Fettnäpfchen
SVP-Politikerin teilt Blaufahrt auf Facebook mit und regt sich über Polizei auf

Erst frisch ins Wiler Stadtparlament eingezogen, stolpert Sarah Bösch bereits über die Social-Media-Kanäle: Die SVP-Politikerin ist unter Alkoholeinfluss gefahren – und beschwert sich auf Facebook darüber, dass sie zur Blutentnahme ins Spital musste.

Rafaela Roth, watson.ch
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SVP-Politikerin Sarah Bösch gerät mit 0.7-0.8 Promille in Polizeikontrolle und lässt sich dann auf Facebook über die «schockierende Bürokratie» der Polizisten aus.

SVP-Politikerin Sarah Bösch gerät mit 0.7-0.8 Promille in Polizeikontrolle und lässt sich dann auf Facebook über die «schockierende Bürokratie» der Polizisten aus.

facebook.com

Es ist Sonntagabend und die Wiler Stadtparlamentarierin Sarah Bösch kann nicht fassen, wie ihr geschieht: «Wegen 0,++ (wahrscheinlich über 0,5) Promille muss ich ins Spital Blut abnehmen. Ich fühle mich munter, frisch, spüre null Promille!», postet die 33-jährige Ostschweizerin auf Facebook.

Die SVP-Politikerin ist also angetrunken hinter dem Steuer in eine Polizeikontrolle geraten und ist dann «unglaublich geschockt», dass sie auf den Posten muss, um eine Blutprobe abzugeben: «Werde von SG-Polizisten begleitet wie ein Sträfling. Unglaublich, bin geschockt! Krasse Bürokratie», entrüstet sie sich.

Zunächst kommentieren Böschs wohlmeinende Freunde ihren Facebook-Eintrag: «Diesen Beitrag hätte ich mir gespart, Frau Bösch. Kommunikationsberatung», schreibt einer.

Die zynischen Kommentare folgen bald darauf: «Wenn es einen selbst betrifft, ist ein Scheiss-Gesetz oder Scheiss-Bürokratie. Falls einen anderen betrifft, dann müssten die Gesetze und Polizisten härter durchgreifen», schreibt ein anderer. Ein dritter unterstellt Sarah Bösch gar «FB-Geilheit».

«Böschs Verhalten zeugt von sehr schlechtem Stil»
So oder so, Bösch lässt sich nicht beirren und knipst auch gleich noch ein Bild im Untersuchungszimmer: «Seit über 1.5 Stunden mit Polizisten beschäftigt!!!», schreibt sie dazu.

Stefan Krähenbühl, Mediensprecher der Verkehrssicherheitsstiftung Road Cross, beurteilt Böschs Verhalten auf Facebook als äusserst fragwürdig: «Als öffentliche Person mit einer gewissen Vorbildfunktion sollte man das System mittragen und es nicht auf sozialen Medien anprangern», sagt er. «Sich selber zu outen, wenn man sich als Politikerin im gesetzlichen Graubereich bewegt, zeugt ausserdem von sehr schlechtem Stil», sagt er.

Das Verhalten der Polizisten sei absolut korrekt gewesen: «Polizisten sind von Amtes wegen verpflichtet, den Promille-Wert beweissicher zu machen, wenn aufgrund des Atemtests der Verdacht besteht, dass der Promille-Wert von 0,8 überschritten wurde», sagt er.

In diesem Falle drohen nämlich nicht nur eine Busse – wie bei einem Wert zwischen 0,5 und 0,8 Promille – sondern ein Fahrausweisentzug.

Krähenbühl stellt aber auch in Aussicht: «Im Zuge des Verkehrssicherheitsprogramms ‹Via sicura› werden neue Atemlufttests eingeführt, die als beweissicher gelten», sagt er. Der Gang zum Posten für die Blutentnahme wird damit entfallen.

Sarah Bösch bleibt dabei: «Unnötige Bürokratie!»

Sarah Bösch bleibt bei ihrer Meinung: «Wenn keine Drittperson zu Schaden kam und die kontrollierte Person die Gleichgewichtsübungen ohne Mühe besteht, könnte man die Angelegenheit mit einer Busse erledigen, ohne grosse Bürokratie», findet sie. Sie habe sich gut gefühlt und wäre nie auf die Idee gekommen, zu viel Alkohol getrunken zu haben. Der Atemlufftest habe zwischen 0,7 und 0,8 Promille angezeigt.

Was die Konsequenzen ihres nächtlichen Polizeibesuchs sind, will Bösch lieber für sich behalten. Auch, ob sie ihren Führerausweis noch hat: «Ich kann es so sagen: Das Auto ist immer noch auf mich registriert», sagt sie.

Sarah Böschs Politkarriere ist noch jung. Die Betreuungs-Fachfrau ist erst seit 2011 Mitglied der SVP, seit 2012 gehört sie der Bildungskommission Schweiz an.

Im Februar flog sie SVP-Fraktionspräsident Mario Schmitt quasi nach Wil ein. Sie zog exta für das Stadtparlament von St. Gallen weg. «Wir freuen uns natürlich, dass mit Sarah Bösch weibliche Verstärkung in unsere Fraktion kommt.»

Und ja, er habe bewusst nach einer Frau gesucht, sagte er im Februar gegenüber den «Wiler Nachrichten». Schmitt stellt sich übrigens hinter seine Parteikollegin: «Natürlich müssen die Kontrollen sein, aber man muss die Betroffenen ja nicht wie Schwerverbrecher behandeln», sagt er.

Schmitt hat den Verdacht, dass die Bluttests manchmal etwas lange hinaus gezögert werden, um den Promille-Wert beweissicher zu machen: «Der Pegel kann sich während dieser Zeit erhöhen», meint er.

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