Grenzüberschreitungen über den rechten Rand hinaus gehören zum Marketing-Konzept der SVP, Kompromissbereitschaft eher weniger. Eine Ausnahme gab es diese Woche: Die wählerstärkste Partei hat ein umstrittenes Wahlkampf-Inserat abgeändert, nachdem sich mehrere Medienhäuser geweigert hatten, die Anzeige abzudrucken. Neu lautet der Titel des Inserates: «Kosovare schlitzt Schweizer auf!» Die korrigierte Fassung ist bereits in mehreren Zeitungen erschienen.

In der ursprünglichen Version war in der Mehrzahl von «Kosovaren» und «schlitzen» die Rede gewesen, was den meisten Verlagen zu weit ging: Denn inhaltlich basiert das Inserat auf einem Vorfall vom 15. August in Interlaken, bei dem ein Kosovare einen 38-jährigen Schweizer mit einem Messer lebensgefährlich am Hals verletzt hatte. Der Bruder des Täters war ebenfalls am Tatort – jedoch nicht am eigentlichen Angriff beteiligt.

Trotzdem war im ursprünglichen Titel des Inserates von «Kosovaren» und «schlitzen» im Plural die Rede. Somit liess die SVP-Werbung nur eine mögliche Schlussfolgerung zu: Dass die 200000 Kosovaren im Land generell dazu neigen, Schweizer mit Messern anzugreifen beziehungsweise «aufzuschlitzen». Gegen den Antirassismusartikel verstösst die Formulierung der SVP gemäss Strafrechtsprofessor Marcel Niggli aber nicht, weil sie zu unspezifisch sei.

Kein Bedauern

Auf Anfrage der az will SVP-Funktionärin Silvia Bär keinen Fehler einräumen. Sie bestätigt aber, dass man das Inserat auf Drängen der Verlage neu konzipiert habe. «Einige Publikationen, namentlich der ‹Tages-Anzeiger›, wollten das Inserat nur unter der Bedingung abdrucken, dass der Titel geändert wird», sagt Bär. «Wir selbst hätten den Titel nicht geändert, schliesslich waren es zwei Brüder, die an der Tat beteiligt waren.»

Den Entscheid für den neuen Titel fällte die SVP-Führung offenbar am Montagnachmittag. Einen Tag, nachdem das Inserat in der «SonntagZeitung» erstmals erschienen war: Der Auslöser war, dass sich nun auch die Inserateabteilungen von mehreren Tageszeitungen weigerten, die Anzeige abzudrucken, wie am Vortag schon «Der Sonntag» und der «SonntagsBlick». Der Druck zeigte Wirkung. Bär sagt: «Wir haben die Anpassung des Titels im Sinn eines pragmatischen Entscheids vorgenommen.»

Das Skandal-Inserat geistert dennoch weiterhin durch den Blätterwald: Am Donnerstag beispielsweise landete die alte Version des Inserates im «St. Galler Tagblatt». Chefredaktor Philipp Landmark entschuldigte sich gestern bei seinen Lesern dafür, «dass dieses Hetz-Sujet unkontrolliert den Weg ins Blatt fand». Die SVP versuche, politisches Kapital aus Verbrechen zu schlagen, «indem sie pauschal eine ganze Volksgruppe diffamiert», schreibt Landmark. Die Urheber des Inserats seien in diesem Fall bewusst über die bekannten provokativen Muster hinausgegangen.

«Gotteslästerlich»

Noch deutlicher kritisiert nur die Schweizer Bischofskonferenz die SVP: «Die Publikation dieses Hetzinserates stellt einen erneuten Dammbruch in der politischen Kultur der Schweiz dar», heisst es in einer Medienmitteilung vom Donnerstag. «Wir fordern alle Verantwortlichen in den Medien auf, dieser gotteslästerlichen Menschenverachtung keinen Platz mehr einzuräumen.»

Silvia Bär findet, dass das Inserat gerechtfertigt war. «Uns nervte, dass abgesehen vom ‹Blick› keine anderen Medien über den Fall berichteten», sagt sie. Ihre Partei wolle aufzeigen, dass «die Täter die Schweiz nach heutiger Rechtsprechung wohl nie verlassen werden müssen, weil sie eine Familie haben».