Schweiz

Task-Force-Chef schlägt Alarm: Spitäler bald überlastet – doch Berset gibt sich gelassen

In rund zwei Wochen seien die Spitäler mit grosser Wahrscheinlichkeit an den Kapazitätsgrenzen, sagt der Präsident der wissenschaftlichen Covid-Task-Force. Wäre dies so, hätte man andere Massnahmen getroffen, widerspricht Bundesrat Alain Berset.

In zwei Wochen dürfte es zu wenig Betten auf den Intensivstationen geben: Davor warnte am Freitag eindringlich Martin Ackermann, der Chef der Corona-Task-Force des Bundes. Das Risiko, dass es im November so weit komme, sei «sehr substantiell». Zwar würden die Kantone derzeit die Zahl der Betten erhöhen und die Spitäler hätten nicht notwendige Eingriffe «bereits massiv» reduziert. Dies nütze beim exponentiellen Verlauf der Virus-Ansteckungen aber nur bedingt. Er sagt:

200 zusätzliche Intensivbetten bringen rund 32 Stunden Zeitgewinn: "Wir müssen die Kurve runterbringen."

200 zusätzliche Intensivbetten bringen rund 32 Stunden Zeitgewinn: "Wir müssen die Kurve runterbringen."

Ackermann schloss deshalb auch nicht aus, dass Schliessungen von Betrieben und Restaurants nötig werden könnten. Zwar hat der Bundesrat diese Woche einschneidende Massnahmen beschlossen. Man wisse aber noch nicht, «ob diese Massnahmen reichen», sagte Ackermann. Dies sei stark abhängig davon, wie sich die Menschen verhalten. Ackermann rief eindringlich dazu auf, nun die sozialen Kontakte zurückzufahren. Je besser die Bevölkerung nun die Massnahmen einhalte, «desto weniger lange werden im November und Dezember die Kapazitätsgrenzen in den Spitälern überschritten».

Trotz Streichung von Tumor-Operationen: "Wir müssen leider damit rechnen, dass die Spitalkapazitäten überschritten werden."

Trotz Streichung von Tumor-Operationen: "Wir müssen leider damit rechnen, dass die Spitalkapazitäten überschritten werden."

Die Zeit läuft davon - es dauert, bis neue Massnahmen beschlossen wären

Das Problem ist: Die Wirkung der neuen Massnahmen wird man erst in rund zehn Tagen kennen. Bis dann allenfalls weitere Massnahmen ergriffen sind und diese wirken, dauert es wiederum eine gewisse Zeit. Die Zeit laufe einem in einem solchen Szenario davon, so Ackermann.

Während der Chef der Task Force eindringlich warnt, gibt sich der oberste Corona-Verantwortliche, Bundesrat Alain Berset, im Interview mit dieser Zeitung gelassen. Und der «NZZ» sagte er:

Wie lässt sich diese Diskrepanz zwischen Experten und Politik erklären? Es wurde an der Medienkonferenz des Bundes nicht einmal der Versuch gemacht, den Widerspruch aufzulösen. Ackermann sass gemeinsam mit Virginie Masserey, der Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit vor den Medien. Beide trugen ihre Prognosen vor, ohne den jeweils anderen zu kritisieren.

Blick in die Intensivstation des Kantonsspitals Schwyz.

Blick in die Intensivstation des Kantonsspitals Schwyz.

Der Bund bereitet sich auf ernste Lage vor

Tatsächlich aber bereitet sich auch der Bund auf eine verschärfte Lage vor: Dies zeigen interne Dokumente, die dieser Zeitung vorliegen. Sollten die am Mittwoch beschlossenen Massnahmen nicht zu einer deutlichen Senkung bei der Belegung der Intensivbetten führen, könnten in spätestens zehn Tagen weitere Verschärfungen nötig sein, steht darin. Zudem werden die frei verfügbaren Intensivbetten seit Freitag national koordiniert. Wenn es zu Überbelegungen in einem Spital oder einem Kanton kommt, soll ab sofort eine zentrale Stelle die Verlegung von Intensivpatienten in andere Spitäler Kantone sicherstellen, kündigte das VBS nun an.

Die Koordination übernimmt nicht der Bund selbst, sondern die Rega. Das VBS begründet den Entscheid wie folgt:

Nicht notwendige Eingriffe abgesagen

Spitäler können sich an die Stelle wenden, wenn 80 Prozent ihrer Intensivbetten belegt sind. Zuerst aber sollten nicht notwendige Eingriffe abgesagt werden, schreibt das VBS. Die Verlegung solle jedoch geschehen, «bevor ad-hoc-Behandlungsbetten geschaffen werden». Offen ist auch, ob die Armee zusätzlich, wie im Frühling, eingesetzt wird. Beim Bund liegen Gesuche aus den Kantonen vor. Diese würden derzeit geprüft, heisst es.

Allerdings zweifelte Task-Force-Chef Ackermann das Verschiebungskonzept des Bundes an: Laut dem Experten-Szenario sind nämlich bald alle Intensivbetten in der ganzen Schweiz belegt.

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