Seit Wochen jagt eine Spekulation die nächste: Wer folgt auf die abtretende Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf? Klar war einzig: Die SVP erhebt, bestärkt durch das triumphale Ergebnis bei den eidgenössischen Wahlen, als mit Abstand grösste Partei des Landes Anspruch auf einen zweiten Sitz in der Landesregierung. Mit welchem Personal sie dies am 9. Dezember zu bewerkstelligen gedenkt, blieb allerdings weitgehend offen.

SVP-Fraktion nominiert Bundesratskandidaten im Dreierticket

SVP-Fraktion nominiert Bundesratskandidaten im Dreierticket

Am Freitagabend hat die SVP die Katze aus dem Sack gelassen und ihr Ticket präsentiert. An einer mehrstündigen Sitzung, an welcher nicht nur neugewählte, sondern auch abtretende Parlamentarier teilnahmen und abstimmten, wurden drei offizielle Kandidaten nominiert. Wenig überraschend schaffte es der Tessiner Norman Gobbi aufs Ticket – die SVP hatte bereits im Vorfeld angekündigt, einen Kandidaten aus jeder grossen Sprachregion zu berücksichtigen.

Spannender waren die anderen beiden Plätze. Geschafft haben es der Waadtländer Guy Parmelin und der Zuger Thomas Aeschi. Während Gobbi und Parmelin im internen Verfahren bereits im ersten Wahlgang das absolute Mehr erreichten, musste Aeschi über fünf Runden gehen. Erst dann setzte er sich mit 44 Stimmen gegen den Bündner Heinz Brand (37 Stimmen) durch.

Parteien schweigen

Mit dem Entscheid von Freitag sind die drei Papabili der Wahl ins höchste Politgremium der Schweiz zwar einen Schritt näher gekommen, entscheidend ist aber das Votum der Vereinigten Bundesversammlung. Wie Exponenten verschiedener Parteien antönten, sind die Vorbehalte gegenüber SVP-Vertretern grundsätzlich gross. Am deutlichsten zeigen dies die Grünen: Sie wählen keinen Kandidaten der SVP. Dies, weil sie der Partei vorwerfen, die verfassungsmässigen Grund- und internationalen Menschenrechte nicht zu respektieren. Das dürfte allerdings nichts an der Tatsache ändern, dass der Rest der Bundesversammlung der SVP diesmal den zweiten Sitz zugestehen wird – im Gegensatz zu 2011.

SVP-Bundesratskandidat Thomas Aeschi gilt nicht als Favorit

SVP-Bundesratskandidat Thomas Aeschi gilt nicht als Favorit

Wie sieht es also bei den anderen Parteien aus? Eine Umfrage der «Nordwestschweiz» bei den wichtigsten Strategen unter der Bundeshauskuppel zeigt: Die Parteien wollen sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in die Karten blicken lassen. Allesamt geben sie an, dass sie die Kandidaten nun anhören und erst dann entscheiden wollen, für wen sie sich aussprechen.

Bei der SP ist gar noch offen, ob überhaupt ein Hearing durchgeführt wird. «Wir entscheiden das am 1. Dezember», sagt SP-Präsident Christian Levrat. Damit ist noch nicht einmal klar, ob seine Partei überhaupt einen SVP-Vertreter wählen wird. Was Levrat nicht sagt: Insgeheim wünscht er sich noch immer einen Sprengkandidaten aus der Mitte.

Kein Sprengkandidat

Diese Hoffnung dürfte sich aber in Luft auflösen: Die Präsidenten von CVP, GLP und BDP gaben am Freitagabend unisono zu Protokoll, keinen Kandidaten aus den eigenen Reihen aufstellen zu wollen. «Das ist kein Thema», sagt CVP-Präsident Christophe Darbellay stellvertretend. Seine Partei anerkenne den Anspruch der SVP auf einen zweiten Sitz und werde nach den Hearings entscheiden, ob sie eine Empfehlung für einen Kandidaten abgeben werde. Noch wortkarger gibt sich die FDP: Man nehme die Kandidaturen der SVP «zur Kenntnis» und werde die Personen am 1. Dezember anhören, heisst es aus der Parteizentrale.

Hinter vorgehaltener Hand gilt nach der Nomination der Finanzexperte Aeschi als Favorit, trotz seines jugendlichen Alters. Klar scheint, dass er bei einer Mehrheit der SVP-Fraktion Lieblingskandidat ist – auch wenn Fraktionschef Adrian Amstutz am Freitag betonte, dass man sich mittelfristig zwei Bundesräte aus verschiedenen Sprachregionen erhofft. Der Wunsch der SVP dürfte die Bundesversammlung aber kaum beeindrucken. Das Rennen bleibt spannend.

Lesen Sie hier auch den Kommentar von az-Inlandchef Stefan Schmid.

