Organhandel
Swisstransplant: Ein Organ pro Woche - aus dem Kosovo?

Die unbestätigten Vorwürfe illegalen Organhandels unter dem Kosovo-Präsidenten Hashim Thaci sorgen weltweit für Empörung. Auch die Nationale Stiftung für Organspende Swisstransplant erhielt dubiose Angebote aus dem osteuropäischen Raum.

Vasilije Mustur
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Transplantation

Transplantation

Keystone

«Bis Ende 2008 erhielten wir pro Woche eine Email mit dubiosem Inhalt.

Darin wurden Organe jeglicher Art angeboten», bestätigt Franz Immer, Präsident der Nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation Swisstransplant im Gespräch mit der az.

100000 für eine Niere

Die Angebote stammten laut Immer meist aus dem Osteuropäischen Raum.

Aus welchen Ländern die Angebote kommen, sagt Swisstransplant nicht. Der geforderte Preis betrug 100000 Franken - pro Organ. Swisstransplant meldete solch dubiose Angebote periodisch dem Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Immer bezeichnet den illegalen Handel mit Organen als «humanitäre Katastrophe».

Nur wenig könne gegen diese «mafiösen Strukturen» getan werden. Das sei frustrierend, vor allem deshalb, weil die Nachfrage nach Nieren «immens» sei.

800 Menschen in der Schweiz warten auf eine Niere

Allein in der Schweiz würden zwei Drittel aller Transplantationspatienten auf eine Niere warten. «Derzeit sind das 800 Menschen», weiss Immer.

Darum geht es bei den Vorwürfen gegen den kosovarischen Präsidenten

Die Vorwürfe sind ungeheuerlich: FDP-Ständerat und Sonderemittler des Europareates Dick Marty wirft dem kosovarischen Präsidenten Hashim Thaci vor, Teil eines illegal, international tätigen Organhandels zu sein. Dabei sollen während dem Kosovo-Krieg serbischen Kriegsgefangenen gegen deren Willen die Organe entnommen und danach westlichen Krankenhäusern angeboten worden sein.

Zudem hat der Präsident von Swisstransplant eine weitere Erklärung für die hohe Nachfrage nach Nieren. «Nach der Entnahme einer Niere bleiben bis zu 48 Stunden Zeit, um das Organ zu transportieren und dem Empfänger zu implantieren».

Zum Vergleich: Beim Herzen haben die Spezialisten nach dem Zusammenbruchs des Kreislaufs vier Stunden Zeit, das Organ zu entnehmen und zum Spender zu transportieren. Bei Lunge und Leber beträgt dieses Zeitfenster zwischen sechs bis zehn Stunden.

Ausländische Organe nur in Ausnahmefällen

Da Nieren auch «technisch leicht» entfernbar seien, würden die kriminellen Organisationen den Handel mit Nieren bevorzugen.

Ausserdem hält eine Niere nach erfolgreicher Implantation bei idealem Heilungsverlauf bis zu 20 Jahre. Dies mache der Handel mit Nieren noch attraktiver.

Die Frage des Transports sei auch ein Grund dafür, dass 95 Prozent aller Organe hierzulande aus der Schweiz stammen.

Grenzüberschreitende Organe würden lediglich ausgetauscht, wenn sich auf dem «Heimmarkt» kein passender Spender finden lasse.

Swisstransplant überwacht Warteliste

Derweil führt Immer aus, dass der Ablauf von Transplantationen stets derselbe sei.

Patienten die ein Organ benötigen, würden in den Transplantationszentren evaluiert und im Swiss Organ Allocation System auf die Warteliste gesetzt.

Sensible Daten gespeichert

Auf dieser von Swisstransplant überwachten Liste sind neben den Empfängern auch die Organspender erfasst.

Die Daten umfassen Name, Krankengeschichte, Alter, Grösse, Blutgruppe und Gewicht der jeweiligen Personen. «Die Namen werden anonym behandelt. Nur Swisstransplant und die involvierten Spenderzentren kennen die Namen der Organspender bzw. der Empfänger», sagt Immer.

Findet das System eine Übereinstimmung, werden laut Immer klare Richtlinien umgesetzt.

So müssen bei einer Todspende zwei unabhängige Fachärzte den Hirntod des Patienten bestätigen, damit es zur Organspende kommen kann.

Organe müssen bei Transport kühl sein

Liegt die Einwilligung des Verstorbenen oder dessen Angehörigen vor, wird der Spender Swisstransplant gemeldet, alle Angaben überprüft und daraufhin erfolgt die Zuteilung der Organe auf der Warteliste.

Daraufhin muss der Transport in das Krankenhaus des Spenders unter idealen Bedingungen stattfinden. «Das Organ wird mit Hilfe einer speziellen Flüssigkeit auf zwei bis fünf Grad heruntergekühlt», sagt Immer. Trifft das Spenderorgan ein, findet die Operation statt.

Neun Personen in Operationssaal anwesend

Während dieser sind laut Immer neben drei bis vier Chirurgen, auch der Transplantationskoordinator, ein Narkoseteam von bis zu zwei Personen und mindestens zwei Operationsmitarbeiter, die den Ärzten die Instrumente reichen, beteiligt.

Diese Teamgrösse ist bei der Entnahme des Organs ebenfalls nötig. «Bei beiden Eingriffen müssen sterile Bedingungen herrschen».

Ultraschalluntersuchung ist zwingend

Darüber hinaus müssen die Ärzte mit Hilfe des Labors testen, ob eine Infektion auf den Empfänger ausgeschlossen werden kann. Auch die Blutgruppe wird noch einmal überprüft.

Zuletzt wird mittels Ultraschall vor dem Eingriff überprüft, in welchem Zustand sich das Organ befindet. «Diese Ultraschall-Untersuchung ist zwingend», sagt Immer.

Nur Ärzte mit jahrelanger Erfahrung operieren

Der Swisstransplant-Präsident bestätigt ausserdem, dass nur Ärzte mit jahrelanger Erfahrung und entsprechender Ausbildung solche Operationen durchführen könnten. «In der Regel haben diese Ärzte eine mindestens zehnjährige Ausbildung genossen und führen diesen Eingriff wie eine Routineoperation durch. Der Spender wird wie nach einem normalen Eingriff, wieder verschlossen und für allfällige Aufbahrung zurechtgemacht».

Es geht auch ohne sterile Bedingungen

Allerdings räumt Immer ein, dass die Organe auch unter ungünstigen Bedingungen entnommen werden können. «Theoretisch genügen ein Tisch, Desinfektionsmittel und ein Skalpell».

Hat Thaci mit Organen gehandelt?

Zur Erinnerung: FDP-Ständerat und Sonderermittler des Europarates Dick Marty wirft dem aktuellen kosovarischen Präsident Hashim Thaci vor, in den illegalen Handel mit Organen verwickelt zu sein.

Dabei sollen im Kosovo-Krieg in einem Gebäude serbischen Gefangenen gegen deren Willen Organe entnommen worden sein.

Danach wurden die Organe laut dem Marty-Bericht westlichen Spitälern angeboten.

Inzwischen erhielt Swisstransplant seit zwei Jahren keine anonymen Kaufangebote für Organe mehr.

Dies führt Immer auf den «offensiven Kampf» gegen den illegalen Organhandel zurück.«Aber auch auf vermehrten Schutz durch Spamfilter, welche ungewöhnliche Absender ausfiltern».