Nur gerade zweimal erwähnt die SVP im aktuellen Parteiprogramm von 2015 bis 2019 den Begriff «Heimat». Beide Male geht es nicht um die Heimat von Schweizern, sondern um jene von Asylbewerbern. Die Schweiz habe seit je Menschen aufgenommen, die in ihrer Heimat verfolgt waren, heisst es an einer Stelle. Und an einer anderen: Personen mit abgelehntem Asylgesuch müssten rasch in ihre Heimat zurückgeschickt werden.

Diese Einseitigkeit ändert sich mit dem neuen Parteiprogramm von 2019 bis 2023, das zurzeit erarbeitet wird und im Herbst vor die Delegiertenversammlung kommen soll. Das Kapitel «Wir sind Heimat» erhält dabei einen Logenplatz. «Heimat ist das Fundament des neuen Programms», sagt Nationalrat Peter Keller. Er ist als neuer Programmchef dafür verantwortlich und setzt gleich Akzente. «Für uns steht Heimat für den Zusammenhalt der Schweiz», sagt er – und sieht die Schweiz als Klammer für 26 Kantone.

Keller spricht vom «Lagerfeuer, an dem alle Platz haben, die dabeisitzen wollen», wie er betont: «Bergler wie Städter, Deutschschweizer wie Westschweizer oder Tessiner.» Jeder, der zur Schweiz stehe und ihre Werte lebe, sei Teil dieser Gemeinschaft. «Es gibt viele Secondos und Zugewanderte, die viel bessere, viel bewusstere Schweizer sind als manche Huber oder Müller», sagt er. «Diese leben zwar seit Generationen hier, machen aber ständig die Schweiz schlecht, lassen sich lieber fremdbestimmen und verraten unsere direkte Demokratie.»

Ein Paradigmawechsel

Keller initiiert damit einen Paradigmawechsel, der in der SVP selbst noch zu reden geben dürfte. Nicht mehr in erster Linie die Herkunft entscheidet darüber, wie willkommen jemand am Heimat-Lagerfeuer der SVP ist. Mindestens genauso wichtig soll künftig die Identifikation der Menschen sein mit der Schweiz und mit ihren Werten. Damit öffnet sich die SVP sehr bewusst Zugewanderten gegenüber. Sie versucht, neue Wählersegmente zu erschliessen. Segmente, um die sich bislang vor allem SP, Grüne und CVP bemüht hatten.

Dass am Lagerfeuer der SVP auch Muslime Platz haben, ist für Keller klar. Zur Schweiz gehöre die Religions- und Glaubensfreiheit, solange diese nicht im Widerspruch stehe zu den Werten, «die unser Staatsverständnis und unsere Rechtsordnung prägen», heisst es dazu im Heimat-Kapitel. Keller fordert deshalb: «Jeder, der in der Schweiz lebt oder leben will, hat diese gewachsene Kultur zu respektieren.»

Die Doppeladler-Diskussion um die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft ist für ihn ein Beispiel für diese Problematik. Die Identifikation der Nationalspieler müsse über das Schweizerkreuz geschehen, sagt er, und spricht die Jubelszenen von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri mit dem Doppeladler an nach ihren Toren im Spiel gegen Serbien. «Als Nationalspieler müssen sie den Doppeladler in der Garderobe abgeben», sagt er. Xhaka und Shaqiri hätten Schweizer, vor allem Schweizer mit serbischen Wurzeln, vor den Kopf gestossen. «Diesen hochgiftigen Balkan-Nationalismus brauchen wir in der Schweiz nicht.»

Die Schweiz habe nie einem Blut- und-Boden-Nationalismus gehuldigt, steht im Heimat-Kapitel. «Die Schweiz war nie eine Monarchie, sie ist nie einem Diktator hinterhergerannt, noch hat sie sich von den mörderischen Utopien des Sozialismus blenden lassen.» Es sei dieser «Widerwille gegen jede Form der Bevormundung», der die Schweiz zu dem gemacht habe, was sie heute sei: ein Staat und eine Idee mit hoher Integrationskraft.

Das Bundeshaus als Symbol

Um sich dem Heimat-Begriff anzunähern, stützt sich SVP-Nationalrat und Historiker Keller erstaunlich stark auf die Zeit nach der Gründung der modernen Schweiz von 1848. Als katholischen Nidwaldner beeindruckt ihn, dass die protestantischen Gewinner des Sonderbundskrieges gänzlich auf Sieger-Symbolik verzichteten. Religiöse Symbole sind im Parlamentsgebäude, dem zentralen Teil des Bundeshauses, keine zu finden.

Architekt Hans Wilhelm Auer bemühte sich beim Bau des Parlamentsgebäudes zwischen 1892 und 1902 darum, die katholischen Verlierer und ihre wichtigsten geschichtlichen Mythen im Bundeshaus und damit im neuen Staat zu integrieren: Wilhelm Tell, Arnold von Winkelried, Bruder Klaus. Er habe eine Art Nationaldenkmal schaffen wollen, «ein Symbol schweizerischer Einheit und Einigkeit», schrieb Auer damals. Viele dieser Symbole im Bundeshaus hat Keller in sein Heimat-Kapitel übernommen. Wie die Symbolik der Schweiz, die von 26 Kantonen umgeben ist, wie sie sich unter der Kuppel zeigt. Oder die Figuren der alten Eidgenossenschaft: Tell stehe für das «Recht auf Widerstand», Winkelried für das eidgenössische Prinzip «Einer für alle, alle für einen» und Bruder Klaus für eine «Schweiz der Selbstbescheidung». Heute hat das Bundeshaus mit 100 000 Besuchern pro Jahr eine sehr hohe Anziehungskraft. Wer während einer Session eine Führung und ein Treffen mit einem Parlamentarier buchen will, muss sich über sechs Monate im Vorfeld darum bemühen.

Im Heimat-Kapitel zeigt Keller einen vielfältigen Heimat-Begriff auf. Als wichtigstes Fundament bezeichnet er die Familie mit Vätern und Müttern, die ihre Kinder erziehen und ihnen Schweizer Werte vorleben. Väter und Mütter werden im Plural genannt, was nichts weniger bedeutet, als dass auch homosexuelle Paare eingeschlossen wären. Auch Natur, Traditionen, Brauchtum, Geschichte und das Milizsystem werden als Eckpfeiler des SVP-Heimat-Begriffs bezeichnet.

Keller stellt auch Forderungen auf. Etwa jene nach einer intakten Landschaft, die zur Heimat gehöre. Er folgert: «Wir tragen Sorge zur Kulturlandschaft und Natur.» In zwei Punkten betreffen die Forderungen die Schule. Sie soll «die positive Identitätsbildung» des Landes im Unterricht «wieder ins Zentrum rücken». Gemeint sind neben «Heimatkunde» der Wille zur Selbstbestimmung, Neutralität und direkte Demokratie. Gleichzeitig will die SVP, dass die Schüler in der Primarschule die Nationalhymne lernen – in Text wie Gesang.

Eine Forderung, aus der eine Unzufriedenheit herauszulesen ist, dass die Hälfte der Fussball-Nati-Spieler die Nationalhymne nicht mitsingt.