Winterthur

Tag eins des grossen An'Nur-Prozesses: Das sind die 5 wichtigsten Erkenntnisse

Am ersten Tag des Prozesses gegen zehn Männer aus dem Umfeld der An'Nur-Moschee in Winterthur wird vor allem eines klar: Die Angeklagten wittern eine grosse Verschwörung von Medien und Staatsanwaltschaft.

1. Worum es geht

Vor dem Bezirksgericht Winterthur stehen diese Woche acht junge Männer im Alter zwischen 19 und 26 Jahren, der Imam und der Vereinspräsident der An'Nur-Moschee. In die Schlagzeilen geriet das Gebetshaus in der Vergangenheit mehrfach aufgrund Berichterstattungen über junge Gläubige, die sich dort radikalisiert hatten.

Der Journalist Kurt Pelda berichtete im Herbst 2016 über ein Freitagsgebet in der An'Nur-Moschee, in dem ein äthiopischer Imam zu Gewalt an «schlechten Muslimen» aufrief. Der Artikel führte später zur Verhaftung und Verurteilung des 25-jährigen Mannes. Er wurde zudem des Landes verwiesen.

An'Nur-Prozess in Winterthur: «Niemand wurde geschlagen»

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Am 22. November 2016 sollen die zehn Beschuldigten zwei Männer in der An'Nur-Moschee eingesperrt und verprügelt haben. Die Angreifer waren überzeugt, dass es sich bei den zwei Männern um Spione handelte, die in der Moschee fotografiert, gefilmt und die Informationen an Journalist Pelda weitergegeben hatten.

Laut der Anklageschrift sollen die zehn Beschuldigten die beiden «Verräter» während zwei Stunden drangsaliert haben. Einer wurde dazu gezwungen, eine Zehnernote zu schlucken, weil er «seine Religion für Geld verkauft» habe. Dem anderen gelang es schliesslich, von der Toilette aus SMS-Hilferufe an einen Polizisten zu schicken.

Die Anklage fordert, die Angreifer mit teilbedingten Freiheitsstrafen in unterschiedlicher Höhe zu bestrafen, unter anderem wegen Freiheitsberaubung, Nötigung, Drohung und Körperverletzung. Die Beschuldigten mit ausländischer Staatsangehörigkeit sollen zudem des Landes verwiesen werden.

Am ersten des auf fünf Tage angesetzten Prozesses wurden alle zehn Beschuldigten einzeln durch den Gerichtspräsidenten einvernommen. Ab dem zweiten Tag halten die Staatsanwältinnen und die Verteidiger ihre Plädoyers.

2. Die Sicherheitsvorkehrungen

Am Montagmorgen kontrollierte ein Polizeiaufgebot den Eingangsbereich des Bezirksgerichts Winterthur. Die Beschuldigten, ihre Anwälte, die Besucher und Medienschaffenden mussten beim Betreten des Gebäudes ihre Taschen durchsuchen lassen und durch einen Metalldetektor treten.

Zehn Männer aus dem Umfeld der Winterthurer An'Nur-Moschee sind damals verhaftet worden - sie sollen zwei Glaubensbrüder angegriffen haben. Die Moschee geriet in den vergangenen Jahren mehrmals in den Fokus der Medien. (Archivbild)

Zehn Männer aus dem Umfeld der Winterthurer An'Nur-Moschee sind damals verhaftet worden - sie sollen zwei Glaubensbrüder angegriffen haben. Die Moschee geriet in den vergangenen Jahren mehrmals in den Fokus der Medien. (Archivbild)

Im Erdgeschoss des Gerichts fand in einem grossen Raum die Vernehmung der zehn Angeklagten statt. Ihnen gegenüber sassen der Gerichtspräsident, die Bezirksrichter und die Gerichtsschreiberin. Zudem war der Saal reserviert für die Staatsanwältinnen, Jugendstaatsanwältin, die zehn Verteidiger der Beschuldigten und den Anwalt der zwei Privatkläger.

Die Medienschaffenden und sonstigen Besucher konnten die Gerichtsverhandlung im ersten Obergeschoss in zwei Räumen als Videoübertragung auf einem Bildschirm mitverfolgen. Die Angeklagten waren dabei jeweils nur von hinten zu sehen.

3. Das selbstbewusste Auftreten

Am Vormittag wurden sechs Angeklagte von dem Gerichtspräsidenten einzeln befragt, am Nachmittag wurden die restlichen vier Männer vernommen.

