Schweiz am Sonntag
Tessin-Special: Ermottis Forderung, Rigozzis Pläne, Solaris Wunsch

Die «Schweiz am Sonntag» berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe mit einem Special «Tessin». Was meint Christa Rigozzi zur Einwanderung? Warum kritisiert Marco Solari den Tourismus, wie sieht UBS-Chef Sergio Ermotti seinen Kanton? Eine Zusammenfassung.

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Ermotti, Rigozzi, Solari im Tessin special der «Schweiz am Sonntag»

Ermotti, Rigozzi, Solari im Tessin special der «Schweiz am Sonntag»

Nordwestschweiz

Die ganze Ausgabe der «Schweiz am Sonntag» mit dem Tesssin-Special am Kiosk oder als E-Paper. Mehr auf www.schweizamsonntag.ch.

UBS-Chef Sergio Ermotti im Interview: „Tessin muss besser gehört werden“

Der Tessiner UBS-Chef Sergio Ermotti kritisiert in der Zeitung „Schweiz am Sonntag“, dass sein Kanton zunehmend politisch ins Abseits gerate. «Die Schweiz basiert auf einem föderalistischen System und entsprechend gibt es ein Nehmen und Geben zwischen den Regionen. Es ist aber schon so, dass das Tessin bei wichtigen Themen oft nicht genügend gehört wird. Das Tessin muss konkurrenzfähiger, stärker und so unabhängig wie möglich werden, damit es weniger auf Bern angewiesen ist“, sagt Ermotti. „Die geografische und kulturelle Nähe zu Italien bleibt auch in Zukunft ein Vorteil für das Tessin, insbesondere in Verbindung mit den allgemeinen Standortvorteilen der Schweiz.“

UBS-CEO Sergio Ermotti.KEY

UBS-CEO Sergio Ermotti.KEY

Die Tourismuskrise hält Ermotti für weitgehend hausgemacht: „Das Tessin verdankt seinen Tourismus seinem einzigartigen Klima und dem Trend zu Kurzausflügen. Heute entscheiden die Touristen aber viel kurzfristiger, und sie haben eine grössere Auswahl. Sie können zum Beispiel eine Reise nach London buchen, wenn das Wetter im Tessin gerade schlecht ist. Die ganze Dynamik hat sich verändert. Auch wenn die Auslastungszahlen nach wie vor solid sind, ist es richtig, dass man ein rückläufiges Wachstum beobachten kann. Die Stagnation ist zu grossen Teilen auf Herausforderungen zurückzuführen, unter denen der gesamte Schweizer Tourismus leidet: die europäische Wirtschaftslage und die Stärke des Schweizer Frankens.

Wenn man bedenkt, dass 50 Prozent der EU-Gäste sich auf die Regionen Bern, Graubünden, Wallis und eben das Tessin konzentrieren, verschärft sich das Problem in diesen Regionen entsprechend. Kommt hinzu, dass Schweizer ihre Sommerferien aufgrund des starken Schweizer Frankens gern im Ausland verbringen. Meiner Meinung nach ist die Attraktivität des Tourismusangebots und der Hotellerie im Tessin hoch. Und wir stehen mit der Expo Milano 2015 vor einem Impuls für diesen Sektor.»

Marco Solari: «Der Tourismus vergewaltigte die Kultur des Tessins»

Die Rolle als Sonnenstube der Schweiz sei dem Tessin aufgezwungen worden, sagt Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno und von Ticino Tourismus, im Interview mit der «Schweiz am Sonntag». «Der Tourismus vergewaltigte die Kultur des Tessins. Dieses Volk, das über Jahrhunderte ausgebeutet worden war und keine Folklore hatte ausser den kirchlichen Prozessionen, wurde umfunktioniert in ein Volk, das Fröhlichkeit vorspielen musste.» Also habe man plötzlich Mandolinen, Boccalini und lustige Tessiner Musik erfunden. «Aus der enormen Armut heraus konnte der Tessiner dem keinen kulturellen Widerstand entgegenbringen. Also musste er es akzeptieren.»

Das Verhältnis zur Deutschschweiz sei immer noch schwierig, sagt Solari. «Man stellt sich kaum vor, was das Tessin während der 300 Jahre durchmachte, als es eine Vogtei war. Das war eine eigentliche Kolonialpolitik.» Den Paternalismus der Deutschschweiz gebe es noch immer, doch nun werde das Tessin endlich selbstbewusster. «Das Tessin ist gerade dabei, sich neu zu erfinden. Viele junge Leute schauen vorwärts. Ich sehe eine junge, global denkende Generation, die selbstbewusst ist. Sie weiss, dass wir nicht mehr mit dem Hut in der Hand nach Bern gehen, sondern Stärken ausspielen müssen.»

