Festreden am 1. August sind in der Regel keine Gassenhauer. Das hat unter anderem finanzielle Gründe. In Zeiten des härter werdenden Steuerwettbewerbs haben viele Gemeinden kein Budget, um eine Festrednerin oder einen Festredner zu bezahlen. Deshalb werden für diese Aufgabe meist Politiker angefragt, die das öffentliche Reden als Teil ihres Amtes verstehen und nicht zusätzlich in Rechnung stellen.

Politisch tätige Personen haben allerdings oftmals weder den Ehrgeiz, noch die Zeit, eine 1.-August-Rede zu verfassen, die das Publikum mitreisst. Lieber reden sie ein bisschen vom Rütlischwur und vom historischen Zusammenhalt, was sicher auch erwähnenswert ist, aber halt nicht besonders anregend. Danach kommen sie meist recht schnell auf ihr Parteiprogramm zu sprechen, wodurch die Reden normalerweise nicht an Gehalt gewinnen. Das Publikum einer 1.-August-Rede wiederum erwartet nichts von so einer Rede, ausser, dass sie nicht zu lange dauert. Deswegen fragen die Veranstalter ihre Festredner vor dem 1. August nie nach dem Inhalt der Rede, sondern nur nach der Rededauer. Je kürzer die Ansprache, desto eher wird sie gerühmt.

Wars Tell oder Martullo-Blocher?

Dass das geschichtliche und politische Wissen der einheimischen Bevölkerung über die Schweiz nicht immer über alle Zweifel erhaben ist, macht das Redenhalten nicht einfacher. Würden wir heute auf der Strasse eine Umfrage machen, bei der die Leute angeben müssten, ob die Schweiz von Wilhelm Tell oder von Frau Martullo-Blocher gegründet worden ist, können wir mit Bestimmtheit davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Befragten auf Herrn Tell tippen würde.

Dass es sich beim Tell unserer Fünfliber um die literarische Figur eines Ausländers handelt, wissen selbst 1.-August-Redner oftmals nicht mehr so genau. Die Aufgabe, eine interessante, lehrreiche, erhellende und den nationalen Zusammenhang stärkende 1.-August-Rede zu halten, kann auch nicht uns Schriftstellerinnen und Schriftstellern zugemutet werden.

Reden Schriftsteller kritisch über die Schweiz, fehlt es nicht an Köppels und Mörgelis, die ihnen jeden Steuerfranken vorrechnen, den sie jemals in Form eines Förderstipendiums oder eines Druckkostenzuschusses erhalten haben. Beginnen Autorinnen und Autoren dagegen ihr Heimatland allzu euphorisch zu rühmen, laufen sie Gefahr, sich der Anbiederung verdächtig zu machen.

Eine Aufgabe für Geschichtslehrer

Aus all diesen Gründen müssten die 1.-August-Reden am ehesten Aufgabe der Geschichtslehrer sein. Sie könnten jeweils in einfachen und pädagogisch durchdachten Worten ein wenig Basiswissen vermitteln und der Festgemeinde zum Beispiel erklären, dass es schon Zivilisationen auf der Welt gab, bevor 1291 der Rütlischwur stattfand.

Da die Lehrerschaft am 1. August normalerweise in den Schulferien weilt, dürfte es jedoch schwierig werden, alle 1.-August-Feiern mit Geschichtslehrern durchzuführen.

Vielleicht ist es deswegen eher an der Zeit, am 1. August vollständig auf Reden zu verzichten. Der nationale Zusammenhalt könnte bereits dadurch gefördert werden, dass die Menschen bei Wurst und Bier miteinander ins Gespräch kommen.