Swisscontact ist der stille Riese der Schweizer Entwicklungshilfe. Die Stiftung hat ein Jahresbudget von rund 100 Millionen Franken. Trotzdem ist sie in der Öffentlichkeit kaum bekannt, weil sie anders als die meisten Hilfsorganisationen keine Spendensammelaktionen durchführt. Samuel Bon leitet die Geschicke der Stiftung seit 2011. Am Rande der Feier zum 60. Geburtstag von Swisscontact nahm sich der 50-Jährige Zeit für unsere Fragen.

Swisscontact will Entwicklungsländer mit technischer Unterstützung voranbringen. Hat die Stiftung ihren Job nicht gemacht, oder wieso gibt es sie nach 60 Jahren immer noch?

Samuel Bon: Wir haben unsere Arbeit sehr gut gemacht. Aber wirtschaftliche Entwicklung verläuft nie linear. Es gibt immer wieder Rückschläge und neue Probleme, die man lösen muss. Wir müssen unsere Arbeitsweise ständig diesen neuen Problemen anpassen, damit wir eine relevante Rolle in der Entwicklungszusammenarbeit spielen können.

Um diese Rolle zu spielen, sind Sie vom Staat abhängig. 2017 erhielten Sie 41 Millionen von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit; deutlich mehr als etwa das Rote Kreuz (15 Millionen) oder Caritas (14 Millionen). Wie rechtfertigen Sie das?

Das sind alles Gelder für Mandate, die öffentlich ausgeschrieben werden. Die Schweiz ist das einzige Land der Welt, das seine Entwicklungszusammenarbeit nach den Regeln der Welthandelsorganisation WTO organisiert. Konkret heisst das, dass auch ausländische Organisationen beim Wettbewerb um Entwicklungszusammenarbeits-Aufträge mitmachen können. Wer das beste Angebot macht, gewinnt.

Die anderen Organisationen sind ja auch keine Anfänger. Trotzdem kriegte nur eine – die Helvetas – noch mehr Deza-Gelder als Sie.

Das lag auch daran, dass unsere Kernthemen Berufsbildung und Wirtschaftsförderung an Bedeutung gewonnen haben. Zudem sind das Rote Kreuz oder Caritas Mitgliederorganisationen, die viele private Spenden erhalten. Swisscontact zapft diesen Spendenpool nicht an. Für uns sind die öffentlichen und privaten Aufträge das Hauptgeschäft.

Der Markt ist hart umkämpft. Eine erfolgreiche Organisation wie Swisscontact muss viele Neider haben.

Im Gegenteil. Wir arbeiten oft in Partnerschaft mit anderen Organisationen. Zudem ist der Wettbewerb wichtig und richtig.

Manche Organisationen fallen diesem Wettbewerb derzeit gerade zum Opfer. Das Hilfswerk Heks baut sechs, Terre des Hommes gar 60 Stellen ab. Worauf führen Sie diese Krise zurück?

Die Anforderungen an die Entwicklungszusammenarbeit sind gestiegen: Projekte sind komplexer geworden, der Kostendruck nimmt zu und immer mehr Organisationen müssen sich um etwa gleichbleibende Spendenvolumen bemühen. Das ist planerisch sehr anspruchsvoll.

Terre des Hommes und das Heks haben sich also schlicht überschätzt?

Das zu beurteilen, steht mir nicht an. Was man sicher festhalten muss, sind die steigenden Risiken in Entwicklungsprojekten. Immer mehr Projekte müssen abgebrochen werden wegen korrupter Systeme oder politischer Spannungen und Sicherheitsrisiken. Ich kann mir auch vorstellen, dass kirchliche Hilfswerke wie das Heks, die ihre Projekte teilweise über Kollekten finanzieren, mit den sinkenden Kirchgängerzahlen zu kämpfen haben.

Aussenminister Ignazio Cassis will die Entwicklungshilfe umkrempeln. Staatliche Entwicklungsgelder sollen in Zukunft mehr den Schweizer Eigeninteressen dienen. Wird da nicht etwas gar heftig an den Grundpfeilern der humanitären Tradition gesägt?

Nein. Wenn unser Aussenminister die Interessen der Empfängerländer mit unseren eigenen Interessen abwägen will, dann ist das sehr verständlich. Letztlich muss die Bevölkerung in unserem Land hinter dem Engagement der Schweiz für die Entwicklungshilfe stehen. Bundesrat Cassis möchte eine umfassende Vernehmlassung in der Politik und der Wirtschaft. Nur so werden wir auch in Zukunft einen politisch breit abgestützten Auftrag haben. Trotzdem müssen wir Freiheiten bei der Umsetzung unserer Aufträge behalten können.

Welche Freiheiten denn?

Die Schweiz machte immer eine sehr sachbezogene, technische Entwicklungshilfe. Das gibt uns in den Empfängerländern viel Glaubwürdigkeit. Man nimmt uns als neutrale, kompetente Menschen wahr, die Know-how transferieren. Das dürfen wir keinesfalls opfern.

Sie schauen den Veränderungen gelassen entgegen. Dabei machen Bundesbeiträge drei Viertel Ihres Budgets aus. Cassis’ Änderungswünsche müssen Ihnen doch Bauchkrämpfe bereiten?

Es ist schon möglich, dass wir in Zukunft weniger Geld vom Bund erhalten. Aber wir sind ja nicht hier, um möglichst gross zu sein. Wenn wir mal weniger Projekte haben oder kleiner werden, dann ist das nicht per se ein Problem.