Christa Rigozzi fordert Regulierung der Masseneinwanderung, plant grosses TV-Projekt und schreibt ein Buch

Die bekannteste Miss-Schweiz aller Zeiten (Verdienst im Amtsjahr: 580‘000 Franken) macht sich grosse Sorgen um die Zustände in ihrem Heimatkanton: «Viele Tessiner finden in ihrer Heimat keinen Job. Die Wirtschaftslage ist schwierig, weil viele Firmen billige Arbeitskräfte aus Italien engagieren», sagt Rigozzi (31) im Interview mit der Zeitung «Schweiz am Sonntag». Der Druck sei enorm und überall spürbar. «Sogar meine Freunde mit italienischen Wurzeln, die seit längerem in der Schweiz wohnen, sind gegen die neue Masseneinwanderung. Es geht ja vor allem um die Grenzgänger: Sie bekommen hier einen Job, womöglich auf Kosten eines Schweizers oder eines hier seit langem wohnhaften Italieners, sie wohnen aber nicht hier und zahlen keine Steuern.»

Christa Rigozzi (Archiv)

Christa Rigozzi (Archiv)

Keystone

Sie wolle nicht, dass man den Zoll schliesse, doch es müssten Grenzen gezogen werden! Eine TV-Karriere in Italien, so wie Michelle Hunziker (37), strebt Christa Rigozzi nicht an: «Lieber arbeite ich mit dem Schweizer Fernsehen.» Dort soll sie demnächst eine eigene Show erhalten – und dies ist auch der Grund, warum die Ex-Miss mit ihrem Ehemann Giovanni Marchese (36) noch keine Kinder plant: «Wenn es so weit ist, will ich genug Zeit für mein Kind haben. Doch nächstes Jahr steht für mich noch ein grosses Projekt an und danach sehen wir dann weiter. Nur wenn ich glücklich bin, kann ich auch eine gute Mutter sein. Ich sehe mich nicht als Hausfrau.» Zudem plane sie noch ein Buch zu schreiben.

Christa Rigozzi dazu: «Nicht eine klassische Autobiografie, sondern Erzählungen aus meinem Leben mit witzigen Anekdoten. Ich habe schon angefangen.»

Jeder dritte Flüchtling reist über Chiasso ein – viele Minderjährige kommen an

Zwischen 25 und 30 Asylsuchende treffen zurzeit täglich im Bundesempfangszentrum in Chaisso TI ein. Ein Höchststand. «Das Tessin ist die Hauptachse für jene, die Richtung Norden wollen», sagt Zentrumsleiter Antonio Simona zur Zeitung «Schweiz am Sonntag». Mehr als ein Drittel aller Flüchtlinge reist über Chiasso in die Schweiz ein. Ein Besuch vor Ort zeigt: Zwar ist da und dort noch ein Bett frei, doch Simona rechnet, dass es nach den Sommerferien nochmals deutlich mehr Asylgesuche geben wird.

Asylbewerber stehen hinter dem Tor des Flüchtlingsempfangszentrums in Chiasso im Kanton Tessin. Karl Mathis/Key

Asylbewerber stehen hinter dem Tor des Flüchtlingsempfangszentrums in Chiasso im Kanton Tessin. Karl Mathis/Key

«Während des Sommers können sich viele in Italien mit Schwarzarbeit über Wasser halten und Geld für die Reise zusammensparen.» Sorgen bereitet Simona, sollten auf einmal unerwartet viele Asylsuchende ankommen. Unrealistisch ist das nicht. Mehr als 70 000 Flüchtlinge sind seit Januar in Italien angekommen und wollen weiterziehen.

Besonders stark steigen aktuell die Gesuche von Eritreern. 2190 stellten allein im ersten Halbjahr einen Asylantrag. Nur wenige sind älter als 25 Jahre. In der Heimat müssen sie bereits im Teenageralter befürchten ins Militär eingezogen zu werden. Deshalb gab es besonders viele Gesuche von Minderjährigen. 252 Kinder und Jugendliche kamen dieses Jahr bereits an. Fast so viele wie im gesamten letzten Jahr. 149 stammen aus Eritrea. Die Jüngsten sind noch keine zwölf Jahre alt. Das zeigen neuste Zahlen des Bundesamtes für Migration (BFM). Eine Wegweisung der eritreischen Asylsuchenden ist praktisch ausgeschlossen. Dieses Jahr haben 55 Prozent von ihnen gemäss BFM den Flüchtlingsstatus erhalten und rund 35 Prozent wurden vorläufig aufgenommen.

