Urs Wüthrich
SVP will Wüthrich die Bildung entreissen

Die Baselbieter Stellungnahme zum gemeinsamen Lehrplan der Deutschschweizer Kantone lädt die SVP gleich zu einer Doppelattacke ein: auf die Gleichstellung und auf Urs Wüthrich.

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Urs Wüthrich

Urs Wüthrich

bz Basellandschaftliche Zeitung

Jürg Gohl

Den Regierungsrat der «gegenüberliegenden» Partei zum Rücktritt aufzufordern, das gehört zum politischen Hickhack. Je nach Vorwurf entlockt dies dem angegriffenen Exekutiv-Mitglied auch nur ein Lächeln. Doch nun verlangt die Baselbieter SVP, dass die Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion Urs Wüthrich, ihrem jetzigen Vorsteher, entrissen und einem anderen Mitglied der Regierung anvertraut wird.
Natürlich weiss man in der SVP, dass die Baselbieter Regierungsmitglieder die fünf Direktionen jeweils zu Beginn einer neuen Legislatur nach altbewährtem Muster unter sich aufteilen und das Parlament dazu überhaupt nichts zu sagen hat. «Sicher ist deshalb unsere Forderung nach einem Wechsel eher eine Provokation», sagt Paul Wenger, Reinacher SVP-Landrat, Mitglied der Bildungs-, Kultur- und Sportkommission und zudem Lehrer. «Aber die Aufforderung wird zumindest dazu führen, dass alle grundsätzliche Gedanken zum Zustand der Baselbieter Bildungsdirektion anstellen werden.»

SVP will andere Prioritäten

Dort nämlich würden sich «unzählige offene Baustellen, ungelöste Geschäfte und irritierende Entscheidungen» reihen, schreibt die SVP in einer Interpellation. In ihrer Anfrage bringt die Rechtspartei ihr höchstes Befremden über die Baselbieter Stellungnahme zum Lehrplan 21 zum Ausdruck. Sauer aufgestossen ist ihr vor allem, dass Wüthrichs Direktion anregt, «Genderkompetenz», die Gleichstellungsthematik, als überfachliches Thema in den gemeinsamen Deutschschweizer Lehrplan zu integrieren.

«Unsere Schulen liegen innerhalb der Schweiz in der Mathematik unter dem Durchschnitt», sagt Wenger mit Blick auf die Baselbieter Resultate in der Pisa-Studie von 2006. Diese stellt auch einen überraschend hohen Anteil an Baselbieter Schüler und Schülerinnen fest, die am Ende der Sekundarschule 1 eine ungenügende Lesekompetenz aufweisen. «Wir brauchen also mehr Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaft. Das hat Priorität. Von Mängeln in der Genderkompetenz habe ich in dieser Studie jedenfalls nichts gelesen.»

Gleichstellung ins Visier genommen

Für Karl Willimann, Wengers Parteikollegen, Präsidenten der Bildungskommission und einst unterlegenen Kämpfer gegen das Baselbieter Büro für Gleichstellung, ist die Gender-Angelegenheit ein weiteres Indiz für die «verfahrene Situation auf dieser Direktion». Denn Willimann ist überzeugt, dass Wüthrich diesen Aspekt nie in seine Vernehmlassungsantwort eingebaut hätte. Seine Überzeugung: Der Aspekt «Genderkompetenz» wurde ohne Wissen des BKSD-Chefs in die Stellungnahme aufgenommen. «So gut kenne ich Wüthrichs Prioritäten», sagt Willimann und stellt in Abrede, dass es sich hier um einfach um eine weitere SVP-Soloattacke gegen den von ihr ungeliebten SP-Regierungsrat handelt.

Die FDP scheint ins gleiche Horn zu stossen. Zumindest rief der von FDP-Landrätin Bea Fünfschilling präsidierte Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland (LVB) kürzlich wörtlich den «Notstand» für die Baselbieter Bildungslandschaft aus, was prompt zu einer geharnischten Reaktion von Urs Wüthrich führte.

Wüthrich will Direktion behalten

Der angegriffene Regierungspräsident nimmt die Aufforderung, seine Bildungsdirektion in andere Hände zu legen, gelassen. «Diese Forderung hat keine Basis. Schliesslich gibt es keinen Skandal», sagt er. Im Gegensatz zur Attacke gegen seine Person will sich Wüthrich aber «sehr ernsthaft» mit dem Angriff auf die «Genderkompetenz» auseinandersetzen. Diese wurde auf Anregung des - von der SVP einst angegriffenen - Gleichstellungsbüros bewusst in die Baselbieter Stellungnahme zum Lehrplan 21 aufgenommen. Die Anregung aus dem Büro, das nicht Wüthrich, sondern Finanzdirektor Adrian Ballmer untersteht, wurde von so zentralen Vereinigungen wie dem LVB, den Schulräten und dem Bildungsrat abgesegnet. Im Bildungsrat sitzt auch die SVP. Die «Genderkompetenz» sei im wichtig, denn sie führe, sagt Wüthrich, etwa dazu, dass «wir bald mehr Ingenieurinnen haben».

Innerhalb der Regierung habe er nie Anzeichen wahrgenommen, die auf eine Direktionsrochade hinweisen. «Ich möchte die BKSD behalten, weil sie, abgesehen von solchen Interpellationen, viel Spannendes und sehr viel Positives bietet.»