Präimplantationsdiagnostik

Tests an Embryonen? Die zehn wichtigsten Antworten zur Abstimmung

Eizellen dürfen heute künstlich befruchtet, nicht aber untersucht werden.Thinkstock

Eizellen dürfen heute künstlich befruchtet, nicht aber untersucht werden.Thinkstock

Das Volk muss entscheiden, ob Paare bei einer künstlichen Befruchtung Embryonen untersuchen lassen dürfen.

Längst nicht alle Paare können sich den Kinderwunsch auf natürlichem Weg erfüllen. Eine Gesetzesänderung soll ihnen helfen: Indem das Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) aufgehoben wird. Die zehn wichtigsten Fragen zur Abstimmung vom 5. Juni.

1. PID ermöglicht genetische Untersuchungen an Embryonen. Können Eltern bald Haar- und Augenfarbe ihrer Kinder auswählen?

Nein. Solche Tests sind auch nach Annahme der Vorlage strikt verboten. Das Gesetz will zwar das PID-Verbot aufheben, Tests an Embryonen wären aber nur in zwei konkreten Fällen erlaubt: Wenn ein Paar mit einer schweren Erbkrankheit vorbelastet ist und es diese nicht an seine Kinder weitervererben will. Oder: Wenn ein Paar unfruchtbar ist und es alle Wege ausgeschöpft hat, um sich den Kinderwunsch auf natürlichem Weg zu erfüllen.

2. Wie funktioniert PID?

Der Frau werden Eizellen, dem Mann werden Spermien entnommen. Der Arzt befruchtet die Eizelle ausserhalb des Mutterleibs, im Reagenzglas (in vitro). Die befruchteten Eizellen reifen zu Embryonen, wobei rund die Hälfte abstirbt. Nach etwa fünf Tagen, bevor sie eingepflanzt werden, untersucht der Arzt die Embryonen und eruiert jene, die defekt sind oder eine Erbkrankheit tragen – und schliesst sie von der Behandlung aus. Für die Frau sinkt so das Risiko einer Tot- oder Fehlgeburt. Für das Kind steigt wiederum die Chance, gesund zur Welt zu kommen.

Sollen Embryonen genetisch untersucht werden können?

Sollen Embryonen genetisch untersucht werden können?

Bern - 11.4.16 - Bundesrat Alain Berset orientiert über das neue Fortpflanzungsmedizingesetz. (Quelle: Parlamentsdienst)

3. Bereits heute können Kinder im Reagenzglas gezeugt werden. Wieso braucht es dafür PID?

Von rund 80 000 Kindern, die jährlich in der Schweiz zur Welt kommen, wurden etwa 2000 mittels künstlicher Befruchtung gezeugt. Heute darf der Arzt maximal drei Eizellen befruchten und er darf sie weder reifen lassen noch untersuchen. Das heisst: Am Tag nach der Befruchtung muss er die Eizellen der Frau einpflanzen – ohne zu wissen, ob sie entwicklungsfähig sind. Das Risiko einer Fehlgeburt ist hoch. Und weil oft mehr als eine befruchtete Eizelle eingesetzt wird, erhöht sich zwar die Chance auf eine Schwangerschaft, aber auch jene auf risikoreiche Mehrlingsschwangerschaften. Neu darf der Arzt so viele Embryonen entwickeln, wie zur Behandlung notwendig sind (maximal zwölf). Dann entscheidet er mittels PID, welches Embryo in den Mutterleib übertragen wird. Die anderen werden eingefroren.

4. Was passiert mit den restlichen Embryonen?

Defekte Embryonen werden vernichtet. Hingegen können jene, die sich gut entwickelt haben, eingefroren und neu mehr als fünf Jahre lang im Kühlschrank aufbewahrt werden. Falls also die Schwangerschaft beim ersten Versuch nicht zustande kommt oder ein neuer Kinderwunsch auftaucht, können eingefrorene Embryonen aufgetaut und für einen neuen Versuch eingesetzt werden. So wird der Frau keine unnötige Hormontherapie zugemutet.

5. Wie viele Embryonen werden dadurch vernichtet?

Laut Bundesrat ist das schwer abzuschätzen. Schon heute werden rund 2000 Embryonen pro Jahr nicht eingepflanzt, weil die Frauen es sich anders überlegen, krank sind oder wegen zu hoher Belastung mit der Behandlung aufhören.