Viele Ihrer Projekte nützen der Schweiz auf den ersten Blick wenig. Oder wie passt Tourismusförderung im Kosovo mit dem Wunsch des Bundesrats nach mehr Eigennutz in der Entwicklungshilfe zusammen?

Der Tourismus ist eine Industrie, die enorm viele Arbeitsplätze schafft. Die Schweiz ist das beste Beispiel dafür. Als die Webereien im Alpenraum und die Fabriken im Glarnerland schliessen mussten und das Gebiet deindustrialisiert worden ist, hat man auf den Tourismus gesetzt. Wenn wir wollen, dass die Leute im Kosovo Arbeit finden und nicht migrieren müssen, dann macht Tourismusförderung sehr viel Sinn.

In der Öffentlichkeit sind Sie für eine Organisation mit einem Budget von 100 Millionen Franken kaum bekannt. Ist das eigentlich Absicht oder schlicht zu passive Kommunikation?

Wir arbeiten primär mit institutionellen Geldgebern, mit Stiftungen und Firmen. Wir machen aber keine Spendenkampagnen und verschicken vor Weihnachten auch keine Spendenaufrufe. Deswegen kennt man uns in der Öffentlichkeit kaum. Wir haben auch keine Mitgliederbasis, wie das Vereine wie der WWF oder Amnesty International haben.

Diese Strategie dürfte sich unter dem neuen Entwicklungshilfe-Regime in Zukunft als schwierig herausstellen.

Wir können gut damit leben, nicht im Rampenlicht zu stehen. Ich vergleiche unsere Situation gerne mit der Autoproduktion. Wenn Sie einen Audi fahren, dann hat es in diesem Auto ganz viele Bestandteile von Zulieferern, deren Namen sie nicht kennen, ohne deren Teilchen ihr Audi aber nie fahren würde. Wir sind in der Entwicklungszusammenarbeit ein Zulieferer der Grossen. Die müssen uns kennen, aber nicht unbedingt jeder Bürger.

Die Redner an der Swisscontact-Geburtstagsfeier forderten dennoch, dass die Organisation aktiver werden muss punkto Kommunikation. Verhallt dieser Wunsch also ungehört?

Nein. Wir wollen bei anderen Firmen und in der Privatwirtschaft bekannter werden. Da werden wir unsere Hausaufgaben machen müssen.

Nötig werden dürfte das vor allem dann, wenn die SVP ihre Drohung wahrmacht und eine Volksinitiative lanciert, mit der sie eine Milliarde Franken aus dem Entwicklungsbudget in die AHV-Kassen umleiten will. Haben Sie Verständnis für diese Forderung?

Das ist nicht zielführend, weder für die Entwicklungshilfe noch für die AHV.

Immer lauter werden die Rufe nach nachhaltigerem Handeln. Sie haben 1400 Mitarbeitende auf der ganzen Welt, die unzählige Feldbesuche und Meetings absolvieren. Kompensiert Swisscontact deren Flüge?

Noch nicht.

Warum nicht?

Wir wollen zuerst herausfinden, wie wir als Organisation wirklich nachhaltiger werden können. Das ist gar nicht so einfach. Deshalb haben wir ein Umweltkomitee gegründet, das alle Optionen unter die Lupe nimmt: unseren Wasserverbrauch, unsere Flüge, unsere Abfalltrennung. Wir haben neue Instrumente eingeführt für virtuelles Zusammenarbeiten, damit wir nicht mehr für jede Sitzung um die halbe Welt fliegen müssen. Bis in einem Jahr wollen wir unsere Flüge kompensieren.

Und der Swisscontact-Chef, kompensiert der seine privaten Flüge?

Im strengen Sinne nein, jedoch fliege ich privat sozusagen nie und mache fast ausschliesslich in der Schweiz Ferien.

Sie waren als Entwicklungshelfer unter anderem im Kongo, in Afghanistan und im Süd-Sudan. Das sind alles Länder, in denen die Menschen – trotz ausländischer Entwicklungshelfer – unter zunehmend schlechteren Lebensbedingungen leiden. Zeigen diese Länder nicht, dass Entwicklungshilfe letztlich gar nichts bringt?

Das ist ein Trugschluss. In diesen Ländern findet keine Entwicklungszusammenarbeit statt, da gibt es nur humanitäre Nothilfe. Die humanitäre Hilfe arbeitet nicht mit den politischen Systemen vor Ort zusammen, sondern umgeht sie, um den Menschen direkt zu helfen. Das rettet zwar Leben, ändert an der Situation an sich aber nichts. Diesbezüglich steckt die humanitäre Hilfe tatsächlich in einem Dilemma, weil sie die wirtschaftliche Entwicklung der Länder blockiert, in denen sie ohne Einbezug der oft korrupten, kriegerischen Regierungen Menschenleben rettet.

Anders gesagt: Länder wie der Kongo oder Süd-Sudan sind aus entwicklungspolitischer Sicht verloren.

Nein, das sind sie nicht. Im Ost-Kongo hat Swisscontact ein neues Berufsbildungs-Projekt lanciert. Wir müssen es schaffen, viel mehr Entwicklungsansätze in die humanitäre Hilfe einzubringen, indem wir bedürftigen Personen nicht nur Güter oder Dienstleistungen geben, sondern sie beispielsweise handwerklich ausbilden.