Fifa-Skandal
Task-Force kontrolliert 121 Bankkonten und konfisziert Wohnungen

"Lynch & Lauber": Die US-Justizministerin und der Schweizer Bundesanwalt haben in Zürich über den Stand der Ermittlungen gegen den Weltfussballverband Fifa informiert.

Dennis Bühler und Etienne Wuillemin
Drucken
Teilen

KEYSTONE

Im Vorraum beschnüffelt ein Polizeihund alle Taschen, Fernseh- und Fotokameras. Wie die mehr als 140 aus aller Welt angereisten Journalisten hofft er, im Hotel Renaissance in Zürich-West auf Sprengstoff zu stossen. «Muss Sepp Blatter ins Gefängnis?», fragen sich alle. Oder: «Wird er zumindest dem Richter vorgeführt?» Im Saal steigt die Spannung, je länger Loretta Lynch und Michael Lauber auf sich warten lassen. «Zwei Minuten, bevor sie kommen, warnen wir euch vor», sagt ein Sicherheitsbeamter in Richtung der nervösen Kameramänner, die offenbar befürchten, womöglich ein Ereignis historischer Bedeutung zu verpassen.

«‹Lynch & Lauber› – klingt wie der Titel einer TV-Show», twittert der bekannte Fifa-Kritiker und Journalist Jens Weinreich. Dann endlich, mit 17-minütiger Verspätung, kommen sie, die US-Justizministerin und der Schweizer Bundesanwalt, betreten ein Podium und setzen im Blitzlichtgewitter zum Handschlag an. Zahlreiche TV-Stationen und Onlineportale sind jetzt live auf Sendung, Journalisten zücken ihre Aufnahmegeräte, recken die Hälse und tickern drauflos.

«Wir sind der Halbzeitpause noch nicht einmal nahe»

Zuerst erhebt Gastgeber Lauber das Wort. Zwei Sätze spricht er auf Deutsch, dann wechselt er auf Englisch – das Interesse am Weltfussballverband Fifa ist global. Lauber sagt wenig, doch was er sagt, sagt er mit dem Flair für den grossen Auftritt. Er weiss, was den Medien gefällt, und so wirft er mit Zahlen um sich und versucht, die Ermittlungen seiner Strafverfolgungsbehörde zu veranschaulichen. 121 Bankkonten hat seine Task-Force unter die Lupe genommen, elf Terabytes elektronische Daten hat sie beim Fifa-Hauptsitz am Zürcher Sonnenberg gesammelt, in den Alpen hat sie Wohnungen von Verdächtigen beschlagnahmt.

Während die USA wegen Betrugs, Bestechung, Geldwäscherei und Steuerhinterziehung in Süd-, Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik ermitteln, untersucht die Schweizer Justiz den Verdacht von Manipulationen bei der Vergabe der WM-Endrunden nach Russland (2018) und Katar (2022). «Diese Untersuchung wird viel länger dauern als die legendären 90 Minuten», sagt Lauber. «Und auch wenn wir uns dem öffentlichen Interesse an einem schnellen Abschluss bewusst sind und diese Ermittlungen priorisiert haben: Wir sind der Halbzeitpause noch nicht einmal nahe.»

110 Tage ist es her, seit Polizeibeamte im Morgengrauen im Zürcher Hotel Baur au Lac sieben Fifa-Exekutivmitglieder verhaftet und das Bürogebäude des Fussballverbands auf den Kopf gestellt haben. Was in diesen dreieinhalb Monaten genau passiert ist, bleibt unklar. Jedenfalls: Sepp Blatter muss nicht ins Gefängnis. Und er wird auch nicht dem Richter vorgeführt. Zumindest nicht in den nächsten Tagen und Wochen. Auch nicht von Lynch.

«Ich kann Sepp Blatter keine Reisetipps geben»

Am Vormittag hat Mark Pieth, der Basler Strafrechtsprofessor, im Rahmen des Treffens der internationalen Vereinigung der Staatsanwälte nebenan gesagt, er erwarte eine angriffige Justizministerin. «Sie hat keine Angst vor der Fifa und fürchtet nicht um US-amerikanische Interessen», so Pieth. «Wenn sie gegen den Walmart-Konzern vorginge, bekäme sie es schlagartig mit mächtigen Lobbyisten im Senat zu tun – bei der Fifa aber hat sie freie Hand.»

Pieth müsste es wissen: Weil er Lynch seit langem kennt und weil er wie kaum ein zweiter Bescheid weiss über die Machenschaften des Weltfussballverbandes. Von 2011 bis 2013 leitete er die Fifa-Kommission für Governance, deren Aufgabe es gewesen wäre, den Verband zu reformieren und ihm so zu mehr Glaubwürdigkeit zu verhelfen. Doch Pieth scheiterte, weil die Fifa unreformierbar ist — ohne juristischen Druck von aussen.

Entgegen der Ankündigung bleibt Lynch überraschend zahm. Man sei wohl bald in der Lage, zusätzliche Anklagen zu erheben, sagt sie, doch zu Details und Einzelpersonen äussert sie sich nicht. Den Namen Blatters nimmt sie nur ein einziges Mal in den Mund: Als ein Journalist sie fragt, ob der Fifa-Präsident verhaftet würde, sollte er in die USA einreisen. «Ich kann Sepp Blatter keine Reisetipps geben», sagt sie und erntet Gelächter im Saal.