«Die Schweiz steht vor wichtigen Entscheiden. Es ist wichtig, dass die SVP da im Bundesrat vertreten ist.» Seine Stärken: Mit seinen 36 Jahren ist Thomas Aeschi der jüngste Bundesratskandidat. Politisch machte der Zuger Nationalrat schnell Karriere. Erst 2009 wurde er Mitglied der SVP. Der Harvard-Absolvent und Wirtschaftsberater zählt zu einer neuen Generation von SVP-Politikern: jung, gut ausgebildet, strategisch denkend. Weggefährten bezeichnen ihn als blitzgescheiten Charmeur, unter Gegnern gilt er als verbissener Ideologe. Was ihm alle attestieren: Eloquenz und Fachwissen in Finanzfragen. Seine Schwächen: Thomas Aeschi sitzt erst seit 2011 im Nationalrat. Deshalb bestehen Zweifel an seiner Eignung für ein Exekutivamt. Selbst rechtsfreisinnige Parlamentarier, unter denen Aeschi gut vernetzt ist, äussern sich in dieser Frage kritisch. Kompromissfähigkeit wird ihm von Parlamentariern oft abgesprochen. Was ihn zudem für viele Linke und Mitte-Vertreter unwählbar macht: Der Zuger zählt zu den «Blocher-Zöglingen» – in dessen Komitee gegen den EU-Beitritt gilt er als treibende Kraft. Seine Chancen: Gut. Trotz aller Schwächen ist Aeschi als Deutschschweizer in der Favoritenrolle. Wird er gewählt, wäre die SVP erstmals seit Jahren wieder ernsthaft in die Regierungsverantwortung eingebunden.

Der Deutschschweizer: Thomas Aeschi

«Die Schweiz steht vor wichtigen Entscheiden. Es ist wichtig, dass die SVP da im Bundesrat vertreten ist.» Seine Stärken: Mit seinen 36 Jahren ist Thomas Aeschi der jüngste Bundesratskandidat. Politisch machte der Zuger Nationalrat schnell Karriere. Erst 2009 wurde er Mitglied der SVP. Der Harvard-Absolvent und Wirtschaftsberater zählt zu einer neuen Generation von SVP-Politikern: jung, gut ausgebildet, strategisch denkend. Weggefährten bezeichnen ihn als blitzgescheiten Charmeur, unter Gegnern gilt er als verbissener Ideologe. Was ihm alle attestieren: Eloquenz und Fachwissen in Finanzfragen. Seine Schwächen: Thomas Aeschi sitzt erst seit 2011 im Nationalrat. Deshalb bestehen Zweifel an seiner Eignung für ein Exekutivamt. Selbst rechtsfreisinnige Parlamentarier, unter denen Aeschi gut vernetzt ist, äussern sich in dieser Frage kritisch. Kompromissfähigkeit wird ihm von Parlamentariern oft abgesprochen. Was ihn zudem für viele Linke und Mitte-Vertreter unwählbar macht: Der Zuger zählt zu den «Blocher-Zöglingen» – in dessen Komitee gegen den EU-Beitritt gilt er als treibende Kraft. Seine Chancen: Gut. Trotz aller Schwächen ist Aeschi als Deutschschweizer in der Favoritenrolle. Wird er gewählt, wäre die SVP erstmals seit Jahren wieder ernsthaft in die Regierungsverantwortung eingebunden.

«Ich bin geehrt und stolz, als Vertreter der Romandie für den Bundesrat zu kandidieren.» Seine Stärken: So richtig schlau wird niemand aus Guy Parmelin. Der 55-jährige Waadtländer sitzt schon seit 2003 im Nationalrat. Doch unter Parlamentariern findet sich kaum jemand, der seinen politischen Leistungsausweis zu würdigen vermag. Er ist ein konzilianter und fairer Schaffer, ein umgänglicher Typ mit feinen Manieren. «Wie man sich einen Weinbauern vom Genfersee eben vorstellt», sagt ein FDP-Nationalrat. Politisch liegt er auf Parteilinie. Als Vizepräsident der Bundeshausfraktion versteht es Parmelin, Allianzen für die SVP zu schmieden. Seine Schwächen: In seiner Partei zählt Guy Parmelin nicht zu den führenden Köpfen. Der Waadtländer steht vor allem für eines: den Wunsch der SVP, ihr Image in der Westschweiz aufzupolieren. Gerade deshalb eilt ihm der Ruf eines Alibikandidaten voraus. Selbst positioniert sich Parmelin als Kandidat der prosperierenden Genfersee-Region. Doch just die wichtigen Stimmen der acht freisinnigen Parlamentarier aus Genf und der Waadt könnten ihm versagt bleiben, wie Recherchen zeigten. Seine Chancen: Intakt. Die Romandie hat allerdings schon zwei Vertreter im Bundesrat. Den Anspruch auf einen weiteren Sitz gibt es nicht.

