Die grösste Hochschule des Landes geht neue Wege. Die Universität Zürich fördert künftig die begabtesten Jugendlichen der Deutschschweiz. Ab Herbst dürfen die besten Zürcher Mittelschüler schon während ihrer Gymizeit Vorlesungen an der Universität besuchen, Punkte sammeln und Arbeiten schreiben. Ist das Pilotprojekt erfolgreich, sollen Jugendliche aus den Nachbarkantonen etwa aus dem Aargau oder von Schwyz folgen.

Wie die Universität gestern bekannt gab, werden 60 bis 70 Mittelschüler am Pilotprojekt teilnehmen. Das sind die besten ein bis zwei Prozent aller Jahrgänge. Berücksichtigt werden nur die 5. und 6. Klasse des Langzeitgymnasiums sowie die 3. und 4. Klasse des Kurzzeitgymis. Die Idee: Jugendliche zwischen 17 und 19 Jahren besuchen je nach Talent eine Vorlesung pro Woche. Das kann in der Biologie, Physik, Theologie oder der Philosophie sein. Mehrere Fakultäten bieten ab Herbst Programme an.

Das ist doppelt nützlich: Die Mittelschüler werden nicht nur gefordert, sie können auch Vorarbeit leisten. Sollten sich die Jugendlichen nach der Matura an der Universität Zürich einschreiben, werden ihre erarbeiteten Punkte gutgeschrieben. So starten sie mit einigen Credits ins Studium, können früher Seminare besuchen und schneller ihren Abschluss machen.

Einige Schweizer Universitäten bieten bereits ein Schülerstudium an, zum Beispiel in Bern, Luzern oder Basel, die auch Schüler aus Nachbarkantonen aufnehmen. Die Programme sind beliebt, erfreuen sich steigender Teilnehmerzahlen. Mit der Universität Zürich erreicht die Hochbegabtenförderung in der Schweiz nun allerdings ein neues Level: Nirgends wird das Angebot grösser sein als in Zürich. Ist die Testphase bis 2020 erfolgreich, wird weiter ausgebaut.

Als Wettkampf will Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich und Vater des Projekts, das Schülerstudium aber nicht verstanden wissen. «Wir stehen nicht in Konkurrenz zu den Gymnasien oder anderen Universitäten», sagt er. Ihm ging es darum, junge Menschen bestmöglich zu fördern. Anstoss war dann auch nicht eine andere Hochschule, sondern ein Wunderkind. Maximilian Janisch (14), ein Mathe-Genie mit einer Begabung, wie es sie in der Schweiz kein zweites Mal gibt, offenbarte in den vergangenen Jahren die Grenzen des Schulsystems.

In der 1. Klasse sollte Maximilian als Hausaufgabe bis 20 zählen, dabei wusste er, was eine Billion ist. Innert weniger Wochen übersprang er mehrere Klassen. Mit acht landete er am Gymnasium Immensee. Nur ein Jahr später – als 9-Jähriger – legte er die Mathematik-Matura mit Bestnoten ab. Doch dann kamen die Grenzen. Nicht seine eigenen, aber jene des Systems.

Kein 9-Jähriger im Hörsaal

Maximilian wollte an die ETH Zürich, die Schweizer Elite-Uni schlechthin. Doch kein Neunjähriger darf hierzulande Student sein. Die besten amerikanischen Hochschulen meldeten sich, Harvard kämpfte um das Mathematik-Talent, doch umziehen kam für die Familie nicht infrage. Maximilian sollte nicht aus seinem Umfeld gerissen werden.

Erst ein Anruf von Michael Hengartner erlöste die Familie. Er fand für Maximilian einen Mentor, einen 41-jährigen Mathematik-Professor, der selbst ein hochbegabtes Kind war. «Ich konnte damals an keinem Förderprogramm teilnehmen», sagt Camillo De Lellis. «Maximilian soll es besser haben, deshalb helfe ich.» Alle zwei Wochen unterrichtet er den 14-Jährigen am Mathematischen Institut der Universität Zürich. Daneben holt Maximilian die Matura in allen anderen Fächern nach, sodass er im Herbst offiziell als Student starten kann.

Zwar sei der 14-Jährige ein Sonderfall, sagt Hengartner. «Die Erfahrungen mit Maximilian haben uns aber dazu bewogen, mehr für begabte Mittelschüler zu tun.» Das freut den Mathematik-Genius. «Ich bin glücklich, wenn meine Erlebnisse dazu geführt haben, dass andere junge Talente nun besser gefördert werden», sagt er im Interview mit der «Nordwestschweiz».

Sein Vater Thomas Drisch, ein pensionierter Mathematikprofessor mit grauem Bart, ärgert sich seit Jahren über mangelnde Begabtenförderung. Drisch kritisiert, dass es in der Schweiz zwei Dutzend Sportgymnasien und viele Mittelschulen mit Schwerpunkt Musik gibt, doch kein einziges Gymnasium für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik (MINT). «Dabei hängt die Zukunft der Schweiz nicht von der Zahl der Goldmedaillen ab, sondern von der Entwicklung ihrer MINT-Talente.»

«Die Schweiz könnte in der akademischen Förderung sicher mehr tun», glaubt auch Hengartner. Mit dem Schülerstudium ist ein erster Schritt getan. Drisch sieht allerdings nicht alle Studiengänge geeignet. Je nach Fachbereich zeigten sich Talent und Leistungsfähigkeit unterschiedlich früh, sagt er. «Wenn Sie Philosophie studieren, benötigen Sie eine gewisse Lebenserfahrung», sagt er.

Dann sei es von Vorteil, über 30 Jahre alt zu sein. Anders in der Mathematik. «Die braucht keine Lebenserfahrung, sie ist eine abstrakte Aktivität.» Viele der angesehensten Mathematiker hätten ihre berühmtesten Arbeiten vor dem dreissigsten Lebensjahr verfasst.

Kampf um begehrte Plätze

So weit sind die künftigen Mittelschul-Studenten noch nicht. Erst startet der Kampf um die begehrten Plätze. Wer künftig an die Universität darf, entscheidet aber nicht die Hochschule. Die Gymnasien wählen in Absprache mit den Lehrern und Schülern die geeigneten Kandidaten. «Sie wissen am besten, wer geeignet ist», sagt Hengartner. «Ich will nicht, dass 20 000 Eltern an meine Tür klopfen und mir erklären, warum gerade ihr Sprössling an die Universität sollte», sagt er und schmunzelt.

Wie viel das Programm tatsächlich nützt, wurde nicht erforscht. Die meisten Universitäten geben aber ein positives Feedback. Beat Zemp, Präsident des Lehrerverbandes und selbst Gymnasiallehrer, ist überzeugt vom Programm: «Ich habe in Basel selbst erlebt, wie Hochbegabte davon profitieren», sagt er. Die Universitätsvorlesung sei eine zusätzliche Motivation, besonders für Schüler, die sich ansonsten wegen ihrer Begabung im Unterricht langweilen würden.

Trotzdem warnt Maximilian: «Die Leistung am Gymnasium kann darunter leiden.» Das Hin und Her sei nicht einfach. Er hebt aber auch die positiven Seiten hervor: «Es ist eine Investition in die eigene Zukunft. Wer sich der Doppelbelastung gewachsen fühlt, sollte es wagen.»