«Es ist schade, dass dieser Nebensatz so hohe Wellen geschlagen hat», sagt sie. «Denn eigentlich geht es um ein ernstes Thema: Ein Drittel der Vergewaltiger kann quasi straffrei davonkommen», sagte Andrea Geissbühler im «TalkTäglich» auf TeleM1. «Dort müssen wir politisch vorgehen und schauen, ob die Richter einen engeren Spielraum haben müssen.» Diese Frage sei das Hauptthema. «Darauf möchte ich mich konzentrieren.»

Der Nebensatz wurde Anfang Woche auf TeleBärn ausgestrahlt: Naive Frauen, die fremde Männer nach dem Ausgang mit nach Hause nehmen würden, «ein bisschen mitmachen und dann plötzlich doch nicht wollen», diese tragen eine Mitschuld an ihrer Vergewaltigung, sagte die Berner SVP-Nationalrätin. 

Mit dieser Aussage waren viele nicht einverstanden. Unter anderem auch die SP-Nationalrätin und Aargauer Regierungsratskandidatin Yvonne Feri. Sie diskutierte im «TalkTäglich» mit Geissbühler über die Schuld oder Unschuld von Vergewaltigungsopfern.

«Wichtig, dass Frauen klar kommunizieren»

SVP-Nationalrätin Geissbühler steht noch immer hinter ihrer Aussage – sie hoffe nun, damit Frauen zum Überlegen zu bewegen: wenn man einen Typen mit nach Hause nimmt, was möchte man, was möchte man nicht, und dies auch entsprechend zu kommunizieren. 

Geissbühler meinte zudem, wenn eine Frau zu Hause noch klar sagen würde: «Hey, ich will das nicht», dann würde es nicht zu einer Vergewaltigung kommen. «Hier hat die Frau eine Eigenverantwortung. Bei der eigentlichen Tat aber natürlich nicht. Es ist klar, ein Mann darf keine Gewalt ausüben, Täter ist Täter und Opfer ist Opfer. Und ein Nein bleibt ein Nein.»

«Grenzen setzen und diese respektieren»

Frauenrechtlerin Yvonne Feri teilte Geissbühlers Ansicht zur Mitschuld von naiven Frauen nicht: «Es muss doch möglich sein, dass ein Mann und eine Frau zusammen in einer Wohnung sein können, dort gemütliche Stunden haben, aber sie auch Grenzen setzen kann und diese auch respektiert werden. Ein Nein ist ein Nein, und das muss in jedem Umfeld respektiert werden.»

Für Feri ist klar: Zu einer Vergewaltigung kann es auch in den eigenen vier Wänden, in einer Disco oder einer öffentlichen Toilette kommen. «Auch dort trägt die Frau keine Mitschuld. Eine Frau ist kein Freiwild und kein Spielzeug. Ein Mann hat die Frau als Person zu respektieren.»

Geissbühler stimmte Feri zu, dass bei einer Vergewaltigung das Opfer keine Schuld trägt. Aber man müsse sich doch klar bewusst sein, welcher Gefahr man sich aussetzt, wenn man einen Mann nicht kennt. «Sicherlich verstehen viele Männer das Nein, aber nicht alle. Und dessen muss sich die Frau bewusst sein und entsprechend die Verantwortung übernehmen.»

Doch Yvonne Feri konterte, dass die Täter nicht zwingend fremde Leute sein müssen: «Es sind oft auch Bekannte, beispielsweise der Partner.»

Eine Frau hat dies in einem Onlinekommentar bestätigt. Sie fragt rhetorisch: «War ich auch mitschuldig, als mir mein Ex das angetan hat, weil ich ihm vertraut habe, dass er nur reden wollte?»

Geissbühler beantwortet diese Frage klar mit Nein – zumal sie gerade solche Beispiele nicht mit ihrer Aussage gemeint hat. Es handle sich hierbei nicht um einen Fremden, daher konnte man nicht damit rechnen.

Ein Drittel auf freiem Fuss

Nun lenkte Geissbühler die Diskussion weg von ihrer prekären Aussage und zum Ursprung, wie es dazu gekommen war: Den, für sie, zu milden Strafen für Vergewaltiger: «Gerade hier sollten wir ansetzen. Solche Vergewaltiger sollten hart bestraft werden. Nur eine bedingte Strafe ist hier keine Strafe.»

Und tatsächlich, im letzten Jahr sind rund ein Drittel der verurteilten Vergewaltiger durch eine bedingte Strafe auch weiterhin auf freiem Fuss. Auch für Feri ist diese Statistik unverständlich. Sie ergänzt aber, dass man bisher nichts ändern konnte, da die Mehrheiten aus National- und Ständerat jeweils dagegen waren.

Hierbei kann sich Geissbühler nicht verkneifen, gegen Links zu schiessen: «Ich bin aus einem Grund froh, dass ich diesen Nebensatz gebracht habe, denn nun kommt die linke Bevölkerung, zerreisst sich das Maul über mich, und das sind genau jene, die sonst gegen eine Verschärfung des Gesetzes wehren.»

Feri allerdings konterte salopp, dass im Parlament eine bürgerliche Mehrheit herrsche – es also nicht per se die Linken sind, die sich gegen eine solche Verschärfung wehren. «Wir sind auch für eine Anhebung der Mindeststrafe, denn Vergewaltigung ist kein Kavaliersdelikt.»

Naive Frauen mitschuldig an Vergewaltigungen?

Naive Frauen mitschuldig an Vergewaltigungen? (Der ganze «TalkTäglich»)

Mit ihrer Aussage über Sexualdelikte sorgte SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler für grosse Empörung – auch bei SP-Nationalrätin Yvonne Feri.