Der Romand: Guy Parmelin

«Ich bin geehrt und stolz, als Vertreter der Romandie für den Bundesrat zu kandidieren.» Seine Stärken: So richtig schlau wird niemand aus Guy Parmelin. Der 55-jährige Waadtländer sitzt schon seit 2003 im Nationalrat. Doch unter Parlamentariern findet sich kaum jemand, der seinen politischen Leistungsausweis zu würdigen vermag. Er ist ein konzilianter und fairer Schaffer, ein umgänglicher Typ mit feinen Manieren. «Wie man sich einen Weinbauern vom Genfersee eben vorstellt», sagt ein FDP-Nationalrat. Politisch liegt er auf Parteilinie. Als Vizepräsident der Bundeshausfraktion versteht es Parmelin, Allianzen für die SVP zu schmieden. Seine Schwächen: In seiner Partei zählt Guy Parmelin nicht zu den führenden Köpfen. Der Waadtländer steht vor allem für eines: den Wunsch der SVP, ihr Image in der Westschweiz aufzupolieren. Gerade deshalb eilt ihm der Ruf eines Alibikandidaten voraus. Selbst positioniert sich Parmelin als Kandidat der prosperierenden Genfersee-Region. Doch just die wichtigen Stimmen der acht freisinnigen Parlamentarier aus Genf und der Waadt könnten ihm versagt bleiben, wie Recherchen zeigten. Seine Chancen: Intakt. Die Romandie hat allerdings schon zwei Vertreter im Bundesrat. Den Anspruch auf einen weiteren Sitz gibt es nicht.

«Ich bin ein Brückenbauer zwischen den Regionen. Mit meiner Nomination ehrt die SVP auch das Tessin.» Seine Stärken: Ein politisches Talent ist Norman Gobbi zweifellos, das bestreitet niemand. Dem 38-jährigen Sozialwissenschafter könne man alles zutrauen, sagen Weggefährten. Kleines und Grosses. Lautes und Leises. Der Tessiner Regierungsrat ist Lega-Mitglied und hat sich für die Bundesratswahlen flugs ein SVP-Mäntelchen übergeworfen. Er gehört zum pragmatischen Flügel seiner Partei. Als Regierungsrat hat er sich Respekt verschafft mit seinen Dossierkenntnissen. Darauf verweisen Politiker, die mit ihm in interkantonalen Gremien sitzen. Seine Schwächen: Norman Gobbi gilt als Asyl-Hardliner. Im vergangenen Sommer forderte er die Schliessung der Tessiner Grenze. Und sein Mundwerk ist bisweilen unberechenbar. Nicht nur einmal machte Gobbi mit rassistischen Äusserungen von sich reden. Einen schwarzen Eishockeyspieler beschimpfte er im Jahr 2008 als «Negro», vom Eishockeyverband kassierte er dafür eine Busse von 2000 Franken. Gobbi betont: Er sei älter geworden und wähle heute seine Worte bewusster. Seine Chancen: Intakt. Erstmals seit dem Jahr 1999 könnte mit Gobbi wieder ein Vertreter der italienischen Schweiz in den Bundesrat einziehen. Sven Altermatt

Der Tessiner: Norman Gobbi

«Ich bin ein Brückenbauer zwischen den Regionen. Mit meiner Nomination ehrt die SVP auch das Tessin.» Seine Stärken: Ein politisches Talent ist Norman Gobbi zweifellos, das bestreitet niemand. Dem 38-jährigen Sozialwissenschafter könne man alles zutrauen, sagen Weggefährten. Kleines und Grosses. Lautes und Leises. Der Tessiner Regierungsrat ist Lega-Mitglied und hat sich für die Bundesratswahlen flugs ein SVP-Mäntelchen übergeworfen. Er gehört zum pragmatischen Flügel seiner Partei. Als Regierungsrat hat er sich Respekt verschafft mit seinen Dossierkenntnissen. Darauf verweisen Politiker, die mit ihm in interkantonalen Gremien sitzen. Seine Schwächen: Norman Gobbi gilt als Asyl-Hardliner. Im vergangenen Sommer forderte er die Schliessung der Tessiner Grenze. Und sein Mundwerk ist bisweilen unberechenbar. Nicht nur einmal machte Gobbi mit rassistischen Äusserungen von sich reden. Einen schwarzen Eishockeyspieler beschimpfte er im Jahr 2008 als «Negro», vom Eishockeyverband kassierte er dafür eine Busse von 2000 Franken. Gobbi betont: Er sei älter geworden und wähle heute seine Worte bewusster. Seine Chancen: Intakt. Erstmals seit dem Jahr 1999 könnte mit Gobbi wieder ein Vertreter der italienischen Schweiz in den Bundesrat einziehen. Sven Altermatt