Atom-Debatte

Technik-Freak Jürg Joss kämpft gegen AKW Mühleberg

Sieg über Mühleberg: Jürg Joss kurz nach Fukushima vor dem bernischen Atomkraftwerk.

Sieg über Mühleberg: Jürg Joss kurz nach Fukushima vor dem bernischen Atomkraftwerk.

Jürg Joss gehört zu jenem Typ Menschen, die gemeinhin unterschätzt werden. Seit Fukushima sind im Atom-Poker die Karten neu verteilt. Mühleberg-Gegner Joss versucht geschickt, die Gunst der Stunde zu nutzen.

Zurückhaltend, fast schüchtern im Auftritt, sieht man im bärtigen Berner eher den Technik-Freak, der im stillen Kämmerlein an seinen Anlagen herumbastelt, als den gewieften AKW-Gegner, der an vordester Front die Stilllegung des Kernkraftwerks Mühleberg fordert – in der Öffentlichkeit und vor Gericht. Und dabei so professionell vorgeht wie auf der anderen Seite die Atomlobby. Der Vizepräsident von Fokus Anti-Atom weiss, wie er die Medien für die eigenen Zwecke einspannen muss.

Joss steht auf einem Hügel, der einen schönen Blick gewährt auf das KKW Mühleberg, die Aare und den Staudamm, der mit der Hilfe von russischen Deserteuren während des Ersten Weltkriegs gebaut wurde. Oberhalb ruht die gestaute Aare, der Wohlensee, hellblau an diesem sonnigen Frühlingstag.

Joss wurde nicht als AKW-Kritiker geboren. Als er mit der Schule das Wasserkraftwerk im Staudamm besichtigte, wusste er: «Jetzt werde ich Elektriker.» In der Lehre seien sie dann auf AKW eingeschossen worden. Das hat ihn aber nicht gestört. Er fühlte sich geschmeichelt, nach seiner Lehre in einem AKW arbeiten zu dürfen. «Es war reine Begeisterung für die Technik, um die Sicherheit habe ich mich damals nicht gekümmert.»

Im AKW Leibstadt verstrahlt

Der Techniker traut dem Staudamm rund einen Kilometer oberhalb des AKW nicht. Weil im Krieg der Zement knapp war, wurden Hohlräume ausgespart. Der Fuss des Dammes ist stellenweise auf 10 Prozent reduziert. Wenn der Damm wegen eines starken Erdbebens brechen würde, ergösse sich eine mehrere Meter hohe Flutwelle in Richtung AKW.

Einen persönlichen Dammbruch hat Joss nicht erlebt. Der Wandel vom AKW-Fan zum erbitterten Gegner war vielmehr fliessend. Den Prozess ins Rollen brachte eine zu hohe Strahlendosis, der er während Wartungsarbeiten im AKW Leibstadt ausgesetzt war. Sein Körper nahm keinen Schaden, aber Joss wurden die Gefahren der Kerntechnik vor Augen geführt. Beeindruckt hat ihn auch ein Buch, das er auf einer ausgedehnten Asienreise gekauft hatte. Der «Atom-Atlas» war das einzige deutschsprachige Werk im Laden. Es zeichnet präzise auf, welche Elemente sich bei einem Atomunfall an welchen Stellen im Körper ablagern.

«AKW Mühleberg ist verletzlich»

Inzwischen hätte die Flutwelle den Standort für das geplante neue AKW Mühleberg passiert. Das Kraftwerk sollte verschont bleiben von den Wassermassen, weil es acht Meter höher liegt als die alte Anlage. Joss dreht den Spiess um: «Das zeigt, wie verletzlich das heutige Mühleberg ist.»

Seit 20 Jahren kämpft der Vater von drei Kindern für die Stilllegung von Mühleberg. Zusammen mit den Kollegen im harten Kern der Bewegung studiert er Berichte der AKW-Betreiber und der Atomaufsicht Ensi, bestellt externe Gutachten und tritt auf Podien auf. Die Bewegung inszeniert sich auch selbst. «Wir geben uns den Touch von Fachleuten.» Das bringt einen Vertrauensbonus, den Joss nicht hätte, wenn er als Politiker auftreten würde. Er ist aktiv in der SP seines Wohnorts und kandidiert im Herbst für den Nationalrat. «Ich trenne beide Funktionen strikt.»

Zwei Stunden jeden Abend

Joss arbeitet jeden Abend zwei Stunden für die Vereinigung. In den vergangenen Wochen, als er von den Medien mit Anfragen überrollt wurde, war die zeitliche Belastung noch grösser. Woher nimmt er die Energie für einen Kampf, der bis vor kurzem fast aussichtslos schien? Joss spricht von der Beharrlichkeit des Freiheitskämpfers Gandhi, die ihm imponiere. Auf seinen Asienreisen hat er den Buddhismus entdeckt und viel dar-über gelesen. Doch sein Widerstand gegen Mühleberg gründet nicht in der Angst um die Schöpfung. Zur Religion hat der Automationstechniker gar keinen Bezug. Für einmal wird er kurz energisch: «Bei diesem Thema werde ich elektrisch.»

Die Wassermassen, angereichert mit Schlamm und Geschiebe aus dem Wohlensee, hätten nun im Katastrophenszenario das AKW Mühleberg erreicht. Das Werk sei für eine fünf Meter hohe Flut ausgelegt, sagt die Betreiberin BKW. Joss ist skeptisch. Es brauche einen halben Tag, bis der Wohlensee geleert sei. In dieser Zeit hätten die Techniker keinen Zugriff auf Notfallmaterial. Dieses müsste mit Helikoptern auf die Dächer geflogen werden. Die Situation wäre chaotisch. Selbst in das Notfallgebäude Susan, auf das die BKW besonders stolz sei, könnte über unterirdische Gänge Wasser eindringen, sagt Joss.

Das Ende von Mühleberg wäre auch das Ende des Anti-AKW-Kämpfers Joss. Er beschwichtigt: «Keine Sorge, ich habe viele andere Interessen.» Und der Kampf ginge weiter: «Als Nächstes wären Beznau 1 und 2 im Visier, dann Gösgen und Leibstadt.»

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