6. Was kosten solche Tests?

Eine künstliche Befruchtung kostet zwischen 5000 und 10 000 Franken pro Behandlung. Die PID-Tests kosten nochmals zusätzlich zwischen 5000 und 10 000 Franken. Die Paare müssen beide Behandlungen aus der eigenen Tasche bezahlen.

7. Wie viele Paare können von den Tests profitieren?

Der Bundesrat rechnet mit 50 bis 100 Paaren, die sich als Träger einer schweren Erbkrankheit für PID entscheiden. Hinzu kommen mehrere hundert Paare, die unfruchtbar sind. Dass sich wegen der Erlaubnis von PID-Tests nun mehr Paare für künstliche Befruchtungen entscheiden, ist zwar möglich, aber unwahrscheinlich. Abgesehen vom finanziellen Aufwand ist die Behandlung für Frauen psychisch und physisch sehr belastend. Im Vergleich zu heute gäbe es aber gerade für Paare mit Erbkrankheiten eine deutliche Verbesserung. Heute sind Tests in der zwölften Schwangerschaftswoche erlaubt, bei einem fünf Tage alten Zellklumpen hingegen nicht. PID verhindert letztlich eine «Schwangerschaft auf Probe».

8. Das Volk hat der PID vor einem Jahr zugestimmt. Wieso müssen wir nochmals darüber abstimmen?

Im Juni 2015 stimmten 61,9 Prozent der Bevölkerung der Aufhebung des PID-Verbots zu. Damals ging es um die Verfassungsänderung, jetzt geht es ums Gesetz, das den Anwendungsbereich genauer regelt. Weil das Gesetz den Gegnern zu weit geht, haben sie das Referendum ergriffen.

9. Was spricht gegen das Gesetz?

Die Gegner befürchten, dass durch die PID Eltern, Ärzte und Laboranten in Zukunft über wertes und unwertes Leben entscheiden können. Durch PID sind nicht nur Erbkrankheiten, sondern auch Chromosomenanomalien wie Trisomie 21 erkennbar. Die Gegner warnen, dass die Tests die Solidarität mit behinderten Menschen gefährde.

10. Was passiert bei einem Nein?

Das Parlament müsste ein neues Gesetz beschliessen. Das könnte dauern: An der aktuellen Vorlage arbeitete es 15 Jahre lang.

Pro und Kontra: Sollen Tests am Embryo erlaubt werden?

Eine Debatte zwischen der Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel und Pascal Bruderer, SP-Ständerätin und Präsidentin Inclusion Handicap.

PRO von Ruth Humbel, CVP-Nationalrätin (AG)

«Ein Ja hilft Paaren, ihren Kinderwunsch zu erfüllen»

Ruth Humbel (CVP).

Ruth Humbel (CVP).

Dem Fortpflanzungsmedizingesetz ist zuzustimmen, weil es die Präimplantationsdiagnostik (PID) der Pränataldiagnostik gleichstellt.

Vor einem Jahr hat die Schweizer Stimmbevölkerung eine Verfassungsänderung zur Präimplantationsdiagnostik (PID) mit 61,9 Prozent angenommen. Die PID ist ein seit mehr als 20 Jahren erprobtes medizinisches Verfahren und in den meisten europäischen Ländern zugelassen. In der Schweiz hingegen ist die PID noch verboten. Für Paare, die ihren Kinderwunsch nur mit medizinischer Hilfe erfüllen können und verhindern wollen, dass ihr Kind von einer Erbkrankheit betroffen sein wird, gibt es deshalb nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie ge-hen für eine PID ins Ausland. Oder die Frau lässt sich die befruchtete Eizelle einsetzen und nutzt dann die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik. Ist der Embryo Träger der Krankheit, muss sie sich für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden.

Das zur Abstimmung stehende Gesetz will die Präimplantationsdiagnostik (PID) mit der Pränataldiagnostik gleichstellen. Es ist gerade aus ethischer Beurteilung nicht einleuchtend, wieso Tests in der 11. Schwangerschaftswoche zugelassen, am 5. Tag nach der Befruchtung der Eizelle aber verboten sind. Damit werden Frauen gezwungen, sich die befruchteten Eizellen einpflanzen zu lassen, um den Embryo später allenfalls abzutreiben. Aus moralischer Sicht erachte ich dies als höchst problematisch, denn je entwickelter ein Embryo ist, desto schützenswerter ist er.