Auffällig war, dass alle Beschuldigten selbstbewusst bis gar trotzig auftraten. Nervosität war ihnen kaum anzumerken, obwohl ihnen teilweise lange Gefängnisstrafen und sogar der Landesverweis drohen. Breitbeinig und den Rücken tief in die Lehne des Stuhls gedrückt, den Ellbogen auf dem Tisch abstützend, präsentierten sie sich dem Gerichtspräsidenten.

Zum Teil wirkte das Auftreten einzelner Angeklagter regelrecht schnoddrig. So sagte ein 20-jähriger Beschuldigter, er fühle sich sehr ungerecht behandelt. «Sie reden von Freiheitsberaubung, dabei wurde meine Freiheit beraubt!» Es handle sich hier um eine grosse Verschwörung von Medien und Staatsanwaltschaft. 

Als nach einer Kaffeepause am Vormittag das Publikum wieder ins Gerichtsgebäude trat, ging einer der Angeklagten an Kurt Pelda vorbei und sagte: «Härter hätten Sie uns nicht rannehmen können. Sehe ich etwa aus wie ein Salafist?»

4. Was die Angeklagten nicht sagen

Die Angeklagten gaben unterschiedlich ausführlich Antwort. Teilweise reagierten sie impulsiv und verstrickten sich dann in Widersprüchlichkeiten. Oftmals aber wiederholten sie immer und immer wieder den Satz: «Ich verweise auf meine Aussagen in meinen Einvernahmen.»

Insbesondere nicht erinnern wollten sich die Beschuldigten daran, wer nun am Abend des Vorfalls die Polizei gerufen hatte und warum alle wussten, dass die Polizei eintreffen werde. Auch wollen sie nicht gewusst haben, ob die Türe der Moschee geschlossen oder offen war.

Auch was sich an dem Abend tatsächlich zugetragen hatte, konnte keiner der Beschuldigten wirklich erklären. Mehrere sagten aus, sie seien einfach enttäuscht gewesen, als sie herausgefunden hatten, dass in ihrer Moschee spioniert wurde. Andere sagte, sie seien wütend auf das mutmassliche Opfer gewesen, hätten aber niemals Gewalt angewendet.

5. Was die Angeklagten sagen

Die Aussagen der Beschuldigten ähnelten sich. Von den Vorwürfen wollten sie nichts wissen, sie seien frei erfunden und die mutmasslichen Opfer würden lügen. Man wolle ihnen bewusst schaden und es handle sich um eine Inszenierung, um sie als Salafisten und «böse Terroristen» darzustellen.

Insbesondere verwiesen mehrere Angeklagte auf die Polizeifotos der mutmasslichen Opfer, die beweisen würden, dass es keine Schlägerei gegeben habe. Einer der Beschuldigten sagte: «Wenn wir die so geschlagen hätten, wie es in der Anklageschrift steht, dann würde man das auf den Fotos doch sehen.» Dies sei aber nicht der Fall.

Die Polizei postiert sich vor dem Gericht.

Die Polizei postiert sich vor dem Gericht.

Auch der Vorwurf, einer der Beschuldigten habe einem Opfer eine Zehnernote in den Mund gestopft und ihn gezwungen, diese zu schlucken, sei reine Erfindung. Der betreffende Beschuldigte sagte dazu: «Ich bin doch kein Psychopath!»

Einer der Beschuldigten gab zu, den «Verräter» als «Idiot» und «Dummkopf» betitelt und angespuckt zu haben. Gewalt habe es aber keine gegeben, betonten alle Befragten. Stattdessen hätten dann der Imam und der Vereinspräsident mit dem angeblichen Opfer im Büro das Gespräch gesucht.

Dort habe der Imam ein gutes Gespräch geführt. Es sei sogar zusammen gelacht worden und man habe die Telefonnummern ausgetauscht. Dem «Spion» sei es darum gegangen, dass er sein Gewissen habe erleichtern wollen, sagte der Imam aus: «Er wollte von sich aus alles erzählen.»


Den Darstellungen der Angeklagten widerspricht eine Polizistin, die an diesem Abend am Tatort war. Sie habe in ihrer ganzen Laufbahn noch nie so verängstigte Personen gesehen. Die beiden hätten die pure Angst in den Augen gehabt. Zudem hatte eines der Opfer eine Beule am Kopf.

(mit Material von der sda)

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