Pro: «Für die Feinheiten der Ökonomie ist es nie zu früh»

Christoph Bopp, Autor: «Der richtige Umgang mit Geld wird vorschnell im Sparen gesehen. Dabei gibt es schon beim Erwerb desselben Wichtigeres zu lernen»

«Man kommt leicht in Versuchung, es für eine Naturkonstante zu halten. Den Drang zum Sparen. Vernunft pur. Verkörpert in der schwäbischen Hausfrau, die nur ausgibt, was sie muss. Was man hat, hat man. Auch wenn man nichts damit anfangen kann. «Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.» Daran kann man doch nicht zweifeln – oder?

Also frohlocken die Erzieher, dass die Kids «von selbst» und «freiwillig» das Sackgeld ins Sparsäuli stopfen. Den «Umgang» mit Geld lernen heisst eben, es möglichst nicht in die Hand zu nehmen. (Etwas anderes ist es, wenn man für eine grössere Anschaffung spart. Das finden die Eltern zwar meistens immer noch gut, aber es kommt schon drauf an, was es für ein Handy ist. Frohlocken werden sie nicht. Aber beifällig nicken schon.)

Dann wäre es auch nur folgerichtig, dass das Kind realisiert, dass vor dem «Umgang mit» der «Erwerb des» (Geldes) kommen muss. So im Sinne: Das sauer Verdiente soll zum sauer Ersparten werden. Diese erzieherisch gemeinte Grundwahrheit entbehrt allerdings der Plausibilität. Je grösser die Pein, desto grösser die Freude – so ist es doch beim Feiern. Aber es passt ins Grundinventar dessen, was Max Weber mit Askese, Kapitalismus und Protestantismus (in alphabetischer Reihenfolge) zusammengedacht hat.

Jetzt endlich das Argument, warum Sackgeld-Bedingungen durchaus Erkenntnisgewinn zur Folge haben können. Nehmen wir «Lohn» – scheinbar ein einfacher Begriff. Wer arbeitet, kriegt Lohn. Falsch. Man muss arbeiten, um überhaupt etwas zu kriegen. Jede Arbeit ist ihren Lohn wert. Falsch. Man muss den Lohn nehmen, den jemand bereit ist zu geben. Und jetzt fassen wir zusammen: Welches Kind hat mehr gelernt? Kind A: 2 Franken für Autoputzen ist zu wenig. Sagt der Vater: Lieber 2 Franken oder null? Sagt das Kind: Dann halt. – Oder Kind B: O. K., aber wer putzt jetzt dein Auto?

Richtige Antwort: Kind B. Es hat erkannt, dass es hier um Marktbeziehungen geht. Dass nicht die Grosszügigkeit oder der Geiz des Papa über die Höhe des Lohns entscheidet, sondern der Umstand, ob jemand eine bestimmte Position in einem Marktumfeld einnimmt. Ich weiss nicht, ob man solche Dinge «früh genug» lernen kann. Aber sie zu lernen, schadet nie.»

Kontra: «Kinder werden zu früh auf Leistungsgesellschaft getrimmt»

Marcel Kuchta, Sportredaktor: «Wer seine Kinder ihr Sackgeld verdienen lässt, überhöht
die Bedeutung des Geldes auf unnötige Art und Weise»

«Die Diskussionen wiederholen sich ungefähr im Zweiwochentakt. Wer füttert die Meerschweinchen? Wer räumt den Tisch ab und das Geschirr in die Spülmaschine? Wer gibt den Blumen Wasser? Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Ebenso unendlich ist das Erziehungsdilemma. Konsequenz wäre in diesen Momenten erstrebenswert. Andererseits hat man die pendente Aufgabe selber schneller erledigt, als wenn man vorher noch gefühlte Ewigkeiten mit seinen Kindern diskutiert, wer und warum jetzt an der Reihe wäre – notabene trotz klar definiertem Ämtliplan.

In Momenten wie diesen ertappt man sich gerne beim Gedanken, seine Kinder für ihre latente Faulheit bestrafen zu wollen. «Du gehorchst nicht, also wird das für Dich unliebsame Konsequenzen haben.» Weniger Handy- und Fernsehzeit. Oder eben: weniger Sackgeld. Dass dieses auf den ersten Blick verlockende Malus-System nicht funktioniert, ist hinlänglich bekannt. Im Gegenteil: Erziehungsberater empfehlen ja, wenn, dann auf die Karte Belohnung zu setzen. Das Bonus-System macht unter gewissen Umständen durchaus Sinn.
Aber es darf nicht zur SackgeldDiskussion gehören. Sackgeld ist für die Kinder so etwas wie das bedingungslose Grundeinkommen. Sie erhalten pro Woche (oder pro Monat) einen fixen Betrag – komme, was wolle. In der Regel kombiniert mit der Abmachung, was mit diesem Batzen alles finanziert werden muss. So lernen die Kids (hoffentlich) relativ früh den Umgang mit ihrem Geld. Und als Eltern fällt uns die wichtige Aufgabe zu, sie auf vernünftige Art und Weise an die Thematik, die sie ihr ganzes Leben lang beschäftigen wird, heranzuführen und sie zu unterstützen.

Deshalb ist der Ansatz, dass sich die Kinder grundsätzlich ihr Sackgeld verdienen müssen, falsch. Mehr noch:
Er trimmt die Kids viel zu früh auf Leistungsgesellschaft und überhöht die Bedeutung des Geldes auf unnötige Art und Weise. Der Ernst des Lebens – der Berufsalltag – kommt früh genug. Spätestens dann, wenn die Kinder flügge werden und versuchen müssen, auf eigenen Beinen zu stehen, wird sich das erlernte Basis-Finanzen-Management auszahlen. Und wenn sie ihre Ämtli im Beruf gut erledigen, winkt vielleicht sogar ein Bonus ...»