Wohlen
Teilamt oder Vollamt, und warum?

In elf Tagen entscheidet das Volk, wie gross das künftige Pensum des Wohler Gemeindeammanns sein soll. «60% oder 100%?» lautet die Frage. Die AZ Freiamt lässt die Befürworter und Gegner des Teilamts noch einmal ausführlich zu Wort kommen.

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Aargauer Zeitung

Fabian Hägler

«Chance Teilamt» steht als Titel auf der Abstimmungsbroschüre, die alle Wohler Stimmberechtigten erhalten haben. Mit der Einführung des Teilamts soll der Gemeindeammann künftig von Verwaltungsaufgaben entlastet werden. Er wäre nicht mehr Personalchef, müsste kein Ressort mehr führen und könnte die Verantwortung für das Standortmarketing abgeben.

Von der Konzentration auf politische Aufgaben (Vertretung der Gemeinde nach innen uns aussen, Leitung des Gemeinderats, strategische Führung) verspricht sich der Gemeinderat, dass das Amt des Gemeindeammanns attraktiv wird. Die bisherigen Aufgaben des Ammanns sollen ein Leiter Verwaltung und ein Leiter Standortmarketing übernehmen. Laut der Vorlage sollen zudem die bisher sieben Ressorts neu in sechs Bereiche gegliedert und im Gemeinderat neu verteilt werden.

Die Meinungen zur Teilamt-Vorlage, die auf Vorstössen aus dem Einwohnerrat beruht, gehen weit auseinander. Sie reichen von vorbehaltloser Unterstützung bis hin zur kategorischen Ablehnung.

Maja Meier (Freis Wohle), für das Teilamt: Das Vollamt hat sich seit 1989 nicht bewährt, das zeigen Zahlen und Fakten. Im Personalwesen weist die Analyse der OBT Handlungsbedarf aus und die Professionalisierung der Standortförderung wird empfohlen. Die zunehmenden Aufgaben in der Gemeinde sind der Grund, dass die Verwaltung professionalisiert werden muss. Ein Verwaltungschef oder Geschäftsleiter soll die operativen Aufgaben übernehmen.

Der Gemeindeammann, als politisch gewählte Person, hat strategische und repräsentative Aufgaben. Die OBT empfiehlt, die Stabsstellen für Personal und Standortmarketing auch beim Vollamt zu schaffen. Diese Mass-nahmen führen zu massiven Mehrkosten. Mit einer Restrukturierung, verbunden mit dem Teilamt, kann ein grosser Teil davon kompensiert werden. Vergleichbare Gemeinden kennen diese Struktur bereits und machen gute Erfahrungen. Zudem ist das Teilpensum von 60% flexibel und kann nach vier Jahren bei Bedarf angepasst werden.

Arsène Perroud, (SP), gegen das Teilamt: Der Vergleich mit den anderen Aargauer Gemeinden zeigt: kein Ort mit 10 000 und mehr Einwohnern kennt das Teilamt. Die Einführung hätte massive Auswirkungen auf die Verwaltung. Die Neuorganisation bedingt nicht nur neue Ressortzuteilungen und Zuständigkeiten, sondern auch eine Aufstockung des Verwaltungspersonals. In der Vorlage wird das nicht berücksichtigt. Auch werden die Mehrkosten nicht aufgezeigt, welche die Vorlage mit sich bringt.

Die Verwaltungsanalyse der Gemeindeverwaltung Wohlen kam zu einem anderen Schluss als eine Mehrheit des Einwohner- und Gemeinderats. Die Analyse empfiehlt klar das Vollamt. Die Vorlage für die Einführung des Teilamts des Gemeindeammanns ist nicht ausgegoren. Die Strukturen werden ohne Grundlagen und ohne gründliche Auseinandersetzung mit den Folgen massgeblich verändert. Wenn wir das Teilamt seriös einführen möchten, müssten zuerst viele Fragen geklärt werden.

Urs Stäger (SVP), für das Teilamt: Seit Wohlen das Vollamt hat, geht es mit unserer Gemeinde steil berg-ab. Finanziell ist Wohlen das Armenhaus des Freiamts. Immer mehr Schweizer ziehen weg, dafür gibt es mehr ausländische Zuzüger mit geringen Einkommen. Der vollamtliche Gemeindeammann, seit elf Jahren im Amt, hat es verpasst, rechtzeitig die Weichen zu stellen.

224 Gemeinden im Aargau gibt es, 10 Gemeinden haben ein Vollamt, demzufolge funktionieren 214 Gemeinden bestens ohne Vollamt. Von den Vollamt-Befürwortern wird die Studie der OBT herangezogen, die zum Ergebnis kommt, Wohlen brauche ein Vollamt. Leider wird verschwiegen, dass die hauptsächliche Ansprechperson der OBT der Gemeindeammann war. Dass sich dieser an sein Vollamt klammert, liegt auf der Hand.

