Tempo 30 spaltet die Aargauer Gemeinden

Während die einen – wie Lenzburg – Tempo 30 in allen Quartieren eingeführt haben, kämpfen andere – wie in Wettingen und Gipf-Oberfrick – immer noch dagegen.

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Tempo 30
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Tempo 30

Irena Jurinak

Kaum etwas spaltet die Aargauerinnen und Aargauer so wie Tempo 30. Während die einen vehement für dessen Einführung kämpfen, wehren sich andere mit allen Mitteln dagegen. An vielen der momentan stattfindenden Gemeindeversammlungen geben Temporeduktionen Anlass zu Diskussionen.

Die 220 Gemeinden im Kanton Aargau handhaben Tempo 30 sehr unterschiedlich. Während Lenzburg kürzlich die Einführung im letzten von insgesamt 15 Wohngebieten feierte, ergriff in Wettingen die SVP das Referendum gegen einen Einwohnerratsbeschluss.
In Beinwil am See sagte die Gemeindeversammlung Ja zu flächendeckendem Tempo 30, während Klingnau derzeit in einer Umfrage erst mal die Akzeptanz prüft.

Die Stimmbürger von Gipf-Oberfrick lehnten Tempo 30 am 13. Juni zum zweiten Mal innerhalb von 6 Jahren an der Urne ab. In Staufen und Aarau wurden Blumentröge und Steinquader wieder entfernt, weil Velofahrer und Autofahrer damit zusammenstiessen. In Wohlen und Muri sagte das Volk deutlich Nein zu Tempo 30. Muri baute nun ohne Temporeduktion Hindernisse ein, um den Verkehr zu beruhigen; Wohlen will Tempo 30 Quartier für Quartier einführen.

15 Prozent fahren sowieso zu schnell

Warum Tempo 30 die Geister scheidet, kann auch Verkehrsingenieur Hans Ruedi Schilling nicht beantworten. «Aber in Gemeinden, die Tempo 30 bereits kennen, gab es kaum Widerstand.» So habe es beispielsweise in Lenzburg nur wenige Einsprachen gegeben. «Die Leute merken, dass man damit leben kann.» Diese Erfahrung teilt Christian Brenner vom Stadtbauamt Lenzburg. «Dadurch, dass wir die Reduktion nicht flächendeckend gemacht haben, gab es weniger Widerstand.»

Laut Verkehrsingenieur Schilling hielten sich 15 Prozent der Verkehrsteilnehmer so oder so an keine Geschwindigkeitsbegrenzung. «Man kann nicht wegen 15 Prozent, die sich an nichts halten, andere Verkehrsteilnehmer mit teuren Hindernissen ‹schikanieren›.» Der Ingenieur befasst sich seit 20 Jahren mit dem Thema, berät Gemeinden bei der Umsetzung und erstellt Gutachten.

Aggressive Steinquader sind überholt

Den Entscheid, ob Tempo 30 eingeführt werden soll, treffen die Gemeinden, einzig die Umsetzung ist durch Bundesvorschriften geregelt. Gemeinden müssen ein Gutachten erstellen lassen, das Aussagen darüber macht, ob ein Gebiet geeignet ist und welche Ziele verfolgt werden. Das Gutachten wird dem Kanton zur Vorprüfung eingereicht, anschliessend wird die Zone öffentlich ausgeschrieben. Nach einem Jahr gibt es eine Nachkontrolle.

Die reibungslose Einführung von Tempo 30 in Lenzburg hing auch damit zusammen, dass man von Fehlern anderer Städte profitierte. So operierten Aarau und Baden zu Beginn mit Steinquadern. «Das wirkte sehr aggressiv, wie ein Bollwerk gegen das Auto», sagt Schilling. Vor 20 Jahren sei man noch davon ausgegangen, man müsse nur Hindernisse einbauen, dann könne gar nicht mehr schnell gefahren werden. Davon sei man abgekommen. «Wir haben es mit selbstverantwortlichen Autofahrern zu tun.» Heutzutage setze man eher darauf, die Beschränkung mit Markierungen in Erinnerung zu rufen. So setzte man in Lenzburg erstmals gut sichtbare, aber eine Durchsicht erlaubende Stelen bei den Einfahrten in die Zone ein, die
von vielen Gemeinden kopiert wurden. «Mittlerweile hat man viele Hindernisse wieder abgebaut», so Schilling.

Trotzdem sieht er die Entfernung der Blumentröge in Staufen als Fehlinterpretation. «Ohne die Kübel wird es schwieriger, die Temporeduktion wirklich durchzusetzen.» In Spreitenbach habe man schon lange ähnliche Kübel und trotz Bus- und Veloverkehr keinerlei Probleme. «Man kann sich nicht einfach auf den Standpunkt stellen, ‹bis jetzt stand da auch nichts›. Der Blumentrog könnte schliesslich auch ein Kind sein.»

Für Schilling ist der Nutzen von Tempo 30 unbestritten. Die Gefahr von tödlichen oder schweren Verletzungen sei bei einer Kollisionsgeschwindigkeit von unter 30 km/h viel kleiner. Der Anhalteweg werde durch die Temporeduktion massiv verkürzt – beträgt er bei 50 km/h noch 27 Meter, reduziert er sich bei Tempo 30 auf 13 Meter. Überall, wo man Tempo 30 eingeführt habe, seien die Unfallzahlen gesunken. In Lenzburg hat man das flächendeckend untersucht. Von 9 ausgewerteten Zonen gab es in 6 Quartieren massiv weniger Unfälle seit der Einführung von Tempo 30.

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