Die Tessiner Banken stehen von einer Schrumpfkur: Es droht ein Verlust von 25 Prozent der Kundengelder

Die Legalisierung von italienischem Schwarzgeld kostet die Tessiner Banken rund einen Viertel der Assets. Das schätzt Vittorio Cornaro, Miteigentümer der Cornèr Bank, im Gespräch mit der „Schweiz am Sonntag“. Rund die Hälfte des Geldes im Tessin sei noch immer nicht versteuert, sagt Cornaro. Davon dürfte die Hälfte durch Steuern und Flucht an andere Finanzplätze wegfallen. Luca Soncini, Finanzchef der mittelgrossen PKB Privatbank, sagt im gleichen Zeitungsartikel, er rechne damit, dass von den heute 50 Banken im Tessin in näherer Zukunft die Hälfte wegfallen werden. In Lugano dürften davon statt wie heute 18 nur noch 10 Banken ihren Hauptsitz haben.

Die Banken im Tessin warten gespannt auf ein Offenlegungsprogramm der italienischen Regierung, das es den Bankkunden erlaubt, ihre Schwarzgelder in der Schweiz anzumelden. Vor zehn Jahren sei noch 80 bis 90 Prozent des Geldes schwarz gewesen, vermutet Wirtschaftsanwalt Paolo Bernasconi. Über Offenlegungsprogramme sei einiges legalisiert worden. Und doch hält er fest: «Ich denke, der Schwarzgeldanteil liegt noch immer deutlich über 50 Prozent.»

Tessiner Outletcenter Foxtown baut 40 neue Shops

Das Outlet-Center Foxtown in Mendrisio will expandieren, wie die „Schweiz am Sonntag“ berichtet. „Im Frühling beginnen wir mit der Modernisierung der Fassade, und spätestens 2016 wird die Verkaufsfläche von 30 000 auf 40 000 Quadratmeter vergrössert“, sagt Foxtown-Inhaber Silvio Tarchini in der „Schweiz am Sonntag“. «Zu den bestehenden 160 Shops kommen 40 neue hinzu. Wir rechnen dann mit einem Umsatz von 420 Millionen Franken.» Bei der angrenzenden Bahnstation entsteht zudem ein Park-and-Ride für 600 Autos.

Das Foxtown ist ein Phänomen im gesättigten Schweizer Detailhandel. In den letzten Jahren legte das Einkaufscenter – mit Ausnahme von 2010 wegen der Eurokrise – stets um 4 bis 21 Prozent zu. 2013 erwirtschaftete das Center mit 2,5 Millionen Kunden einen Umsatz von 340 Millionen Franken. Auch jetzt liegen die Umsätze über Vorjahr, wie Tarchini in der „Schweiz am Sonntag“ sagt. Das Konzept ist einfach: In den Shops, die von den Modefirmen ohne verteuernden Zwischenhandel selber betrieben werden, gibt es Markenartikel der letzten Saison mit Rabatten von bis zu 70 Prozent. 37 Prozent des Umsatzes generiert das Foxtown mit Luxuslabels wie Gucci, Prada oder Valentino. Immer wichtiger werden arabischer, russische und asiatische Touristen, welche heute 31 Prozent der Kundschaft ausmachen.

Tessiner Firma entwickelt neuen Stromspeicher mit Druckluft

Die Firma Airlight Energy plant den Angriff auf eine etablierte Speichertechnologie: die Pump-Wasserkraftwerke. Diese Tage beginnt sie in der Nähe von Bodio (TI) mit dem Bau eines Protoypen für einen neuartigen Luftspeicher. Sie wolle damit Effizienzgrade erreichen, die vergleichbar mit jenen von grossen Pumpspeicher-Kraftwerken sind, schreibt die „Schweiz am Sonntag“. Möglich werde das, weil Airlight Energy anders bei früheren Versuchen für solche Anlagen, die Luftdruck-Speicherung mit einem Wärmespeicher kombiniere.

«So können wir einen Effizienzgrad von 75 bis 80 Prozent erreichen», sagt Giw Zanganeh, Leiter der Sparte Energiespeicher von Airlight Energy. Der Speicher funktioniert wie ein Ballon: Mit Kompressoren und überschüssiger Energie wird Luft in den Berg gepresst. Später kann mit dem Druck eine Turbine angetrieben werden, um Strom zu produzieren.

Das Tesssin-Special gibts auch als pdf.