Die PID kann nur von Paaren, die Träger schwerer Erbkrankhei-ten sind (rund 100 Fälle
pro Jahr) in Anspruch genommen werden und von Paaren, welche auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen. Jedes Paar entscheidet selbst und unabhängig, ob es eine PID durchführen und die befruchtete Eizelle vor der Übertragung in den Mutterleib auf Chromosomenstörungen untersuchen lassen will. Sogenannte «Designerbabys» wird es auch mit dem neuen Gesetz keine geben. Die Kosten für die PID müssen die Paare selber tragen.

Bei einem Ja zur PID geht es mitnichten um die Selektion von Leben oder um
lebenswerte oder lebensunwerte Menschen. Es geht um eine Gleichstellung der PID mit der Pränataldiagnostik, um den Schutz vor gesundheitlichen Risiken und die Verhinderung von Abtreibungen. Eine andere Frage ist der Umgang mit behinderten Menschen. Es ist die Aufgabe der Politik und der Gesellschaft, Eltern mit behinderten Kinder zu unterstützen und Behinderten ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

KONTRA von Pascal Bruderer, SP-Ständerätin und Präsidentin Inclusion Handicap

«Nein zu einem Freipass: Denn die Tests bergen auch Risiken»

Pascale Bruderer

Pascale Bruderer

Die Entwicklung, wonach Menschen immer mehr einer gewissen «Norm» zu entsprechen haben, ist nicht akzeptabel.

So richtig die Aufhebung des Verbots war, so wichtig ist es jetzt, einen Freipass für die Präimplantationsdiagnostik zu verhindern. Denn die Fortpflanzungsmedizin bringt nicht nur Vorteile, sie birgt auch Risiken.

Blenden wir zurück: Aus guten Gründen hat die Bevölkerung im letzten Jahr das Totalverbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) aufgehoben.

Diese Verfassungsänderung ermöglichte es, das Fortpflanzungsmedizingesetz anzupassen und in bestimmten Situationen die genetische Untersuchung an Embryonen zuzulassen, bevor diese im Rahmen einer künstlichen Befruchtung in die Gebärmutter eingesetzt werden. Wichtig ist dies insbesondere für Paare, die Träger von schweren, ja oft tödlich verlaufenden Erbkrankheiten sind und verständlicherweise das Risiko minimieren wollen, ihren Kindern diese Last weiterzuvererben. Eine restriktive Zulassung der PID für bestimmten Zielgruppen, die in besonderem Masse darauf angewiesen sind, war auch exakt die ursprüngliche Absicht des Bundesrates.

Das Parlament hatte dafür aber wenig Gehör: Es ging bei der Liberalisierung deutlich weiter – zu weit für einen ethisch so heiklen Bereich. Denn mit dem neuen Gesetz wäre es in Zukunft möglich, bei allen künstlichen Befruchtungen aus mehreren Embryonen den «Besten» auszusuchen. GenDefekte wie zum Beispiel die Trisomie 21 werden so zu «vermeidbaren» Risiken, die künftig vor der Verpflanzung in den Mutterleib ausgesondert werden.

Ich verstehe die Ängste, welche dieses sogenannte Chromosomen-Screening bei Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen weckt, sehr gut: Wollen wir eine Entwicklung wirklich akzeptieren, wonach Menschen immer mehr einer gewissen «Norm» zu entsprechen haben? Müssen sich Eltern künftig für ein Kind, das mit einem Down-Syndrom oder anderen Behinderung zur Welt kommt, rechtfertigen? Hat die Gesellschaft das Recht, zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben zu unterscheiden?

Nein. Das Parlament soll nochmals über die Bücher gehen und die PID jenen Paaren vorbehalten, die in besonderem Masse darauf angewiesen sind. Diesen Auftrag kann die Stimmbevölkerung am 5. Juni 2016 erteilen – mit einem «Nein» zum Fortpflanzungsmedizingesetz.

Autor

Anna Wanner

Anna Wanner

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