Das Schlusswort Lynchs ist in seiner Dramatik typisch amerikanisch: «Jedem, der den Fussball zurück in die Tage von Korruption, Bestechung, Vettern- und Klientelwirtschaft führen möchte, soll unsere globale Antwort eine klare Botschaft übermitteln: Sie sind auf der falschen Seite und erweisen der Integrität dieses wunderbaren Sports einen Bärendienst.»

Blatter und die Fifa-Funktionäre können noch nicht aufatmen

Etwas ratlos bleiben die Journalisten im Hotel Renaissance zurück. Haben sie nun einem weiteren Kapitel auf dem Weg zur Wiedergeburt des Fussballs beigewohnt? Oder einem zwar aufwendig inszenierten, aber inhaltsleeren Justizspektakel? Es bleibt abzuwarten.

Und so fällt das Fazit zwiespältig aus: Die grössten Profiteure des Tages sind die Fluggesellschaften, welche die Presseleute in die Schweiz geflogen haben, und die Zürcher Hotellerie, welche zusätzliche Gäste beherbergen darf. Doch Blatter und seine Fifa-Funktionäre dürfen noch längst nicht aufatmen. Auch wenn sich die Justizbehörden Zeit lassen: Ihre Ermittlungen haben das Potenzial, das System Fifa zum Einstürzen zu bringen.

Lesen Sie den Kommentar zum Bericht hier.

Ein riesiger Datenberg

Die «Lynch-Justiz» will noch mehr Fifa-Verbrechern an den Kragen: US-Justizministerin Loretta Lynch kündigte in Zürich an, dass sie als Folge von ausgeweiteten Ermittlungen weitere Anklagen im Korruptionsskandal beim taumelnden Fussball-Weltverband erwartet. Ob auch der scheidende Fifa-Präsident Sepp Blatter zittern muss, liess sie offen.

Lynch, kraft ihres Amtes in Personalunion auch Generalbundesanwältin der USA, hatte Ende Mai nach der Verhaftung von sieben Fifa-Funktionären vor dem Verbandskongress in Zürich die Anklage der US-Justiz gegen insgesamt 14 Beschuldigte aus dem Fussball-Geschäft wegen korrupter Machenschaften in 47 Fällen öffentlich gemacht. Davon sind 13 Beschuldigte verhaftet, 10 sitzen allerdings in verschiedenen Ländern in Auslieferungshaft. «Ich hoffe, dass wir alle in die USA bringen und dort anklagen können, aber ich habe keinen Zeitplan dafür», sagte Lynch.

Während die USA umfassend wegen Betrugs, Bestechung, Geldwäsche und Steuerhinterziehung in Zusammenhang mit Fussball-Deals der amerikanischen Kontinentalverbände Conmebol und Concacaf ermitteln, untersucht die Schweizer Justiz auf Anzeige der Fifa gegen unbekannt gezielt den Verdacht von Manipulationen bei der Vergabe der WM-Endrunde 2018 an Russland und 2022 an Katar.

121 Bankverbindungen

Der Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber erklärte in diesem Zusammenhang, dass seine Behörde mittlerweile 121 Bankverbindungen untersucht, verschiedene Vermögenswerte beschlagnahmt und Wohnungen in den Schweizer Alpen durchsucht habe. Weitere Details dazu gab es von Lauber, der wie Lynch alle Beteiligten Länder, Personen und Institutionen zur Kooperation aufrief, nicht.

Lynch deutete an, dass an den Meldungen, wonach ihre Fahnder den noch amtierenden Fifa-Präsidenten wegen der ISL/ISMM-Korruptionsaffäre um Schmiergeldzahlungen des ehemaligen Fifa-Vermarkters in dreistelliger Millionenhöhe an Fifa-Spitzenfunktionäre nochmals ins Visier genommen haben, etwas dran sein könnte: «Wir gehen auch Geschäften der Vergangenheit nach.»

Noch nicht in der Halbzeit

Auch deshalb wird der Datenberg im Fifa-Korruptionsskandal immer grösser: Mittlerweile hat die Schweizer Bundesanwaltschaft 11 Terabytes Unterlagen zu sichten. Lauber bat die Öffentlichkeit deshalb um Geduld. Er verstehe, dass das öffentliche Interesse riesig sei, «aber wir sind nicht einmal in der Halbzeit in der Auswertung dieser Daten.»

Zu diesen Daten gehört neu auch jenes Dokument, das am vergangenen Freitag vom Schweizer Radio und Fernsehen publik gemacht worden war. Dabei handelt es sich um einen Vertrag, mit dem Fifa-Präsident Sepp Blatter TV-Übertragungsrechte zu einem Freundschaftspreis verkauft haben soll. «Wir werden das auswerten», sagte Lauber.

Die Ermittlungen würden weitergehen, sagte Lynch, die im Rahmen eines Kongresses von internationalen Strafverfolgern in Zürich weilte. Aus vielen Ländern erhalte die US-Justiz gegenwärtig Informationen. Nicht mit allen Ländern funktioniere die Zusammenarbeit aber so gut wie mit der Schweiz. (sda/sid)

Aktuelle Nachrichten