Lebensabend

Tessin – auf Nimmerwiedersehen: Vermehrt kehren Rentner zurück

Nicht immer nur eitel Sonnenschein: Immer mehr Deutschschweizer kehren dem Tessin wieder den Rücken.

Nicht immer nur eitel Sonnenschein: Immer mehr Deutschschweizer kehren dem Tessin wieder den Rücken.

Viele Senioren aus der Deutschschweiz verwirklichen ihren Traum vom Lebensabend südlich des Gotthards. Doch die Zahl der Rückkehrer nimmt zu – aus gesundheitlichen Gründen. Aber auch wegen des Klimas.

Sonne, Palmen und südliche ­Lebensweise: Das Tessin hat schon immer auf Menschen ­ennet des Gotthards eine grosse Faszination ausgeübt. Dabei träumten insbesondere Rentner aus der Deutschschweiz häufig vom «dolce far niente» im Süden. Die Statistiken zeigen, dass die Zahl der über 65-Jährigen aus der deutschen Schweiz, die sich diesen Traum verwirklichten und ins Tessin gezügelt sind, seit den 1990er-Jahren gleichgeblieben ist. Neu sind die Anzeichen einer Umkehr­bewegung. Die Abgänge der über 65-Jährigen aus dem Südkanton in Richtung Norden ­nehmen zu. Als Folge geht der interkantonale Wanderungssaldo aus Tessiner Sicht zurück.

Das Kantonale Statistikamt hat diese Erkenntnis in einer ­unlängst erschienenen Studie festgehalten. «Es besteht die Hypothese einer Rückkehr von Deutschschweizer Senioren in ihre Heimatkantone, vor allem im Fall von gesundheitlichen Problemen oder wenn ein autonomes Leben nicht mehr gewährleistet ist», heisst es in ­dieser Studie. Als bevorzugte Rückkehrkantone werden Zürich, Bern, Luzern und der ­Aargau angegeben.

Gemäss jüngsten Daten des Statistikamtes leben im Tessin 11032 Senioren, die ennet des Gotthards geboren sind, 7081 Frauen und 3951 Männer. Die bevorzugte Gegend für die Altersemigranten, die sich im Florida der Schweiz niederlassen, ist das Locarnese. Von allen Deutsch- und Westschweizern, die jedes Jahr ins Tessin übersiedeln, stellen die über 65-Jährigen rund 13 Prozent dar, wie der Staatsrat in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage kürzlich festhielt. Für die Zeitspanne 2011 bis 2017 entspricht diese einem Mittelwert von 264 Personen pro Jahr. Die Zahl der Rückkehrer lag zuletzt bei 240 und damit wesentlich höher als noch vor 10 oder 20 Jahren. Vereinzelt, wie im Jahr 2015, war der Saldo sogar leicht negativ. Das heisst: Es zogen weniger Senioren ins Tessin als zurückkehrten.

Warum es immer mehr heimwärts zieht

Doch welche Faktoren sind für diese Entwicklung Ausschlag gebend? «An erster Stelle stehen wohl gesundheitliche Gründe», sagt Kurt Götte, stellvertretender Präsident des Deutschschweizer Vereins Minusio. Er kennt dieses Thema aus seinem Verein sehr gut: 90 Prozent der Mitglieder sind zwischen 70 und 90 Jahre alt. «Wenn eine Person nicht mehr alleine leben kann und eine Einweisung ins Alters- oder Pflegeheim ansteht, will sie lieber in ihrem früheren Umfeld sein», so Götte.

Eng verbunden damit ist das Problem der Sprache. Viele Rentner lernen nicht mehr gut oder überhaupt kein Italienisch. Im Altersheim haben sie dann Verständigungsprobleme, denn Deutschkenntnisse sind beim Personal kaum verbreitet. «Wir haben sowieso schon Mühe, Betreuer und Altenpfleger zu finden, bei Zweisprachigen wird es noch schwieriger», sagt Stefan Brunner, Direktor der Gruppe Tertianum Ticino, die mehrere private Altersresidenzen im Tessin betreibt, darunter Al Parco in Muralto und Al Lido in Locarno.

Brunner weist allerdings noch darauf hin, dass die Sprachproblematik häufig auch ein Problem der Angehörigen ist. «Viele unserer Gäste haben in mehreren Tessinjahren etwas Italienisch gelernt, doch die Angehörigen können sich nicht mit den Betreuern verständigen.» Daher machten sie Druck, dass die Eltern, der Vater und/oder die Mutter in die Deutschschweiz zurückkehrten.

«Die Familie und die Gesundheitsversorgung spielen eine entscheidende Rolle, wenn Deutsche oder Deutschschweizer im hohen Alter und nach ­vielen Lebensjahren im Tessin in ihre Heimat zurückkehren», bestätigt auch Carina von ­Künsberg vom Deutschen Club Tessin. Das komme durchaus ­regelmässig vor, wie aus den ­Abmeldungen hervorgehe.

Familiäre Bande spielen in der Tat eine zentrale Rolle beim Rückkehrphänomen. «Wenn die Kinder und Enkel in der deutschen Schweiz leben und vielleicht die einzigen verbliebenen Ansprechpartner geblieben sind, ist eine Rückkehr fast unvermeidlich», weiss René Siegrist, der als Deutschschweizer Pensionär im Morobbia-Tal oberhalb von Giubiasco lebt. Auch er bestätigt, dass gesundheitliche Gründe häufig für die Rückkehr ausschlaggebend sind. «Viele Deutschschweizer haben Häuser oder Wohnungen in Hanglagen, das ist irgendwann sehr unbequem», hält er fest. Zudem verweist er auf einen anderen Faktor, den Tod eines Lebenspartners: «In einem Paar will meistens nur einer ins Tessin ziehen, während der andere lieber in der Deutschschweiz geblieben wäre.» Sterbe der Partner, der den Kantonswechsel gewollt habe, käme es fast zwangs- läufig zu einer Rückkehr des verbliebenen Partners.

Flucht in die Höhe – oder nordwärts

Eher überraschend ist, dass auch das Klima ein Rückkehrfaktor sein kann, das heisst ­genau der Grund, der anfäng- lich viele Rentner zum Über­siedeln in den Süden veran- lasst. «Doch vielen ist es irgendwann schlicht zu heiss», sagt René Siegrist und verweist auf die jüngsten Sommer. Er kenne aber auch Personen, die nicht gleich zurückkehrten, aber den Sommer in kühleren Berg­gegenden – etwa in Graubünden – verbringen würden.

Interessant ist: Markus Erny, reformierter Pfarrer der Kirchgemeinde Locarno und Umgebung, kann in seinem Umfeld kein Rückkehrphänomen ausmachen, das heisst bei Personen, die schon lange im Tessin leben und Mitglieder seiner Kirchgemeinde sind. Bei Neu­zuzügern aus der Deutschschweiz habe er dies schon erlebt. «Gerade kürzlich hat mir ein Rentnerpaar erklärt, nach einem zweijährigen Versuch wieder in die Deutschschweiz zu ziehen», so Erny. Es sei sprachlich und mental schwierig gewesen. «Wir sind einfach nicht gelandet», begründete das Paar den Schritt zur Rückkehr.

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