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Tausende jahrelang unschuldig ins Gefängnis geworfen

In der Schweiz wurden bis 1981 tausende Jugendliche in Erziehungsanstalten eingesperrt, ohne dass sie je straffällig geworden waren. Die Spuren für diese Praxis führen auch in den Aargau. Heute fordern die Betroffenen Gerechtigkeit. Die Behörden winden sich und ein Aarburger Beamter hält eines der Opfer bis heute für «mitschuldig».

Sie waren Jugendliche, die Probleme zu Hause hatten, in der Schule auffällig waren, die keine Stelle fanden oder einfach durch ihren unkonventionellen Lebensstil auffielen.

Bis 1981 war es in der Schweiz gängige Praxis, dass solche «Problemjugendliche» kurzerhand ins Gefängnis verfrachtet wurden, ohne je eine Straftat begangen zu haben. Oder sie verkümmerten jahrelang in einer Arbeitserziehungsanstalt.

«Beobachter»-Journalist Dominique Strebel geht in seinem Buch «Weggesperrt» den Spuren der «administrativ Versorgten» nach.

Die Berichte Betroffener führen den Leser oft in den Aargau und in die Arbeitserziehungsanstalt «Schloss» Aarburg.

Christoph Pöschmanns (50) und Kurt Solenthalers (67) Erfahrungen sind typisch für die «administrativ Verwahrten».

«Da hast Du Geld. Schau, wie du im Leben zurechtkommst»

Christoph Pöschmanns Mutter gab ihn mit 18 Monaten in eine Thurgauer Bauernfamilie. Dort musst er von jung an krampfen, sonst gabs nichts zu essen.

Mit elf Jahren erfuhr er, dass seine Pflegeeltern nicht seine richtigen Eltern sind. Mit 15 Jahren fand er seine Mutter in Rheinfelden, im Kanton Aargau. An seinem 16. Geburtstag drückte sie ihm eine Hunderternote in die Hand: «Da hast Du Geld. Schau, wie du im Leben zurechtkommst.»

Er wusste nicht wohin - und ging nach Hamburg. Seemann werden, das war sein Traum. Alles lief gut, er fand einen Kapitän, der ihn ausbilden wollte.

Dann tauchte plötzlich sein leiblicher Vater auf. Er versprach seinem Sohn hoch und heilig, für ihn in der Schweiz zu sorgen.

Von einem Ort zum nächsten

Er ging zurück in den Aargau und fand eine Lehrstelle als Bäcker. Doch er ertrug den Mehlstaub nicht. In St. Gallen fing er eine neue Lehrstelle an - auch das klappte nicht. Der Traum von der Seefahrerei war immer noch da.

Wegen seinen schwierigen Familienverhältnissen und der Mühe, eine Lehre zu bekommen, stellte ihm die Heimatgemeinde Aarburg einen Beistand zur Seite. Der gab ihm die Erlaubnis, in Hamburg eine Seefahrerlehre zu beginnen - alles was noch fehlte, war die Seefahrtsbewilligung.

Statt in Hamburg darauf zu warten, jobbte er in München auf dem Jahrmarkt. Bei einer Routinekontrolle griff ihn die Polizei auf und schob ihn in die Schweiz ab.

Nun entschied der Gemeinderat Aarburg, ihn in eine Arbeiterkolonie zu stecken. Pöschmann war damals 16 Jahre alt.

Gesetzlich «nicht über jeden Zweifel erhaben»

Die Herren Gemeinderäte wussten, dass sie unrechtmässig handelten. So steht im betreffenden Sitzungsprotokoll von 1976: «Der Gemeinderat ist sich bewusst, dass dieses Verfahren (Einweisung in die Arbeitskolonie wegen «Zigeunerei») vom gesetzlichen Standpunkt aus nicht über jeden Zweifel erhaben ist [...]»

In der Arbeiterkolonie musste er mit Straftätern im gleichen Saal schlafen. Oft gab es Prügel. Er floh und machte später eine Lehre als Mechaniker.

Heute ist Christoph Pöschmann Vater, Grossvater und selbständiger Unternehmer.

Zusammenleben mit Mördern und Pädophilen

Ähnlich erging es Kurt Solenthaler. Er wurde zu Hause in Herisau oft geschlagen und kam mit zwölf in ein Kinderheim. Sein Vater war im Dorf angesehen und behandelte Kurts vier Geschwister besser: «Ich weiss nicht, warum mein Vater mich geplagt hat», sagt er heute.

Mit 14 musste er schon arbeiten wie ein Erwachsener. Als er zwei- dreimal nicht zur Arbeit ging, steckte ihn sein Vater in ein Männerheim für Betagte. Kurt versuchte mehrmals zu fliehen - vergebens.

Nun steckte ihn sein Vater mit dem Segen der Vormundschaftsbehörde in die Erziehungsanstalt Aarburg. Da war er 16 Jahre alt. Unter 37 Straftätern waren drei wie er «administrativ Versorgte». Er lebte mit einem Bombenleger, Mörder, mit Pädophilen und einem Ausbrecherkönig zusammen.

Die Männergesellschaft war hart und brutal. Erst mit 21 Jahren kam er aus Aarburg wieder raus. Eine Wut auf seinen Vater hatte er nie. Kurt Solenthaler ging einfach nicht an dessen Begräbnis und besuchte sein Grab bis heute nie.

Heute ist er Vater, Grossvater und hat sein Leben als Chauffeur verdient.

Vormundschafts-Sekretär Aarburg: Opfer «mitschuldig»

Leute wie Kurt Solenthaler und Christoph Pöschmann sind heute zwischen 45 und 65 Jahre alt. Sie wollen vor allem eins: Eine Entschuldigung dafür, dass man sie widerrechtlich ins Gefängnis steckte. Und sie wollen, dass man ihnen das Stigma des «Straftäters» nimmt.

Die Behörden tun sich schwer damit. Der Bund schiebt die Zuständigkeit auf die Kantone ab, die wiederum auf den Bund. Und es gibt Beamte, die setzen noch einen drauf. Wie der Sekretär der Vormundschaftsbehörde Aarburg.

Er hält Christoph Pöschmann heute noch für mitschuldig, dass er vor 34 Jahren mit 16 Jahren wegen «Zigeunerei» weggesperrt wurde: «Seinerzeit ist eindeutig nicht nach den heutigen Qualitätsmassstäben gearbeitet worden. [...] Dazu geführt haben dürfte aber auch der Umstand, dass Pöschmann jeweils sehr rasch wieder unbekannten Aufenthalts verschwunden ist.»

Mehr: Interessengemeinschaft Administrativ Versorgte

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