Zuerst ging es aufwärts. Simone Leu* schloss ihr Studium mit einem Master in Zellbiologie ab, begann zu doktorieren. Das erklärte Ziel: Karriere machen. Dann der Wechsel in die Wirtschaft. Dort merkte sie bald: An einem Tag ging es extrem gut, am anderen kehrte es sich ins Gegenteil.

Dass sie krank war, ahnte Leu damals nicht. Sie wusste sich auch zu helfen. Sobald sie an ihre Grenzen stiess, wechselte sie die Stelle. Beim neuen Arbeitgeber dauerte es keine zwei Jahre, dann holte sie die Krankheit ein. Leu wechselte erneut.

Bei ihrer letzten Stelle versuchte sie, ihr Unbehagen auszudrücken, sagte dem Vorgesetzten: «Es geht nicht mehr.» Angekommen ist die Botschaft nicht: Weil sie die Leistungen immer erbrachte, wurden ihre Klagen nicht ernst genommen.

Dann der Kollaps

Leu funktionierte im Job. Abends weinte sie, morgens kam sie nicht aus dem Bett. Mitten im Gespräch brach sie in Tränen aus. Es war ihr engstes Umfeld, welches schliesslich die Notbremse zog. Zu Recht: Der Hausarzt diagnostizierte Anzeichen einer Depression und schrieb Leu krank.

Für Psychiater Thomas Ihde ist der Fall exemplarisch. Betroffene würden oft zu lange warten, bevor sie sich Hilfe holten. «Wenn sich die Krankheit auf die Arbeit auswirkt, ist es meist zu spät», sagt er. Anzeichen seien früher erkennbar, wenn der Vater beim Essen nicht mehr rede, wenn er sich von seinen sozialen Kontakten zurückziehe.

Früherkennung sei wichtig, weil psychische Erkrankungen in einem frühen Stadium viel leichter zu kurieren seien, sagt Ihde. So brauche eine Person, die wegen stressbezogener Erkrankung aus dem Arbeitsleben ausschied, durchschnittlich 153 Tage, bis es ihr besser gehe.

Ihde, der die Stiftung Pro Mente Sana präsidiert, will zusammen mit Gesundheitsorganisationen und Kantonen die Gesellschaft sensibilisieren. Gestern startete er die Kampagne «Wie geht es dir?».

Zu viel kopflastige Arbeit

Zu selten werde ein psychisches Problem ernst genommen. Die Kampagne will das Tabu brechen, indem es Arbeitgebern Wege aufzeigt, eine Krankheit anzusprechen. Der Handlungsbedarf ist unbestritten: Jede zweite Person erkrankt in ihrem Leben an einer psychischen Störung.

Ihde sagt, dabei handle sich um «keine effektive Zunahme» der Erkrankungen. Weil Menschen heute mehr mit dem Kopf arbeiteten und stärker sensibilisiert seien, würden Depressionen häufiger festgestellt. Die Erkrankungen sollen aber früher erkannt werden – nicht erst, wenn die Leistung abnimmt.

Leu sagt, sie wolle mit ihrer Geschichte mehr Verständnis für psychische Krankheiten schaffen : «Es geht um Menschen wie du und ich. Jeder kann krank werden.» Und sie zeigt auch, dass Genesung möglich ist. Die heute 33-Jährige suchte nach der Therapie ihren eigenen Weg, wechselte das Berufsfeld radikal. Laut Ihde ist genau die Rückkehr ins Berufsleben zentral für die Genesung.

* Name von der Redaktion geändert