Familienpolitik
Taktik der Krippen-Gegner ist plump, aber wirksam

Der Abstimmungskampf um den Familienartikel wurde schon lange nicht mehr auf sachlichem Niveau geführt. Vielmehr wurde über das «richtige» Familienmodell debattiert. Die Folgen der plumpen Emotionalisierung-Strategie ist das Nein an der Urne.

Karen Schärer
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Der Abstimmungskampf um den Familienartikel wurde emotional geführt.

Der Abstimmungskampf um den Familienartikel wurde emotional geführt.

Keystone

In den Debatten der vergangenen Wochen ging es schon lange nicht mehr um den eigentlichen Kern der Vorlage, nämlich darum, ob der Bund Kompetenzen im Bereich der Familienpolitik erhalten soll. Die Kampagne der Gegnerschaft schaffte es, die Abstimmung zu einer Frage über das «richtige» Familienmodell zu machen. Die hinter Gittern eingesperrten weinenden Kinder auf dem SVP-Extrablatt illustrieren dies. Eltern, die ihre Kinder «in die Krippe stecken», handeln gegen deren Wohl, suggerierten die Gegner.

Die Taktik der Gegnerschaft, die ein traditionelles Familienbild hochhält, ist längst bekannt: Auch bei den Abstimmungen zur Schulharmonisierung liess sie in verschiedenen Kantonen Plakate aufhängen, die weinende Kinder zeigten. Die Emotionalisierungs-Strategie («Staatskinder!», «Milliardenausgaben!») ist plump, wirkt aber offenbar stärker als sachliche wirtschaftspolitische und gleichstellungspolitische Argumente der Befürworterinnen und Befürworter.

Schade. Mit einem Ja zum Familienartikel hätte die Schweizer Bevölkerung die Weichen für künftige politische Projekte gestellt. Das Nein ist eine Absage an eine kohärente Familienpolitik. Damit dürfte der Ausbau der familienergänzenden Betreuungsstrukturen gerade in den Nein-Kantonen zumindest gebremst werden. Und ob ein Betreuungsplatz für ein Kind zur Verfügung steht, hängt auch künftig stark vom Wohnort der Familie ab.

Doch der gesellschaftliche Wandel lässt sich nicht aufhalten. Auch die Kantone, die bislang wenig in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf getan haben, werden zur Erkenntnis gelangen müssen, dass Tagesstrukturen an Schulen und ein bedarfsgerechtes Angebot an Betreuungsplätzen für Kinder im Vorschul-Alter nicht zuletzt auch wirtschaftliche Vorteile bringen. Spätestens dann dürften auch sie das Thema ohne übertriebene Emotionalisierung angehen.