Unser fähiger Gemeindeschreiber wird in absehbarer Zeit pensioniert. In der Ausbildung zum Gemeindeschreiber sind auch Personalführung und Führung einer Gemeinde enthalten. Dies bietet beste Voraussetzungen, um neue Strukturen zu schaffen und unsere Gemeinde wieder auf einen erfolgreichen Pfad zu führen.

Roger Waeber (CVP), gegen das Teilamt: Wir sind der Ansicht, dass die vom Gemeinderat ausgearbeitete Vorlage zur Einführung des Teilamtes nicht nur sachlich motiviert ist, sondern sich vor allem gegen den jetzigen Amtsinhaber richtet. Sollte die Mehrheit des Volkes mit der Arbeit des Gemeindeammanns nicht mehr zufrieden sein, so hat es alle vier Jahre die Möglichkeit, einen neuen Amman zu wählen. Es ist falsch, die Rahmenbedingungen zu ändern, wenn man mit der Person nicht zufrieden ist.

Weiter hat sich der Gemeinderat zwar dahingehend geäussert, anstelle des vollamtlichen Gemeindeammanns soll neu ein Personalchef die Hauptverantwortung über die Gemeindeverwaltung tragen. Aber die Vorlage ist nicht ausgereift. Weder wurden die so anfallenden Kosten beziffert, noch wurde dem Einwohnerrat die Genehmigung dieser Stelle beantragt.

Hinzu kommt, dass sich die renommierte Treuhandgesellschaft OBT, die im Auftrag des Gemeinderats eine umfangreiche Verwaltungsanalyse durchführte, gegen eine Reduktion des Pensums für den Gemeindeammann aussprach.

Benno Kohli (FDP), Komitee «130 000 Fr. sind genug», für das Teilamt: Die Teilamt-Vorlage ist eine strukturelle Vorlage und richtet sich nicht direkt gegen den bisherigen Amtsinhaber Walter Dubler. Herr Dubler kann bei der Gesamterneuerungswahl des Gemeinderates am 27. September als Gemeindeammann abgewählt werden. Er kann aber auch als Gemeindeammann im Teilamt kandidieren. Auf jeden Fall bedeutet eine Annahme des Teilamtes noch keineswegs, dass ein personeller Wechsel stattfinden wird.

Mit einem Jahreslohn von 130 000 Franken für das Teilamt (60%) kann der neue Gemeindeammann sich und seine Familie gut ernähren, auch wenn die gewählte Person daneben keine andere Anstellung finden sollte. Nur sehr wenige Einwohner von Wohlen verdienen über 130 000 Franken im Jahr, auch wenn sie 100% arbeiten.

Ein Gemeindeammann im Teilamt ist nicht auf Gedeih und Verderb auf sein politisches Amt angewiesen. Deshalb wird das Teilamt die Voraussetzungen für die gute Zusammenarbeit innerhalb des Gemeinderates und zwischen Gemeinderat und Einwohnerrat schaffen. Ein teilamtlicher Gemeindeammann hat nicht immer seine Wiederwahl im Kopf, kann freier und unabhängiger politisieren. Die bisherige Situation mit dem vollamtlichen Gemeindeammann ist nicht zum Wohle von Wohlen.

Ariane Gregor (CVP), Referendumskomitee, gegen das Teilamt: Der Beschluss des Einwohnerrats für ein Teilamt führt in die falsche Richtung. Er ist nicht sachlich motiviert, sondern richtet sich gegen Walter Dubler. Eine Pensenreduktion beim Amt des Gemeindeammanns führt nicht zu einer Verbesserung der gegenwärtigen politischen Situation. Die Vorlage ist nicht ausgereift, sie führt möglicherweise zu massiven Mehrkosten. Neuen Bewerbern wird der Zugang zum Gemeindeamannamt durch die Reduktion des Pensums keineswegs erleichtert.

Wohlen ist die viertgrösste Gemeinde im Kanton und das Regionalzentrum des Freiamts. Um als eine vorwärtsstrebende Gemeinde nach innen und aussen wahrgenommen zu werden, müssen starke Signale ausgesandt werden. Das Vollamt ist eines davon. Es verhindert eine Behörden- und Verwaltungsreorganisation nicht. Im Gegenteil: Eine Neustrukturierung in Wohlen braucht in den nächsten Jahren gerade auf der strategischen Ebene den Gemeindeammann im Vollamt.