Verlierer gab es bei der Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform viele. Die Wirtschaftselite, der Bundesrat, die Mehrheit des Parlaments und 40,9 Prozent der Stimmbevölkerung. Und die Verlierer suchten in den letzten Tagen medienwirksam nach Gründen für die Niederlage, nach Lösungen für die Situation. Nur einer blieb dabei unsichtbar im Hintergrund, obwohl er am Sonntag gleich doppelt verloren hat: Alexander Segert.

Der Hamburger, der seit 30 Jahren in der Schweiz lebt und nach beruflichen Zwischenstopps als Lehrer und Journalist erfolgreich in der PR-Branche durchgestartet ist, war der kreative Kopf der Pro-USR-III-Kampagne, wie ein Vertreter des Steuerungsausschusses gestern gegenüber dem «Tages-Anzeiger» bestätigte. Die roten Plakate, auf denen das weisse Kreuz einen wohl schützend gemeinten Schatten auf die «Steuerreform» wirft, hat seine PR-Firma Goal AG entworfen. Und auch die Burka-Trägerin, die auf Plakaten im ganzen Land erfolglos vor der erleichterten Einbürgerung von Terzos warnte, entsprang einst Segerts Kreativ-Stube.

Der Mit-Fünfziger, der in den 80er-Jahren in die Schweiz kam, weil ihn die Entwicklung der EU immer mehr an die Zustände in der Sowjetunion erinnerten, hatte die schwarz gewandete Burka-Trägerin einst im Auftrag des Egerkinger Komitees entworfen und der Gruppe damit ein flexibles Feindbild für ihre Minarett-Initiative geliefert.

Vorwurf Faschismus

Seit den ersten Auftritten auf den Minarett-Plakaten hat die Burka-Trägerin ihren verhüllten Kopf immer wieder für politische Bedürfnisse rechtskonservativer Gruppen hinhalten müssen: Sie warb für den Stopp der Masseneinwanderung, gegen die erleichterte Einbürgerung und aktuell für die Verhüllungsverbots-Initiative, die im Sommer eingereicht werden soll. Anders als in den 20er- und 30er-Jahren, als der kapuzentragende Tell als Ikone rechter Politikkreise die Plakatkampagnen eroberte, ist das neue Vorzeigebeispiel der rechten Szene also weiblich und waffenlos. Gleich bleibt – ironischerweise – die fremdländische Urheberschaft. Tell entsprang der Feder des Deutschen Friedrich Schiller, das Burka-Poster-Girl dem Designprogramm des Deutschen Alexander Segert.

Am Sonntag aber hats für einmal nicht geklappt mit der politischen Krönung von Segerts kreativer Leistung. Die erleichterte Einbürgerung ist durchgekommen, die Steuerreform nicht. Segert hat verloren. Hat sein Stil ausgedient? Ist die Erfolgswelle der schwarz-weiss-roten Brutal-Politur seiner Plakate vorbeigeschwappt, nachdem sie die Schweiz jahrelang erfolgreich überschwemmte? Segert, der sich als Vizepräsident der Ortspartei Andelfingen auch in der Freizeit für die SVP engagiert, hatte mit seinen Entwürfen zu den Abstimmungserfolgen bei der Ausschaffungsinitiativen (2010), für das Minarett-Verbot (2010), gegen die 1:12-Initiative (2013), gegen die Aufhebung der Wehrpflicht (2013) und für den Stopp der Masseneinwanderung (2014) wesentlich zur Dominanz der rechten Themen in der öffentlichen Wahrnehmung beigetragen.

Äussern will sich Segert dazu nicht. Eine Anfrage der «Nordwestschweiz» blieb unbeantwortet. Unbestritten bleibt aber, dass Segert es geschafft hat, die Bildsprache des rechten Randes in den politischen Mainstream zu rücken und die Kampfrhetorik aus fast vergessenen Zeiten in Form von Plakatwänden in unseren Alltag zu bugsieren. Dass ihm politische Gegner und professionelle Konkurrenten deshalb faschistische Tendenzen vorwerfen, stört ihn nicht weiter. Die Vorwürfe zeigten nur, dass die Gegner keine Argumente mehr hätten, sagte Segert der «Financial Times». Und dass die nationalkonservative deutsche Partei NPD sein kickendes Schäfchen-Motiv, das er für die SVP-Ausschaffungsinitiative kreiert hatte, für eine eigene Kampagne übernehmen wollte, das zeige schlicht, dass sein Motiv funktioniert habe.

Kontakte zur AfD?

Die radikale Zuspitzung der Themen, die seinen Kampagnen stets zugrunde liegt, die sei nötig, um überhaupt die Aufmerksamkeit der Leute zu gewinnen, glaubt der PR-Profi. Man müsse Themen herunterbrechen, sie so präsentieren, dass die Leute über sie diskutierten. Die Demokratie leide an einer Verkomplizierung. Deshalb folge er konsequent dem Prinzip KISS: Keep it simple, stupid! Dass er mit seinen Zuspitzungen Angst schüre und Hass wecke, das stimme nicht. «Was nicht schon vorhanden ist, das können wir nicht wecken», sagte Segert an einer Podiumsdiskussion.

Nicht vorhanden ist Segerts Kundenliste. Er hält grundsätzlich geheim, für wen er arbeitet. Wer sich auf der Homepage des Sozialarchivs Zürich aber durch die rund 450 Plakate klickt, die Segerts Agentur entworfen hat, stolpert über viele bekannte SVP-Gesichter und -Kampagnen. Auch an der SVP-Publikation «Extrablatt» wirkt Segerts Agentur mit.

Im September tauchten ähnliche «Extrablatt»-Ausgaben plötzlich in Deutschland auf. Im Namen des Vereins zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten warben sie für die Partei Alternative für Deutschland (AfD). Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» deckte auf, dass Segerts Agentur die Bildrechte an einigen der darin abgedruckten Bilder besitzt. Segert selbst äusserte sich nicht dazu, ob er in die Werbekampagne involviert ist. Seine Teilnahme an einem Bootsausflug des AfD-freundlichen Vereins im Herbst sei nicht im Zusammenhang mit seiner Arbeit als PR-Berater gestanden.

Ob der deutsche Werber aus Andelfingen seinen Frust über die verlorenen Abstimmungen am vergangenen Sonntag mit verstärktem Engagement in seinem Heimatland kompensieren wird, bleibt abzuwarten.