Altersheim
Tatort: Altersheim – pflegebedürftige Personen werden vermehrt zu Opfern

Ältere pflegebedürftige Menschen sind oft Opfer von Gewalt und Diebstählen – die Dunkelziffer ist hoch. Fachpersonen fordern nun die Einführung eines nationalen Berufsregisters.

Manuel Bühlmann
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Stricken mit Blick auf die Berge: Die Idylle im Altersheim können Diebe trüben, die es vor allem auf Schmuck abgesehen haben.Della Bella/Keystone

Stricken mit Blick auf die Berge: Die Idylle im Altersheim können Diebe trüben, die es vor allem auf Schmuck abgesehen haben.Della Bella/Keystone

Eine 88-jährige Frau wird in ihrer Alterswohnung ausgeraubt und getötet. Tatverdächtige ist eine junge Pflegerin, die im Alterszentrum arbeitet. Der brutale Raubmord im zürcherischen Kilchberg ereignete sich bereits im November und sorgt nun für Schlagzeilen.

Sind ältere Menschen auf Unterstützung im Alltag angewiesen, sind sie den Pflegenden - seien es Angehörige oder ausgebildete Fachleute - bis zu einem gewissen Grad ausgeliefert.

Eine Statistik, die Aufschluss über Diebstähle oder psychische und physische Gewalt durch Betreuungspersonen gibt, existiert allerdings nicht.

Stattdessen verweist Albert Wettstein, pensionierter Arzt und Präsident der Fachkommission der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA), auf eine europäische Studie, die auch Rückschlüsse auf die Situation hierzulande zulässt: «Grossmehrheitlich wird Gewalt an betagten Menschen durch Angehörige ausgeübt.»
Überforderte Angehörige
Die Studie aus zehn europäischen Staaten kommt zum Schluss, dass jede fünfte Person über 65, die zu Hause lebt, Opfer von psychischer oder physischer Gewalt wird. Die Verletzungen, die durch Schubsen, Ohrfeigen oder an den Haaren ziehen entstehen, seien zwar in der Regel eher harmlos, schlimm sei die Kränkung, die damit verbunden ist, sagt Wettstein.

Grund ist meistens Überforderung. Eine pflegebedürftige Person zu betreuen, ist anspruchsvoll. Den Angehörigen fehlen oftmals Erfahrung und Ausbildung. Zudem machten viele einen gravierenden Fehler, sagt Wettstein: «Die Pflege eines Menschen kann eine Person nicht alleine bewältigen. Es ist wichtig, sich frühzeitig unterstützen und beraten zu lassen.» Ansonsten kämen praktisch alle irgendwann an ihre Grenzen.

Kommt es zu einem Übergriff durch Angehörige, wird er häufig verschwiegen. Die Hemmschwelle ist deutlich höher, wenn es darum geht, den Ehepartner oder den eigenen Nachwuchs anzuzeigen. «Eine Mutter denkt sich vielleicht, sie habe versagt, weil sie es war, die ihre Kinder so erzogen hat.» Entsprechend hoch dürfte die Dunkelziffer sein.
Längst nicht alle nutzen den Tresor
Weil die soziale Kontrolle in den Pflegeheimen grösser sei, würden die Bewohner seltener zu Opfern, sagt Wettstein. «Es ist kein Zufall, dass sich der Fall in Kilchberg nicht in einem Pflegeheim, sondern in einer Alterswohnung ereignet hat.»

Dennoch kommt es auch in Pflegeinstitutionen zu Vorfällen. Besonders häufig sind Diebstähle. Zwar empfehlen viele Heime den Bewohnern, ihren wertvollsten Schmuck in einem Tresor aufzubewahren, doch längst nicht alle nutzen diesen Service. «Sie wollen ihre diamantenen oder goldenen Schmuckstücke tragen», sagt Wettstein.
Dominik Lehmann, Sprecher des Heimverbands Curaviva, bestätigt, dass Diebstähle in Pflegeheimen ein Thema sind. Über das Ausmass der Problematik lassen sich allerdings keine genauen Aussagen machen - eine Statistik liegt nicht vor.

Die Zahl der Meldungen ist in den vergangenen Jahren angestiegen. Ob das auf eine Zunahme der Fälle oder auf eine erhöhte Sensibilisierung zurückzuführen ist, lässt sich nicht beurteilen.

Für wichtig hält Lehmann eine «Kultur der Nulltoleranz» innerhalb eines Pflegeheims. Jede Meldung eines verschwundenen Gegenstands oder eines sonstigen Vorfalls müsse ernst genommen werden.
Die Prävention beginne bereits bei der Rekrutierung: Dominik Lehmann empfiehlt den Zuständigen, Referenzen und einen Strafregisterauszug einzuholen sowie die neuen Mitarbeitenden eine Selbstdeklaration ausfüllen zu lassen - ihnen also gleich von Anfang an eine klare Null-Toleranz-Haltung seitens der Institution zu vermitteln.

«Das wird in anderen Branchen standardmässig gemacht.» Lehmann warnt allerdings davor, einen ganzen Berufszweig unter Verdacht zu stellen: «Wegen einzelner Personen mit krimineller Energie darf man nicht alle 86 000 Pflegefachleute in einen Topf werfen.»
Forderungen nach Berufsregister
Erleichtern würde die Durchleuchtung neuer Mitarbeitenden wohl auch die Einführung eines nationalen Berufsregisters, wie es der Schweizerische Berufsverband des Pflegefachpersonals (SBK) fordert. Straftaten, die mit dem Beruf zu tun haben, würden dem Arbeitgeber nicht mehr verborgen bleiben.