Alltägliches Phänomen
Täglich mehr als eine Zwangsheirat in der Schweiz – was tut der Bund dagegen?

Zwangsheiraten sind laut der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verboten und stehen in der Schweiz seit 2013 unter Strafe. Trotzdem wurden hierzulande seit 2015 über 900 Fälle erfasst. Ein Kompetenzzentrum sagt dem Phänomen nun den Kampf an.

Samuel Schumacher
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Einen bis zwei Zwangsheirats-Fälle gibt es in der Schweiz – pro Tag.

Einen bis zwei Zwangsheirats-Fälle gibt es in der Schweiz – pro Tag.

C. DOURY/KEY

Ein 15-jähriges Mädchen aus Syrien wird an einem Fest einem 34-jährigen Landsmann vorgestellt. Kurz darauf passt er ihr auf dem Pausenplatz ihrer Schule ab und macht ihr einen Heiratsantrag. Sie lehnt ab, wird von dem Mann und ihren eigenen Eltern aber unter massiven Druck gesetzt. Ein Geistlicher besiegelt die Ehe in Anwesenheit von Verwandten. Das Mädchen kann sich nicht wehren.

Das Beispiel ist nicht erfunden, sondern traurige Tatsache. Und zwar hier in der Schweiz. Zwangsheiraten sind auch in unserem Land alltäglich. Im Rahmen des Anfang Woche ausgelaufenen Bundesprogramms zur Bekämpfung von Zwangsheiraten wurden in den vergangenen 20 Monaten 905 Fälle gemeldet, in denen Personen gegen ihren Willen eine Hochzeit eingehen, eine Liebesbeziehung beenden oder in einer Ehe bleiben mussten.

83 Prozent der Betroffenen waren Frauen, fast in jedem fünften Fall waren die Opfer minderjährig. Besonders häufig hatten sie Wurzeln im Kosovo, in Sri Lanka, der Türkei und Albanien.

Zwangsheiraten sind laut der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verboten und stehen in der Schweiz seit 2013 unter Strafe. Wer jemanden gegen dessen Willen in eine Beziehung zwingt, dem drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis. Neben diesem rechtlichen Instrument gab es bislang jedoch wenige offizielle Massnahmen, um dem Problem in der Schweiz zu begegnen.

Das wollte der Bund mit dem 2012 lancierten Programm ändern. Über einen Zeitraum von fünf Jahren sollte das Staatssekretariat für Migration (SEM) mit einem Budget von zwei Millionen Franken Fachpersonen sensibilisieren, Anlaufstellen für Betroffene etablieren und Akteure vernetzen.

800 000 Franken für Fachstelle

Laut dem Abschlussbericht, den der Bundesrat am Dienstag vorlegte, hat das Programm seinen Zweck erfüllt. Als Erfolg erachtet der Bundesrat die Schaffung eines überregionalen Kompetenzzentrums im April 2015. Die Nichtregierungsorganisation «Fachstelle Zwangsheirat» koordinierte die Bemühungen und bot sich als Anlaufstelle für Härtefälle an.

Die Kompetenzstelle wird auch nach dem Ende des Bundesprogrammes weiterbetrieben und engagiert sich in Zusammenarbeit mit dem SEM gegen die Verbreitung der Zwangsheirat. Der Bund stellt dafür bis 2021 insgesamt 800 000 Franken zur Verfügung.

Gegründet wurde die Fachstelle Zwangsheirat 2001 von Anu Sivaganesan. Seit die Juristin in ihrer Gymi-Zeit miterlebt hat, wie zwei ihrer Schulkolleginnen zwangsverheiratet wurden, engagiert sie sich ehrenamtlich gegen Zwangsheirat. «Der Bund hat seine Verantwortung mit dem Programm wahrgenommen und wichtige Vernetzungsarbeit geleistet», sagt Sivaganesan.

Auch punkto Aufklärung sei man einen grossen Schritt weitergekommen. «Als wir 2005 mit unserer Beratungsarbeit begonnen hatten, war kaum jemandem bewusst, dass Zwangsheirat auch in der Schweiz ein existierendes Problem ist. Heute steht das ausser Frage.»

Dass der Bund sein finanzielles Engagement zurückfährt, findet Sivaganesan zwar schade. «Mit dem neu geschaffenen nationalen Kompetenzzentrum haben wir jetzt aber eine zentrale Stelle, bei der private Akteure und staatliche Ressourcen gemeinsam gegen Zwangsheirat vorgehen können.» In der Schweiz habe eine solche Stelle bislang gefehlt – im Unterschied etwa zu Österreich oder Grossbritannien, die schon länger mit solchen Modellen gearbeitet hätten.

Wegschauen ist gefährlich

Trotz des neuen Kompetenzzentrums: Das Phänomen Zwangsheirat wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Gefragt seien jetzt vor allem die Kantone, sagt Sivaganesan. «Sie müssen die angedachten Projekte weiterführen.» Besonders gut funktioniere etwa das Modell in Bern, wo verschiedene Organisationen eine Art Piket-Dienst gegen Zwangsheirat aufgegleist hätten und Betroffene auch ausserhalb der Bürozeiten beraten.

Auch der Kanton Aargau hat im Rahmen des Bundesprogrammes mit der Homepage frei-entscheiden.ch ein eigenes Projekt an die Hand genommen. Michele Puleo von der Anlaufstelle Integration Aargau, die das Projekt mitgetragen hat, sagt: «Wir werden die Website vorerst weiterführen und uns gemeldete Fälle an die Profis der Fachstelle Zwangsheirat weiterleiten.»

Puleo hat mit seinen Mitstreitern in den vergangenen Jahren diverse Infoveranstaltungen an Schulen durchgeführt, Flyer gestaltet, sich in Kommissionssitzungen mit anderen Fachkräften ausgetauscht und Zwangsheirat im Rahmen einer Ausstellung thematisiert. «Uns ist aufgefallen, dass es oft Kolleginnen und Kollegen von Betroffenen sind, die uns Verdachtsfälle melden», sagt Puleo und bringt damit eine wichtige Erkenntnis auf den Punkt: Die Betroffenen selber sind häufig verunsichert und verängstigt.

Umso wichtiger ist es, dass Angehörige und Bekannte schnell reagieren, wenn sie Verdacht schöpfen, und die Betroffenen auf das nun bestehende Beratungsangebot zum Thema Zwangsheirat aufmerksam machen. «Wir können helfen», sagt Puleo. «Und wir werden das im Rahmen des Möglichen auch weiterhin tun.»