wie die Eintrittspforte zum gelobten Land. 59,9 Prozent der Bevölkerung wählten bei den Nationalratswahlen 2011 ihren Kandidaten.

Das ist der zweithöchste Wert in einem Kanton, wo der Freisinn seit 1848 praktisch ununterbrochen den einzigen Ständerats- und mindestens einen Nationalratssitz kontrolliert. Im Kantonsparlament hat die Partei doppelt so viele Sitze wie die zweitplatzierte SVP. Was erklärt diese Dominanz?

Beim Treffen mit dem Präsidenten der örtlichen FDP zeigt sich: In Appenzell Ausserrhoden ist die FDP bis heute eine Volkspartei geblieben. Paul Studach erscheint in kurzen Hosen und einem grünen T-Shirt mit aufgedrucktem Logo seiner Entsorgungs- und Transportfirma zum Gespräch im Bahnhof-Café «Böhli». Der 64-Jährige führt das Unternehmen in dritter Generation. «Der Freisinn in Ausserrhoden hat keine Linie, die gerade verläuft. Es gibt viel links und viel rechts», erklärt Studach. «Wer bei uns mitmachen will, muss 50 Franken zahlen und normal denken.»

Natürlich bringe dies der Partei immer wieder mal den Vorwurf ein, «eine Wischi-Waschi-Partei» zu sein. Das störe ihn aber wenig. Auch Bankier Hummler sei ein aktives Mitglied. «Er ist einer von uns.»

Nur eine Alternative

Die politische Breite der Ausserrhoder FDP hat ihren historischen Ursprung im 16. Jahrhundert, als sich das Appenzell in einen katholischen und einen protestantischen Halbkanton teilte. In Innerrhoden dominiert heute die katholische CVP, in Ausserrhoden ist sie nahezu inexistent. In der Mitte zwischen dem linken und dem rechten Pol gibt es daher nur eine politische Alternative: den Freisinn.

Andrea Caroni, 35-jähriger Ausserrhoder FDP-Nationalrat, sieht aber noch andere Ursachen für die tiefe Verankerung seiner Partei. «Unser Kanton wurde sehr früh industrialisiert und auf Fortschritt ausgelegt. Global vernetzte Handelsfamilien lebten hier. Das führte zu einem freiheitlichen Denken.» In Ausserrhoden sei es eine Auszeichnung, wenn man anders als alle anderen sei. Originale seien ausdrücklich erwünscht. «Es gibt keinen Konformitätszwang.» Er selber werde «ausserkantonal» beispielsweise immer wieder gefragt, ob er als Politiker und Vater einer Tochter nicht verheiratet sein sollte. «In meinem Kanton fragt mich das niemand. Wir sind gesellschaftlich sehr liberal.»

Im Herbst kandidiert Caroni für den Ausserrhoder Ständeratssitz. Trotz seines jungen Alters ist er schon so gut wie gewählt: Die anderen Parteien überlassen den Sitz der FDP und verzichten auf einen Gegenkandidaten.

Mit mehr Widerstand zu kämpfen hat Caronis wahrscheinlicher Nachfolger im Nationalrat. Der 48-jährige Teufner FDP-Gemeinderat und Nationalratskandidat Markus Bänziger muss sich gegen je einen Kandidaten der SVP und der SP behaupten. Doch auch er dürfte die Wahl mühelos schaffen. «Der Ausserrhoder ist per se ein liberaler, weltaufgeschlossener Bürger», sagt Bänziger. Sicher sei die Stärke der FDP in seinem Heimatdorf auch auf den Wohlstand zurückzuführen.

Die tiefen Steuern seien jedoch kein neues Phänomen, sondern hätten schon in den Achtzigern ihren Anfang genommen. «Wenn Sie einmal beginnen, am Rad zu drehen, können sie nicht einfach aufhören.» Bänziger verneint die negativen Folgen des Steuerwettbewerbs nicht: Hohe Bodenpreise und teurer Wohnraum stellten eine Herausforderung dar. Das bereite ihm als einheimischem Teufner schon Sorgen. Aber: «Wir haben auch ein sehr aktives Vereinsleben, zum Beispiel einen der grössten Turnvereine der Schweiz und eine lebendige Dorfgemeinschaft. Das Klischee, dass bei uns nur die Reichen sind, stimmt nicht.»

Bisher erschienen in der Serie Schweizer Partei-Hochburgen

Fontenais – Die SP-Hochburg der Schweiz
In der SVP-Hochburg werden die Städter eher bemitleidet

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